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Full text of "Programm der Kommunisten (Bolschewiki) [microform]"

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97-84162-12 

Bukharin, Nikolai 
Ivanovicli 

Programm der 
Kommunisten (Bolshewiki) 

Cleveland 
[19181 



MASTER NEGATIVE # 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DIVISION 

BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARGET 



ORIGINAL MATERIAL AS FILMEO - EXISTING BIBLIOGRAPHIC RECORD 



! 



308 
Z 

Box 706 



Buldukrln» Nikolai ivanovioh, 1888-1938, 

Progmm der kanBamistea (bolsche\fiki) 
Cleveland, Teiler Publishing assooiation clölöi 
95, |lj p. 



At head of title« N. Bucharin. 
"Bin konsutar «um prograrara der Kai 
Partei (bolechewiki) Ruealajids«" 



lunistischen 



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(BOLSGHEWIKI) 




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TOILER PUBLISHING ASSOCIATION 

GLEVBLANO. OHIO 



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INHALT ' 

L Herrschaft des Kapitals, die Arbeiterklasse und die Dorfarmut— J 

II. Raubkriege, Unterdrückung der Arbeiterklasse und beginnender 
Untergang des Kapitalismus H 

III. Allgemeine Teilung oder genossenschaftlich - kommunistische 
Produktion? . — 1^ 

IV. Anarchistische oder kommunistische Gesellschaftsordnung?— 18 

V. Durch die Diktatur des Proletariats zum Kommunismus 1—^ — - 22 

VI. Arbeiterrat-Regierung oder bürgerliche Republik? ^— .27 

VIL Freiheiten für die Arbeiterklasse und die arme Bauernschaft. 
Zügel für die Bourgeoisie (Wortfreiheit, Pressefreiheit. Koali- 
tions- und Versammlungsfreiheit in der Räterepublik) . 33 

VIII. Die Banken — GemeinbesiU der Arbeitenden! (Sozialtsierung 

. der Banken) — ~ 39 

IX. Die Grcssindustrie — der Arbeiterklasse! (Sozialisierung der 
Industrie) — — — — 43 

X. Gesellschaftliche Bearbeitung des nationalen Bodens 48 

XI. Die Verwaltung der Industrie durch die Arbcitcc— 52 

XII. Brot uur den Arbeitenden! (Die Arbeitspflicht der Reichen)— 56 

XIII. Richtige Verteilung der Produkte, Vernichtung des Handels- 
gewinns und der ^>ekulatioa; Konsumkommunen 60 

XIV. Die Arbeitsdisziplin der Arbeiterklasse und der armen Bauern 65 

XV. Das Ende der Geldherrschaft ("Staatsfinanzen" in der Räte- 
republik und Geldwirtschaft) ^— . 6B 

XVI. Keine Handelsbeziehungen zu dem imperialistischen Aus- ^ 
land für die russischen Bourgeois 1 (Nationalisierung des 
Aussenhandels) : ^ 72 

XVIL Neben der wirtschaftlichen die geistige Befreiung! (Kirche 
und Schule in der Räterepublik) 74 

XVIII. Das Volk unter WaflFen bewacht seine Eroberungen (Die 
Armee in der Sowjetrepublik) rzr—^: — ^ 

XIX. Die Befreiung der Völker (Nationale Frage und interna- 
tionale PoUtik) ~ » 

Schlttss (Warum nennen wir uns Kommjaiisten?) 93 



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^GENE BECHTOLO 
CHICAQO, lO. 



N. BUCHARIN 



PROGRAMM 

DER 

KOMMUNISTEN 



(BOLSGHEWIKI) 




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TOILER PUBLISHING ASSOGIATI 

CLEVELAND 



INTENTIONAL SECOND EXPOSURE 

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INHALT '^•iülü 

I. Herrschaft des Kapitals, die Arbeiterklasse und die Dorf armut__ |' 

II. Raubkriege, Unterdrückung der Arbeiterklasse und beginnender 
Untergang des Kapitalismus—^ — If 

III. Allgemeine Teilung oder genossenschaftlich - kommunistische _ 
Produktion? ^- " 

IV. Anarchistische oder kommunistische Gesellschaftsordnung?«— 18 

V. Durch die Diktatur des Proletariats zum Kommunismus! — — 22 

VI. Arbeiterrat-Regierung oder bürgerliche Republik? 27 

VIL Freiheiten für die Arbeiterklasse und die arme Bauernschaft. 
Ziigcl für die Bourgeoisie (Wortfreiheit. Pressefreiheit, Koah- 
tions- und Versammlungsfreiheit in der Räterepublik) 33 

VIII. Die Banken — Gemeinbesitz der Arbeitenden! (Sozialisierung 

. der Banken) ^ — 39 

IX. Die Grcssindustrie — ider Arbeiterklasse! (Sozialisierung der 
Induatrie) ~ — ■ — ~ 

X. Gesellschaftliche Bearbeitung des nationalen Bodens 48 

XI. Die Verwaltung 4er Industrie durch die Arbeiter..- 52 

XIL Brot nur den Arbeitenden! (Die Arbeitspflicht der Reichen).- 56;^; 

Xlll. Richtige Verteilung der Produkte, Vernichtung des Handels- 
gewinne und der Spekulation; Konsumkommunen 60 

" XIV. Die Arbeitsdisziplin der Arbeiterklasse und der armen Bauern 65 

XV. Das Ende der Geldherrschaft ("Staatsfinaßiicn" in der Räte- 
republik und Geldwnrtschaft) 68 

V XVI. Keine Handelsbeziehungen zu dem imperialistischen Aus- V 
land für die russischen Bourgeois! (Nationalisierung des " 
Ausseiihandels) — ~- '2 

XVII. Neben der wirtschaftlichen die^geistige Befreiung! (Kirche 
und Schule in der Räterepublik) — 74 

XVIII. Das Volk unter Waffen bewacht seine Eroberungen (Die 
Armee in der Sowjetrepublik) r~ ^ ^ 

XIX. Dip Befreiung der Völker (Nationale Frage und interna- 
tionale Politik) — » 

Schluss (Warum nennen wir uns Kommunisten?) — 93 

PIGENE BECHTOLO 
CHiCAQO, ILL 



N. BUCHARIN 

PROGRAMM 

DER 

KOMMUNISTEN 

(BOLSCHEWIK!) 





TOILBR 



PUBLISHING ASSOCIATION 

CLEVELAND 



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^ Vorbemerkung. 

> „Das Prc^rramm der Kommunisten", ein Komentar zum 
Programm der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) Russ- 
lands, von N. Bucharin, das wir hiermit den deutsch-sprechenden 
Arbeitern in Amerika zugänghch machen, ist in MilHonen von 
Exemplai:^ in Russland verbreitet worden und hat viel dazu bei- 
getragen, die Massen der russischen Arbeiter für die Sowjet- 
republik zu gewinnen. Die vorliegende Ausgabe ist die unver- 
kürzte Kopie einer autorisierten deutschen Uebersetzung, heraus- 
gegeben vom Spartakusbund in Deutschland. 

Dieses Büchlein wird imstande sein, die Leser einzuführen 
in die Grundprinzipien der herrschenden Partei Russlands und 
in den Gedankengang ihrer Führer. Es wird dazu beitragen, 
^en Lesern das Verständnis zu öflFncfta über die innere und äussere 
Politik Russlands, die heute den Vordergrund der Weltenbühnc 
einnehmen. Gleichzeitig gibt dieses Büchlein einen Begriff der 
Prinzipien des revolutionären- Marxismus, was zu einer Zeit, wo 
so viele Charlatane wie Spargo und Hillquit im Nam^ Marx zu 
sprechen wagen, allein die Publikation dieses Büchleins recht- 
fertigen würde und ihm eine weite Verbreitung sichern sollte. 

Die Herausgeber. 




Vorwort des Verfassers zur ungarischen 

Ausgabe 

* 

Diese Broschüre entwirft das Programm unserer Partei. 
NicHt für Literaten und sogenannte Intellektuelle, sondern für 
einfache Arbeiter und für Dorfproletarier ist diese Schrift ver- 
fasst worden. Es ist dies zugleich der erste Versuch, die Er- 
fahrungen der proletarischen Revolution derart zu verarbeiten, 
dass jeder einzelne Arbeiter jene neuen Aufgaben, welche jetzt 
auf die Schultern des Proletariats fallen, klar erkennen kann. 
Diese Aufgaben sind in Wahrheit neue, so wie die Epoche neu 
ist, die sie uns gestellt hat. An Stelle des für das aUgememe 
Wahlrecht geführten Kampfes schliessen wir die Klassendtktatur 
des Proletariats. Statt kleiner Reformen stellen wir die ganze 
bisherige kapitalistische Wirtschaftsordnung auf den Kopf. 

Die Erläuterung dieser Massnahmen, der Einwände unserer 
Gegner gegenüber diesen Massnahmen, die Wertung der gesam- 
ten Tatsachen des aufsteigenden Sozialismus auf seinem Wege 
zum Kommunismus — dies ist der Zweck dieser Broschüre. 

Für die west- und mitteleuropäischen Genossen wäre da 
noch etwas hinzuzufügen: Diese Broschüre enthält das Pro- 
gramm des sieffreicken Proletariats, ist für die der Revolution 
folgenden Tage bestimmt. Es ist selbstverständüch, dass man 
die Ziele der Revolution noch vor der Revolution kennen lernen 
muss. Allein für das westeuropäische wie für das mitteleuro- 
päische Proletariat ist es auch wichtig, die Modalitäten des 
Kampfes gegen den bürgerlichen Staat m kennen. Das darauf 
bezügliche Kapitel, das auch der Eriäuterung zwder Begriffe — 
des Generalstreiks und des bewaffneten Aufstandes — besteht, 
ist in dieser Broschüre nicht enthalten. Mit umso grosserem 
Nachdruck muss ich aber hier auf diese zwei Forderungen ver- 
weisen. Denn nun ist der Aufstand des westeuropäischen Pro- 
letariats an der Reihe. Der Generalstreik und der Aufstand, die 
proletarische Diktatur, die soziale Räterepublik mit dem Motto 
der internationalen Räterepublik, die nach jeder ^chtung ge- 



5 



hende Unterdrückung der Unterdrücker — dies ist jetzt Eure 

Tagesarbeit, Genossen. 

Gerade jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist unsere grosse 
russische Kommune von allen Seiten umstellt, von allen Seiten 
von den imperialistischen Menschenfressern tödlich bedroht. 
Lassen Sie nicht zu, Genossen, dass die erste sozialistische Re- 
publik von Euren kapitalistischen Banditen erwürgt werde. Er- 
hebt Euch gegen die Diktatur des Finanzkapitals, für die Dikta- 
tur des Proletariates ! Wir warten auf Euch. Pochenden Her- 
zens begrüssen wir einen jeden bei Euch ausgebrochenen Streik, 
jede Militärrevolte. Wir wissen sehr wohl : unser Programm 
•wird auch das Eure sein. Denn es ist nicht nur das Programm 
des russischen Proletariats, es ist das Pro^amm^ des Welt- 
Proletariats. 

Moskau, 9. August 1918. 

Nicolai Bucharin. 



V 

/ 



I. Herrschaft des Kapitals, die Arbeiterklasse und die 

Dorfarmut. 

In allen Ländern mit Ausnahme von Russland nach der No- 
vemberrevolution, und vor dem November 1917 auch in Russ- 
land, regiert das Kapital. Welches Land wir auch nehmen woll- 
ten — das halb-autokratische Preussen, oder das republikanische 
Frankreich oder das sogenannte demokratische Amerika — 
überall hat das Grosskapital die Macht in seinen Händen. Eine 
kleine Handvoll von Menschen — die grossen und grössten Ban- 
kiers, Gutsbesitzer und Fabrikanten — hält MilHonoi und aber 
Millionen von Arbeitern und armen Landarbeiten in Unterjo- 
chung und Sklaverei, zwingt sie zu arbeiten und zu schuften und 
schmeisst sie auf das Pflaster, sobald sie unbrauchbar geworden 
sind, sobald sie ausgearbeitet, ausgenutzt sind und dem Gebieter 
Kapital keinen Profit mehr bringen können. 

Diese ungeheure Macht über Millionen werktätiger Men- 
schen verleiht den Bankiers und Fabrikanten ihr Reichtum. 
Warum muss der arme Teufel, der aufs Pflaster gesetzt worden 
ist, verhungern? Darum, weil er nichts besitzt ausser sdnen 
beiden Händen und den beiden Füssen, die er an den Kapitalisten 
verkaufen kann, wenn dieser Kapitalist sie brauchen will. War- 
um kann der Reiche und der Bankier oder der Industrielle, ohne 
zu arbeiten, sdnem Vergnügen leben, seinen Gewinn einstecken 
und täglich, stundlich, minüthdi Profit häufen? Darum, weil 
er nicht allein zwei Öände und Füsse besitzt, sondern auch die 
Produktionsmittel, ohne die man heutzutage nicht arbeiten kann : 
die Fabriken, die Maschinen, die Eisenbahnen, die Bergwerke, 
den^Grund und Boden, die Schiffe und Dampfer, alle möglichen 
Apparate und die verschiedenartigsten Instrumente. Dieser von 
Menschen angehäufte Reichtum gehört in der ganzen Welt, mit 
Ausnahme des heutigen Russland, lediglich den Kapitalisten und 
Gutsbesitzern, die ebenfalls Kapitalisten geworden sind. Bei 
einer solchen Lage der Dinge kann es nicht Wunder nehmen, 
dass eine kleine Handvoll Menschen, die alles Nötige, die aller- 
notwendigsten Dinge in ihren Händen hat, alle übrigen Men- 
schen, die nichts besitzen, beherrscht. Ein armer Teufel kommt 
vom Lande in die Stadt und geht Arbeit suchoi. Zu wem geht 
er? Zu dem Unternehmer. Zu einem, der eine Fabrik oder 

7 ■ 



eine Werkstatt sein eigen nennt. Da hat es der Unternehmer 
in seiner Maclit, mit dem Mann zu machen, was er will. Wenn 
sdne treue« Diener, die Direktoren und Rechenmeister, nun aus- 
gerechnet haben, dass man aus neu ang^teUten Arbeitern mit 
mehr Nutzen Geld herauspressen kann, als aus den alten allein, 
so „gibt er ihm Arbeit", sonst weist er ihm die Tür. Der Ka- 
pitalist ist auf seiner Fabrik der König und der Gott. Alle ge- 
horchen ihm und folgen seinen Befehlen. Auf sein Geheiss 
wird die Fabrik erweitert oder eingeschränkt. Auf seine An- 
ordnung hin geschieht mit Hilfe der Meister und der Verwal- 
tung die Auszahlung und die Einstellung und Entlassung der 
Arbeiter, Er bestimmt, wie lange die Arbeiter zu arbeiten ha- 
ben und welchen Lohn sie beanspruchen dürfen. Und all das 
geschieht deshalb so, weil die Fabrik „seine" Fabrik ist, weil die 
Werkstatt seine Werkstatt ist, ihm gehört, sein Privateigentum 
ist. Ehen diesss Privateigentum der Produktionsfnittel ist mtch 
die Ursache jener ungeheueren Macht, über die das Kapital ver- 
fügt. 

Dasselbe ist auch mit Grund und Boden der Fall. Betrach- 
ten wir ein angeblich so freies tuid demokratisches Land wie die 
Vereinigten Staaten von Amerika, von denen uns die Bourgeoisie 
. die Ohren voUgeredet hat Tausende von Arbeiten bestdl^ 
dort fremdes L^nd, das Land der schwerreichen Grundbesitzer. 
Alles geschieht hier genau so wie in einer Riesen fabrik : Dutzende 
und Hunderte elektrisch betriebener Pflüge, Mähmaschinen, 
Schnittmaschinen, Garbenbindmaschinen — und mit ihnen 
schuften von morgens früh bis abends spät Lohn-Sklaven. Und 
genau so wie in der Fabrik arbeiten ^e auch hier nicht für sich 
selbst, sondern für doi Unternehmer. Denn der Grund und 
Boden selbst, sowohl die Aussaat und die Maschinen, kurz, alles 
ausser den Arbeitshänden, ist Privateigentum des Kapitalisten 
und Unternehmers. Hier ist er Selbstbeherrscher. Er befiehlt 
und leitet das Ganze so, dass er möglichst viel Schwdss und 
Blut in klingende Mimze verwandelt. Ihm gdiorcht man, wenn 
auch manchmal mit Murren, aber man presst sich immer weiter 
Geld für den Unternehmer aus, denn er besitzt alles, während 
der Arbeiter und der Dorfarme nichts haben. 

Es kommt auch manchmal vor, dass der Grundbesitzer keine 
Arbeiter dingt, sondern sein Land verpachtet. In Russland z. B. 
^waren die armen Bauern mit kleinen Parzellen, auf doien höch- 
stens ein Huhn Futter suchen konnte, gezwungen, Land vom 
Gutsbesitzer zu pachten. Sie bestellten dieses Land mit eigenem 
Pferd, eigeneiii Pflug und eigener Egge. Aber auch da wurden 



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sie unbarmherzig ausgebeutet. Je mehr der Bauer des Landes 
bedurfte, umso höheren Pachtzins quetschte der Gutsbesitzer 
heraus und unterjochte geradezu die armen Bauern. Weshalb 
krämte er das tun ? Deshalb, weil das Land damals sein, des 
Gutsbesitzers, Land war; deshalb, weil das Laad das Privat- 
eigentum der Grundbesitserklasse war. 

Die kapitalistische Gesellscaft kann in zwei Lager eingeteilt 
werden: in das Lager derjenigen, die viel arbeiten und wenig 
und schlecht essen, und jener, die wenig oder gar nicht arbeiten, 
dafür aber viel und gut essen. Es geht nicht ganz nach der 
Schrift, wo es heisst: „Wer nidit arbeitet, der soU auch nicht 
essen." Dieser Umstand hindert jedoch die Pfaffen aller Reli- 
gionen und Sprachen nicht, die kapitalistische Ordnung zu prei- 
sen: erhalten ja die Pfaffen überall (ausser in der russischen 
Räterq>ublik) von Amts wegen Gehalt durch das Kapital. 

Nun eitsteht dne zweite Frage: Wie kommt es, dass ein 
Haufen Schmarotzer alle notwendigen Produktujnsmittel als sein 
Privateigentum behalten kann? Wie kommt es, dass dieses Pri- 
vateigentum der schmarotzenden Klassen bis jetzt besteht? Was 
ist die Ursache davon ? 

Die Ursache jiiegt darin, dass die Feinde des werktätigen 
Volkes aufs Ausgezeichnetste organisiert sind. Heutzutage gibt 
es kein einziges kapitalistisches Land, in dem jede*» der K^ita- 
listen vereinzelt wirkte. Im Gegenteil, jeder von ihnen ist un- 
bedingt Mitglied von wirtschaftlichen Organisationen. Und 
diese wirtschaftlichen Verbände haben- eben alles in ihren Hän- 
den ; sie haben Zehntausende ihrer treuen Agenten, die ihnen bis 
auf Leben und Tod ergeben sind. Das ganze wirtschaftliche Le- 
ben jedes kapitalistischen Landes, befinde sich voUkommen in 
der Macht der speziellen wirtschaftlichen Organisationen: der 
Syndikate, Trusts und grossen Bankverbände. Diese Verbände 
beherrschen alles und verfügen über alles. 

Der allerwichtigste Unternehmerverband ist jedoch der bür- 
gerliche Staat. Diese wirtschaftliche Organisation hält in ihrei\ 
Händen alle Fäden der Verwaltung und dör Macht. Da ist alles 
erwogen und berechnet, alles wohlbedacht und so eingeriditet, 
dass beim ersten Versuch von Seiten der arbeitenden Klasse, sich 
gegen die Herrschaft des Kapitals aufzulehnen, dieser Versuch 
sofort im Keime unterdrückt wird. Dem Staat steht alles zur 
Verfügung, sowohl die grobe, ttiaterielle Macht (Spione, Poli- 
zisten^ Gerichte, Henker, gedrillte und seelenlos gewc»dene Sol- 
daten) wie auch die geistige Macht, die unversehens die Arbeit« 
und dÜe armen Leute moralisch verkommen läs^t, indem sie ihnen 

9 



falsche Begriffe einflösst. Zu diesem Zweck hat der bürgerUche 
Staat die Schule und die Kirche, zu denen noch die kapitalistische 
Presse hinzukommt. Bekanntlich verstehen Schweinezüchter 
solche Schweine zu züchten, die sich vor allzu grosser Fettmenge 
kaum bewegen können, dafür aber ein ausgezeichnetes Schlacht- 
vieh liefern. Solche Schweine werden künstlich aufgepäppelt, 
denn sie bekommen Tag ein und Tag aus ein besonderes Futter, 
durch das sie Fett ansetzen. Genau so verfährt die Bourgeoisie 
mit der arbeitenden Klasse. Richtiges Futter gibt sie freilich nur 
sdir wenig — zum Fettwerdoi kaum. Dafür aber bietet sie Tag 
ein Tag aus der arbeitenden Klasse eine besondere geisHge Nah- 
rung, von der ihr Gehirn verfettet wird und zu funktionieren auf- 
hört. Die Bourgeoisie strebt darnach, die arbeitende Klasse in 
eine Schweineherde zu verwandeln, die gefügig und zum Ab- 
schlachten gut ist, die nicht raisonniert und beständig gehorcht. 
Daher flösst die Bourgeoisie durdi die Schule und die Kirche 
schon den Kindern den Gedanken dn, man mässe der Obrigkeit 
gehorchen, da sie von Gott eingesetzt sei; einzig und allein die 
Bolschewiki wurden in unserer Zeit, an Stelle von Gebeten, des 
Kirchenbanns gewürdigt, denn sie lehnten es ab, den Kutten tra- 
genden Betrügern Staatsgehalt zu zahlen. Deshalb eben ist die 
Bourgeoisie l^üht, audi ihre Lügei^Hresse möglichst m ver- 
breiten. ♦ 

Die Höchstorganisiertheit der bürgerlichen Klasse gibt ihr 
die Möglichkeit, das Privateigentum weiter beizubehalten. Mil- 
lionäre sind sehr rar, aber um diese herum sehen wir eine tüch- 
tige Anzahl treuer, ergebener und glänzend bezahlter Diener: 
Minister, Fabrikdirektoren, Bankdirektoren usw. ; diese letzteren 
umgeben noch mehr Hdf arshdf er, die weniger gut bezahlt wer- 
den, aber mit Leib und Seele von ihnen abhängen und genau in 
demselben Geiste erzogen sind; diese reflektieren auf ebensolche 
Posten, wenn sie diensteifrig sind; darauf folgen die noch win- 
zigeren Beamten und Agenten des Kapitals usw. In Reih und 
Glied folgen sie aufeinander, sind durch die eine und dieselbe 
Organisation des bürgerlichen Staates und anderer Untemdi- 
mer- Verbände mit einander verbunden. Diese Organisationen 
überziehen jedes Land wie ein Netz, in dem die arbeitende Klasse 
hilflos zappelt ... 

Jeder kapitalistische Staat verwandelt sich in der Tat in 
einen ungeheuren Unt^nehmer- Verband. Die Arbeiter arbeiten 
— die Unternehmer geniessen. IHe Arbeiter führen aus — die 
Unternehmer befehlen. Die Arbeiter werden betrogen — die 
Unternehmer betrügen. Das ist eben jene Ordnung, die man die 



10 



4 



kapitalistische nennt und der zu folgen uns die Herren Kapita- 
listen und ihre Diener auffordern: &e Pfaffen, die Intellektuel- 
len, die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre und die anderen 
lieben Freunde der Arbeiter und Bauern. 

IL Ranlikriege, Untordröckimgr der Arbeiteridasse mid 
^ beginnend» Untergang des Kapitalismus. 

In der letzten Zeit war in jedem kapitalistischen Lande das 
Kleinkapital fast verschwunden, die grossen Haie des Gross- 
kapitals hatten es verschlungen. Früher rissen sich viele ein- 
zelne Kapitalisten um den Absatz; jetzt, da ihrer wenige ge- 
blieben sind (denn alle kleinen Leute sind vo'kracht), hab^ ^ch 
die Zurückgebliebenen verdnigt, organisiert und verfügen über 
jedes beliebige Land genau so wie früher der Gutsbesitzer über 
sein Gesinde verfügte : einige wenige amerikanische Bankiers 
beherrschen ganz Amerika, wie früher der einzelne Kapitalist 
seine Fabrik beherrschte ; ein paar französische Wucherer haben 
sich das ganze französische Volk unterjocht; fünf der grössten 
Banken Deutschlands verfügen über das Schicksal des gesamten 
deutschen Volkes. Dasselbe ist auch in den andern kapitalisti- 
schen Ländern der Fall. Man kann daher sagen, dass die heu- 
tigen kapitalistischen Staaten oder wie man sie riennt „Vater- 
länder", sich in riesengrosse Fabriken verwandelt haben, die von 
dem Wirt^chaftsverband beherrscht werd^, genau so wie früher 
der dhzdne Ki^talist seine einzelne Fabrik beherrschte. 

Es ist nicht verwunderlich, dass diese Verbände, die Staats- 
verbände der verschiedenen Bourgeoisien unter einander den- 
selben Kampf führen, der früher unter den einzelnen Kapitali- 
sten geführt wurde; der engUsche bürgerliche Staat kämpft ge- 
nau so g^en den deutschen bürgarlidien Staat wie früher in 
England oder in Deutschland selbst der eine Fabrikant den an- 
dern bekämpfte. Nur ist jetzt der Einsatz beim Spiel tausend- 
mal grösser geworden, und der Kampf um die Vermehrung der 
Profite wird jetzt mit Hilfe von Menschenleben und Menschen- 
blut geführt. 

In diesem Kampf, der die ganze Erde umfasst, gehen zu- 
nächst die kldnen und schwachen Lander zugrunde. Zuerst 
müssen die schwachen, manchmal wilden Stämme der Kolonial- 
länder daran glauben, die von den grossen Räuberstaaten stück- 
weise an sich gerissen werden- Da geht der Kampf um die Ver- 
teilung unter den grossen Staaten der "freien" Gebiete, d. h. der 
Länder, die nodi nicht ym den ^^vilisi^t^" Staäten etnge- 

U 



heimst wurden. Es entsteht der Kampf um die Neuaufteilung 
der Beute. Natürlich muss dieser Kampf um die Teilung der 
Erde blutig und erbittert sem wie noch nie. Jetzt führen diesen 
✓ Kampf ungeheuere Kolosse, die mächtigsten Staaten der Erde, 

die mit den vollkommensten Mordinstrumenten bewaffnet sin<L 
Der Weltkrieg, der im Sommer 1914 ausgebrochen ist und 
bis heute dauert, ist der erste Krieg um eine entscheidende ,Neu- 
teilung der Erde unter den Ungeheuern des „zivilisierten" Raub- 
wesens. Der Krieg hat in seinen Strudel die vier wichtigsten 
gigantischen Nebenbuhler hineingezogen: England, Deutschland, 
Amerika und Japan. Und der Kampf geht um die Frage, wel- 
cher dieser Raubverbände die Welt unter die Herrschaft semer 
blutig-eisernen Faust zwingen wird. 

Dieser Krieg hat die ohnehin schwere Lage der arbeitenden 
Klassen überaU unsagbar va-schlimmert. Ungdieuere Lasten 
wurden auf die Arbdter abgewälzt. Millionen der besten^ Ar- 
beiter sind auf den Schlachtfeldern hingeschlachtet; Hunger iSt 
das Los der Zurückgebliebenen; diejenigen, die aufzumucken 
wagen, werden mit den schlimmsten Strafen bedroht. Alle Ge- 
fängnisse sind überfüllt, Polizeischergen mit Maschinengewehren 
stehen gegen die Arbeiterklasse bereit Die Rechte der Arbeiter 
sind sogar in den „frciesten" Ländern verschwunden, nicht ein- 
mal Streiken ist erlaubt, Streiks werden als Hochverrat bestraft' 
Die Arbeiterpresse ist unterdrückt. Die besten Arbeiter, die 
treuen Kämpfer der Revolution, werden gezwungen, sich zu ver- 
bergen und ihre Organisationen illegal aufzurichten, wie wir es 
unter -Jem Zaren taten, heimUch, und den Scharen der Spione 
und Polizisten ausweichend. Was Wunder, dass bei solchen 
Folgen des Krieges die Arbeiter nicht nur zu stöhnen beginnen, 
sondern auch sich gegen ihre Unterdrücker erheben. 

Aber auch die bürgerlichen Staaten selbst, die das Riesen-, 
gemetzel begonnen haben, fangen an, morsch zu werden und zu 
zerfallen. Die bürgerlichen Staaten haben sich sozusagen „ver- 
rannt" Sie versanken im Mutigen Sumpf, den sie in ihrer Jagd 
nach Profit geschaffen haben, und jetzt sehen sie keinen Ausweg. 
Zurückgehen, mit leeren Händen heimkehren, nach soviel V«-- 
schwendung an Geld, Gütern und Blut, ist unmöglich. Und vor- 
wärts gehen, einem neuen entsetzlichen Risiko entgegen, ist eben- 
falls beinahe unmöglich. Die Politikjäes Krieges hat die Re- 
gierungen in eine Sackgasse geführt, aus der es keinen Ausweg 
gibt. Deshalb geht der Krieg endlos weiter, wenn auch ohne je- 
des entscheidende Resultat. Aus diesem selben Grunde beginnt 
die kapitalistische Ordnung zu vermodern und zu zerfallen, und 

12 



früher oder später muss sie einer andern Ordnung Platz machen, 
einer Ordnung, bei der der Wahnsinn des Weltkrieges dem Pro- 
fit zuliebe unmöglich wäre. 

Je länger der Krieg dauert, umso mehr verarmen die krieg- 
führenden Lander. Die Blüte der arbeitenden Klasse geht ent- 
weder zugrunde, oder liegt verlaust in den Schützengräben und 
betreibt das Zerstörungswerk. Alles ist zum Zwecke des Krieges 
vernichtet; selbst die Türklinken aus Messing sind zu Kriegs- 
zielen beschi^nahmt. Alles Notwendige fehlt, denn der Krieg 
hat alles verschlungen, wie die unersättlichen Heuschrecken. 
Nifemand ist da, um nützliche G^[enstände zu erzeugen, — sie 
werden nur noch verbraucht Es sind bald vier Jahre, seit die 
Fabriken, die bis dahin nützliche Gebrauchsgegenstände erzeug- 
ten, jetzt nur noch Granaten und Schrapnells fabrizieren. Und 
nun sind alle Länder menschenarm geworden, ohne Produktion 
des wirklich Notwendigen, und auf einen solchen Tiefstand her- 
abgesunken, dass die Menschen vor Kälte, Hunger, Armut, Ver- 
kommenheit und Unterdrückung schon wie Wölfe heulen, la 
manchen Dörfern brennt man heute den Kienspan, wo man frü- 
her elektrisches Licht hatte, denn man hat keine Kohle. Je mehr 
die allgemeine Volksverelendung wächst, umso mehr schläft das 
Leben ein. In sokhen wohlgeordneten Städten wie BerUn oder 
Wien kann man jetzt nicht in der Nacht auf die Strasse gehen; 
man wird beraubt. Die bürgerlichen deutsche Zeitung jam- 
mern, man hätte nicht genügend Polizei. Sie wollen nicht ein- 
sehen, dass das Wachstum des Verbrechertums von einer Zu- 
i^hme des Elends, der Verzweiflung und der Verbitterung 
spricht. Die Krüppel kehren von der Front zurück und finden, 
dass bei ihnen daheim der Hunger haust ; die Zahl der Obdach- 
losen und Hungrigen nimmt, trotz dear aasgezeichneten Organi- 
sationen, immer mehr zu, denn man hat nichts zu essen, — der 
Krieg aber geht weiter und weiter und fordert immer neue 

Je. schwieriger die Lage der kriegführenden Staaten wird, 
umso mehr Reibungen, Streitigkeiten und Zwistigkeiten entste- 
hen unter den verschiedaien Schichten der Bourgeoiae, den 
Schichten, die früher im Namen der gemeinsamen räuberischen 
Ziele gemeinsam marschierten.- In Oesterreich-Ungarn geraten 
sich die Tschechen, Ruthenen, Deutschen, Polen und andere Na- 
tionalitäten in die Haare. In Deutschland ist jeUt, nach Ein- 
verleibung der neuen Provinzen, dieselbe Bourgeoisie (die esth- 
nische, lettische, ukrainische und polnische), die die deutschen 
Truppen zu Hilfe rief, gezwungen, sich mit ihren Befrdera her- 



13 



umzubalgen. In England liegt die englische Bourgeoisie im 
Todeskampf mit der von ihr unterjochten irländischen Bour-. 
geoisie. Und mitten in diesem Wirrsal, bei der allgemeinen Zer- 
rüttui^ erhebt immer lauter ihrer Stinyne .die Arbeiterklasse, die 
durch den Gang der Geschichte berufen ist, dem Krieg ein Ende 
zu bereiten und das Joch des Kapitals abzustreifen. 

So reift die Zeit heran, da der Kapitalismus zerbröckelt und 
das Zeitalter der kommmiistischfiii Revolütio|;i der Arbeiterklasse 
beginnt. 

Die erste Bresche schlug die russische Novemberrevolution 
1917. Der Kapitalismus war in Russland früher morsch gewor- 
den als in irgend einem anderen Lande, deshalb, weil die Last 
des Weltkrieges den jungen kapitalistischen Staat dieses Landes 
am ehesten erdrückt hat. In Russland war die bürgerliche 
Klasse nicht so ungeheuer gut organisiert wie in Deutschland, 
England und Amerika. Sie vermochte infolgedessen nicht mit 
den Forderungen, die der Krieg an sie stellte, fertig zu werden, 
ebensowenig wie mit dem mächtigen Andrang der russischen 
Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft, die in den Novem- 
bö^en die Bourgeoisie aus deni Sattel hoben und die Regie- 
rungsgewalt auf die Partei der Arbeiterklasse — die Kommu- 
nisten-Bolschewiki — übertrugen. 

Früher oder später wird dasselbe Schicksal auch die west- 
europäische Bourgeoisie treffen. Die arbeitenden Klassen West- 
europas treten immer mehr imd mdbr in die Reihen der Kommu- 
nisten. Ueberau wachsen die Organisationen der einheimischen 
„Bolschewiki", so in Oesterreich und Amerika, Deutschland und 
Norwegen, Frankreich und Italien. Das Programm der kommu- 
nistischen Partei Russlands wird zma. Programm der proletari- 
schen Weltrevolution. ' 

III. Allgemeine Teilung oder genossenschaftlich- 
konunmustiscbe Produktioii? 

Wir wissen schon, dass die Wurzel allen Uebels, der Raub- 
kriege, der Unterdrückung der Arbeiterklasse, aller Greuel des 

kapitalistischen Systems darin besteht, dass die Welt von einigen 
staatlich organisierten bürgerlichen Banden unterjocht wurde, 
die alle Güter dieser Erde als ihr Eigentum besitzen. Das Eigen- 
tum der Kapitalistenklasse an den Produktionsmitteln ist eben 
die „Ursache aller Ursachen", durch die sich die Barbarei der 
heutigen gesellschaftlichen Ordnung erklärt. Den Reichen ihre 



V 



1 



< 



Macht zu entreissen, indem man sie gewaltsam ihrer Reicbtiimer 
enteignet — das ist die allererste Aufgabe, die sich die Arbeiter- 
klasse und die Arbeiterpartei, die Partei der Kommunisten, stellt. 

Gewisse Menschen glauben, man müsse das den Reichen 
Abgenommene „schiedlich-friedlich", gerecht und gleich vertei- 
len, und darin werde alles gut werden. Dann würde jedermann 
genau so viel besitzen wie der andere; alle worden gleich sein, 
und alle von der Ungleichheit, der Unterdrückung und der Aus- 
beutung befreit werden. Jedermann würde sich nur um die 
eigene Person zu kümmern brauchen, da er alles bei der Hand 
haben würde; und darin müsste die Macht des einen Menschen 
über den anderen vcrsdiwinden — dank dieser ausgleichenden 
Verteilung, der allgemeinen Gleichmachung und der Auftetiang 
der Reichtümer unter die armen Leute. 

Das ist nicht die Ansicht der Kommunistenpartei. Diese 
meint, dass eine solche gleichmachende Teilung zu nichts Gutem 
führen und ausser einem Durcheinander und einer Rückkehr 
zum alten System nichts dabei entstdien würde. 

Und in der Tat. Erstens lassen skh ja viele G^enstände 
einfach gar nicht teilen. W^ie, zum Beispiel, wollte man die 
Eisenbahnen teilen? Wenn der eine sich die Schienen, der an- 
dere die Bohlen, der dritte die Schrauben sich aneignen wollte, 
der vierte die Wagen demolieren würde, um den Ofen damit ein- 
zuheizen, ein fünfter d«i Spiegel zerschlage wollte, um sich vor 
einem Scherben davon zu rasieren uisw. — so musste jeder baki 
einsehen, dass eine solche Teilung weder gleich sd, noch zu et-' 
was anderem führe, als zu einer blödsinnigen Plünderung der 
nützlichen Gegenstände und einer Vernichtung dessen, was noch 
von Nutzen hätte sein können. Ebensowenig kann man irgend 
eine Maschine teilen. Denn würde der eine das Getriebe, ein 
anderer die Hebel, tmd noch andere die übrigen Teüe nehmen, 
so müsste die Maschine aufhören, Maschine zu sein, und alles 
würde zum Teufel gehen. Und ebenso verhält es sich mit fast 
allen komplizierten Werkzeugen, die zum Weiterarbeiten am al- 
lerwichtigsten sind. Man braucht nur an die Telegraphen- und 
Telq)honapparate zu denken, alle die Vorrichtungen in den che- 
mischen Fabriken imd anderes mehr. Es ist klar, dass für eine 
solche Teilung nur ein Mensch eintreten kann, der entweder 
überhaupt nichts versteht oder geradezu ein Feind der Arbeiter- 
klasse ist. 

Doch nicht aus diesem Grunde allein wäre eine solche Tei- 
lung schädlich. Angenommen, durch irgend ein Wunder würde 
CS gelingen, 4en ganzen Ueberfluss der Rdchen unter AUe mehr 

15 



oder weniger gleich zu verteilen. Auch dann würde letzten 
Endes nichts Vernünftiges daraus entstehen. Denn was bedeutet 
„Tdlung**? Teilung besdeutet, dass anstelle weniger grosser Be- 
sitzer viele kleine getreten sind. Sie bedeutet nkht die Vernich' 
Hing des Privateigentums, sondern seine Zersplitterung; anstelle 
des Grossbesitzes würde Kleinbesitz treten. Aber eine solche 
Zeit liegt bereits weit zurück in der Vergangenheit. Wir wissen 
wohl, dass das kapitalistische System und das Grosskapital aus 
dem Kampfe der kleinen Unternehmer untereinander entstanden 
sind. Wenn wir durch unsere Teilung die Iddnen Eigentümer zur 
Vermehrung bringen würden, so wäre folgendes geschehen. Ein 
Teä davon (und ein ziemlich grosser) hätte am Tage nach der 
Teilung alles Erhaltene auf irgend einem Markte sofort zu Geld 
gemacht, und ihr Eigentum wäre auf diese Weise in die Hände 
der reicheren Eigentumer gelangt ; imter den Uebriggebliebenen 
hätte der Kampf um den Abnehmer begonnen ; in diesen K^unpfe 
hätten die Vermögenderen die weniger Vermögenden verdrängt ; 
die weniger Vermögenden hätten Bankerott gemacht und sich in 
Proletarier verwandelt, während ihre glücklichen Konkurrenten 
ihre Rcichtämer vermehrt, fremde Arbeiter angestellt und sich 
auf diese Weise nach und nach in ausgesprochene Kapitalisten 
verwandelt hätten. So wären wir in kurzer Zeit zu derselbe» 
Ordnung zurückgekehrt, die wir soeben vernichtet hätten. Wir 
würden aufs neue mitten in der kapitalistischen Raubwirtschaft 
drin stehen. 

Die Aufteilung in Privateigentum (Kiembesitz)) — das ist 
nicht das Ideal des Arbeiters oder des Tagelöhners. Das ist der 
Traum des kleinen Krämers, der vom Grosskaufmann unter- 
drückt wird, der es aber selbst gern einmal zum Grosskaufmann 
bringen möchte. „Vorwärtskommen", selbst möglichst viel ein- 
heimsen danach trachtet der Krämer. An andere denken, 

daran, was aus all dem entstehen kann — das geht den Krämer 
nichts an, wenn nur genügend Kleingeld in sdner Tasche klim- 
pert. Er lässt sich dadurch nicht schrecken, dass alles wieder 
zum Kapitalismus zurückkehren würde, denn in seiner Seele 
glimmt die Hoffnung, dass gerade er, irgend ein Schulze oder 
Müller, dabei Kapitalist werden köimte. Und, fragt er, ist das 

denn etwa sdilecht ? 

Ganz anders muss die Arbeiterklasse denken, und sie denkt 

auch anders. Die Arbeiterklasse ist nur an einer solchen Neu- 
gestaltung der Gesellschaft interessiert, die eine Rückkehr zum 
Kapitalismus unmöglich macht. Bei der Teilung ist es so : man 
jagt den Kapitati^nus zur Vordertür hinaus, und bald darauf 



16 



* 



schlüpft er durch die Hintertür wieder herein. Der einzige Aus- 
weg ist aber die arbeitsgenossenschaftliche (kommunistische) 
Ordnung. 

Bei der kommunistischen Gesellschaftsordnung gehören alle 
Güter nicht den einzelnen Personen und nicht den dnzelnen 
Klassen, sondern der gesamten Gesellschaft. Da ist die ganze 
Gesellschaft wie eine einzige, ungeheur grosse Arbeitsgenossenr 
Schaft. Einen Herrn gibt es dabei nicht. Alle sind gleiche Ka- 
meraden untereinander. Es gibt auch keine Klassen mehr : weder 
Kapitalisten, die Arbeiter anstellen, noch Arbeiter, die sich von 
den Kapitalisten anstellen kssen. Alle arbeiten gemeinschaftUch, 
nach festgestelltem und genau berechnetem Arbeitsplan. Das zen- 
trale statistische Bureau rechnet aus, dass man im Jahr so und 
so viel Stiefel, Hosen, Schinken, Wichse, Weizen, Leinwand 
usw. braucht ; ferner berechnet es, dass zu diesem Zweck auf den 
Aeckem diese und diese Anzahl von Genossen arbeiten muss, in 
den Schweinemetzgereien so und so viel Genossen, in den grossen 
öflFentlichen Schneiderwerkstätten so und so viel — imd dement- 
sprechend werden die Arbeitshände verteilt. Die gesamte Pro- 
duktion wird nach einem streng erwogenen, genau festgestellten 
Plan geleitet, auf Grund einer genauen Berechnung aller Ma- 
sclunen und Werkzeuge, aller Rohstoffe und aller Arbeitskräfte 
der Gesellschaft. Genau so wer^eo auch die jährlichen Bedürf- 
nisse der Gesellschaft berechnefT Die erzeugten Produkte wer- 
den in öffentlichen Magazinen aufgespeichert und von da aus 
unter die Genossen, die Arbeiter, verteilt. Gearbeitet wird nur 
in den allergrössten Fabriken mit den allerbesten Maschinen, 
da diese Arbeitskraft sparen. Die Leitung der Produktion ist 
die denkbar sparsamste ; alle überflüssigen Ausgaben werden ver- 
mieden, und damit dies der Fall sein kann, hät man eben den 
einheitlichen Plan der gesamten Produktion. Da kommt es nicht 
vor, dass an dem einen Orte die Sache auf diese Weise, an einem 
andern Orte auf eine andere Weise hergestellt wird; dass man 
an dem einen Orte nicht wdss, was an dem andern geschieht. 
Da ist, im Gegenteil, fast die ganze Wdt genau erwogen und be- 
rechnet ; Baumwolle wird nur dort gepflatizt, wo dazu der ge- 
eignetste Boden vorhanden ist; die Kohlengewinnung geschieht 
nur in den ertragreichsten Bergwerken; die Hochöfen werden 
nur in der Nähe der Kohlenbecken und der Erzbergwerke er- 
richtet; wo der Boden Weizen trägt, dort wird er nicht mit Miets- 
kasernen bebaut, sondern bestellt Kurz, alles ist so eingerichteit, 
dass für jede Produktion der beste Platz ausgesucht wird, damit 
die Arbeit am besten vonstatten geht, alles am leichtestSj zu 

y 17 



bekommen ist und die Arbeit des Menschen am ergiebigsten wird. 
All das kann nur ermöglicht und erreicht werden, wenn der Ar- 
beitsplan ein einheitlicher ist, wenn die gesamte Gesellschaft zu 
einer einzigen, riesengrossen Arbeitsgemeinde oder -Genossen- 
schaft zusammengefasst is. 

Bei dieser kommunistischen Gesellschaftsordnung sitzen die 
Menschen einander nicht auf dem Nacken. Da kennt man keine 
Reichen und Emporkömmlinge, keine Vorgesetzten und Unter- 
gebenen; da wird die Gesellschaft nicht in Klassen ungeteilt, 
von denen die eine über die andere regiert. Und gibt es einmal 
keine Klassen mehr, so heisst das. dass es auch keine verschie- 
denen Sorten von Menschen gibt (arme und reiche), die gegen- 
einander die Zähne flachen. Da hört infolgedessen auch eine 
solche Organisation wie der Staat auf, denn es gibt ja keine herr- 
schenden Klassen mehr, die einer besonderen Organisation be- 
durften, um ihre Klassengegner im Zaume zu halten. So fällt 
auch die Verwaltung der Menschen und die Gewalt des Menschen 
über den Menschen weg ; es bleibt nur noch eine Verwaltung der 
Dinge und der Maschinen und die Gewalt der menschlichen Ge- 
sellschaft über die Natur I>as menschliche Geschlecht is nicht 
mehr in verschiedene, feindliche Lager geteilt ; durch gemein- 
same Arbeit und gemeinsamen Kampf gegen die äifsseren Na- 
turkräfte ist es geeinigt. Die Grenzpfähle sind geschleift. Die 
einzelnen Vaterländer sind aufgehoben. Die ganze Menschheit 
ohne Unterschied der Nation ist in allen Teilen aneinander ge- 
bunden und zu dnem gemeinsamen Granzen organisiert. Alle 
Völker bilden ein einziges, grosses friedsames Arbcitsgeschlecht. 

lY. Anarchistisehe oder kommiinistische Geadlsehaf ts- 

ordnung? . 

Es gibt Leute, die sich Anarchisten, d. h. Anhänger der Re- 
gierungslosigkeit, nennen. Diese behaupten, dass die Bolsche- 
wiki-Kommunisten dnen falschen Weg einschlagen, dass sie die 
Macht beibehalten wollen, während jede Macht und jeder Staat 
Unterdrückung und Gewalt bedeute. Wir haben aber gesehen, 
dass eine solche Auffassung des Kommunisnms falsch ist. Die 
kommunistische Lebensordnung ist eine solche Ordnung, bei der 
es weder Arbiter, noch Kapitalisten, bei der es gar keinen Staat 
gibt. Aber auch nicht darin bestdit der Unterschied zwischen 
dem anarchistischen System und dem kommunistischen, dass bei 
dem einen der Staat besteht, und bei dem andern nicht ; der Staat 



18 



ist eigentlich weder hier noch dort vorhanden. Der wirkliche 
Unt^sdiied besteht aber in f olgoid^ : 

Die Anarchisten glauben, dass die Menschen es dann am 

allerbesten, am freiesten haben werden, wenn sie die ganze Pro- 
duktion in winzige Arbeitsgemeinden oder Kommunen zerschla- 
gen haben werden. Eine Gruppe kommt zusamrrien, es entsteht 
eine Arbeitsgenossenschaft von etwa 10 Mann nach freiwilliger 
Ueb^dnkunft« — schön l Diese 10 Msum fangen nun auf ihr 
dgenes Risiko zu arbeiten än. An einem anderen Orte ist eine 
andere solche Genossenschaft entstanden, an einem dritten — 
eine dritte. Und dann treten diese Genossenschaften mit ein- 
ander in Verhandlungen und Abmachungen ein, der einen fehlt 
dieses, der anderen jenes. Nach und nach verabreden sie sich 
unterdnander, sdüiessen „freie Verträge". 

Und so bewegt sich die gesamte Produktion innerhalb dieser 
kleinen Kommunen. Jedem steht es frei, zu jeder Zeit aus der 
Kommune auszutreten ; jede Kommune darf aus deai freiwilligen 
Verband (der Föderation) dieser kleinen Kommunen (der Ar- 
beitergenossenschaften) nach Belieben austreten. 

Haben nun die Anarchi^en Recht? Der erste beste Ar- 
beiter, der die heutige fabrikmässige maschinelle Produktion 
kennt, muss einsehen, dass sie Unrecht haben. Wir wdlen 
gleich sagen, warum. • 

Die künftige Gesellschaftsordnung soll doch eben die arbei- 
tenden Menschen vor zwei Uebeln und Unglücksfällen bewahren. 
Erstens, vor der Unterdrückung des einen Menschen durch den 
andern, vor der Ausbeutong; davor, dass der Eine auf don 
Nacken des Andern sitze. Dies wird dadurch erreicht, dass das 
Joch des Kapitals abgeschüttelt wird, dass den Kapitalisten ihre 
Reichtümer genommen werden. Aber es gibt noch eine andere 
Aufgabe. Diese besteht darin, dass der Mensch sich vom Joche 
der Natur befreie, diese Natur seiner Kraft unterwerfe, und die 
Produktion auf die beste, auf die vollkommenste Art vonstatten 
gehe. Erst dann wird es möglich sein, dass jeder Mensch zur 
Erzeugung von Nahrung, Stiefeln, Kleidern, Häusern usw. nur 
wenige Zeit braucht, die übrige Zeit aber für seine geistige Ent- 
wicklung verwenden kann ; für die Wissenschaft, für die Kunst, 
für all das, was das Menschendasein verschönt. Die Urahnen 
des jetzigen Menschen, die wie Herden von Halbaffen Iditen, 
waren gewiss unter einander gleich. Aber sie führten ein tie- 
risches Dasein, weil nicht sie die Natur unterworfen hatten, son- 
dern die Natur sie vollends in Knechtschaft hielt. Im Gegen- 
teil« bei dem kapitalistischen Grossbetrieb hat es die J^^enschheit 

19 



gelernt, die. Natur zu bemeistern, — und dennoch lebt die Ar- 
beiterklasse wie das liebe Arbeitsvieh, weil auf ihrem Nacken 
die Kapitalisten sitzen, weil die ökonomische Ungleichheit 
herrscht. Was folgt also daraus? Daraus folgt eben, dass die 
ökonomische Gleichheit mit der Produktion in Grossbetrieben 
vereinigt werden muss. Es genügt nicht allein, dass die Kapi- 
talisten verschwinden. Die Produktion muss, wie wir gesehen 
haben, auf die breiteste Grundlage gestellt werden. Alle win- 
zigen, untauglichen Unternehmen müssen dahinsterben. Die 
gesamte Arbeit muss sich auf die ^össten Fabriken, die grössten 
Werkstätten und grössten Ländereien konzentrieren. Aber nicht 
etwa so, dass Hans nicht wisse, was Peter tut, und Peter nicht, 
was Hans tut. Eine solche Ordnung ist nichts wert. Was not 
tut, das ist ein einheitlicher Arbeitsplan. Je mehr Ortschaften 
dieser gemeinsame Plan umfasst, umso besser. Die ganze Welt 
muss letzten Endes eine einzige Arbeitsgemeinschaft werden, in 
der die gesamte Menschheit nach einem streng ausgearbeiteten 
errechneten und streng geprüften Plan von sich heraus arbeite, 
ohne alle Herren und Kapitalisten, und zwar mit den besten Ma- 
schinen und den grössten Betrieben. Damit die Produktion vor- 
wärts gebracht werden kann, darf die Produktion im Gross- 
betrieb, wie wir sie als Erbteil des Kapitalismus haben, nicht zer- 
splittert werden. Im Gegenteil, die Betriebe müssen noch ver* 
grössert werden. Je weiter und je grösser der gemeinsame Plan 
sein wird, in je grösserem Rahmen die Gesamtproduktion orga- 
nisiert sein wird, umso mehr wird sie sich von dem einen gemein- 
samen statistischen Zentrum aus lenken lassen ; mit anderen Wor- 
ten, je mehr die Produktion zentralisiert sein wird, umso besser. 
Denn je weniger Arbeit auf jeden Einzelnen entfallen wird, umso 
freier wird jeder Einzelne sein, umso mehr Bewegungsmöglich-' 
keit wird die menschliche Gesellschaft für ihre geistige Entwick- 
lung haben. 

( Aber das steht gerade im Widerspruch zu jener künftigen 
Gesellschaftsordnung, welche die Anarchisten verfechten. An- 
statt die Produktionsbetriebe zu vergrössem, zu zentralisieren 

und zu ordnen, zersplittert sie die anarchistische Gesellschafts- 
ordnung und vermindert infolgedessen die Herrschaft des Men- 
schen über die Natur. Hier gibt es keinen gemeinsamen Plan, 
keine grosse Organisation. B« der anarchistischen Verfassung 
würde man nicht einmal die grossen Maschinen ordentlich aus- 
nutzen, die Eisenbahnen auf einen Fahrplan bringen, die grossai 
Bewässerungs- und Drainageanlagen unternehmen können. Wir 
wollen hier nur ein kleines Beispiel anführen. Man spricht jetzt 

20 



'viel von der Einführung der Elektrizität anstelle der Dampf- 
motoren und der Ausnutzung der Energie der Wasserfalle zur 
Gewinnung von elektrischer Energie usw. Um die gewonnene 
elektrische Energie richtig zu verteilen, muss man naturlidi «e- 
nau berechnen, ausmessen und erwägen, wieviel Eno-gie und wo- 
hin diese Energie abgegeben werden soll — damit man auch 
den grössten Nutzen von ihr hat. Aber was bedeutet das ? Waim 
ist so etwas mögUch? Das ist doch nur dann möglich, wenn die 
Produktion im grossen Masstab vor sich geht, wenn sie sich in 
einem oder zwei grossen Zentren der Berechnung und Verwal- 
tung konzentriert. Das ist dagegen" unmöglich bei dem anar^- 
stischen System, der kleinen, zersplitterten, locker mit einander 
verbundenen Kommunen. Auf diese Weise sehen wir, dass bei 
der anarchistischen Gesellschaftsform eine ordentliche Organisa- 
tion gar nicht möglich ist. Und dies hat einen langen Arbeits- 
tag zur Folge, d. h. einen grösseren Grad der Abhängigkeit des 
Menschen von der Natur. Die anarchistisdie Gesellschaftsord- 
nung wäre ein Hemmschuh, der die Menschhdt im Vorwärts- 
gehen hinderte, — und aus diesem Grunde bekämpfen wir, Kom- 
munisten, die Lehre, wekhe die Anarchisten verbreiten. 

Nun ist es Idar, warum die Predigt des Anarchismus auch 
zur Teilung führt, — anstatt einer regehnässigen kommunisti- 
scheh gesellschaftlichen Ordnung. Die anardiistische kleme 
Kommune ist ja nicht eine grosse Arbeitsgemeinschaft von Men- 
schen, sondern ein Häuflein, das sogar nur aus zwei Personen 
bestehen kann. In Petersburg bestand z. B. eine solche Gruppe: 
„Verein der fünf Ui^drückten" Nach der Lehre des Anar- 
chismus kann selbst dn „Verein der zwei Unterdrückten' be- 
stehen. Jetzt stellen Sie sich vor, was entstehen wurde, wenn 
jede Gruppe von fünf Menschen, oder jedes Paar, selbständig re- 
quirieren, konfiszieren und eigenmächtig zu handeln beginnen 
wollte; Russland hat. eine arbeitende Bevölkerung von etwa hun- 
dert Millionen. Wemi diese in lauter „Vereine der fünf Un- 
terdrückten" aufginge, so hätten wir in Russland zwanzig Mil- 
lionen (und jede Million heisst tausend mal tausend) solcher 
Kommunen. Man kann sich ausmalen, welch babylonische Ver- 
wirrung entstehen müsste, wenn diese zwanzig Millionen Kom- 
münchen selbständig zu handeln anfingen ! Wir hätten dann ein 
solches Chaos, eine solche „Anarchie", dass Gott behüte! Es 
ist auch begreiflich, dass, wenn solche Gruppen angefangen hat- 
ten selbständig sich die Güter der , Reichen 'anzueignen, man 
höchstens zu einer Teilung gelangt wäre. Die Teilung aber 
führt,-* wie wir oben bereits gesehen haben, von neuem zur Herr- 



21 



schalt des Kapitals, zur Unterdrückung und zur Macht über die 
werktätigen Massen. 

y. Durch die Diktatur des PnMaiiats zum KenmimifliiiiiB« 

Wie soll nun die kommunistische Ordnung errichtet werden? 
Wie gelangt man zu ihr? Darauf antwortet die Partei der Kom- 
munisten: durch die Diktatur des Proletariats. 

^Diktatur — das bedeutet dseme Gewalt, dne Gewalt, die 
kein Erbarmen mit ihr«ti Feinden hat. Diktatur der Arbeiter- 
klasse bedeutet die Regierungsgewalt der Arbeiterklasse, welche 
die Bourgeoisie und die Grundbesitzer erstickt. Diese Arbeiter- 
regierung kann nur aus der sozialistischen Revolution der Ar- 
beiterklasse hervorgehen, der Revolution, die den bürgerlicheo 
Staat und die bürgerliche R^erung zerstört und auf ihren 
Trümmern eine neue Macht errichtet — die Macht des Prole- 
tariats selbst und der das Proletariat stützenden armen Bauern- 
schichten. 

Hier treten wir in der Tat für einen Arbeiterstaat ein, wäh- 
rend die Anarchisten dagegen sind. Wir, Kommimislen, sind also 
für eine Arheiterregierung, die so lange nötig ist, bis die Arbei- 
terklasse ihre Gegner in ihre feste Hand bekommen, bis sie der 
gesamten Bourgeoisie den Hochmut ausgetrieben hat und bis der 
Bourgeoisie selbst alle Hoffnung vergangen ist, /V wieder ßur 
Macht zu gelangen. 

'\ — So seid ihr, Kommunisten, also für die Gewalt? — wird 
man uns fragen- — Gewiss, — antworten wir darauf, wir sind 
aber für die revolutionäre Gewalt. Vor allem denken wir, dass 
durch gutes Zureden bei den Kapitalisten die Arbeiterklasse nie 
etwas erreichen wird. Auf dem Wege der Versöhnlichkeit, wie 
es die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre lehren, kommt 
nichts Gutes heraus. Die Arbeiterklasse kann nicht anders zur 
Befreiung gelangen als durch eine Revolution, d. h. den Sturz 
der Macht des Kapitals und die Vernichtung des bürgerlichen 
Staates. Aber jede Revolution heisst den bisherigen Herren Ge- 
walt antun. Die Oktober-Revolution 1917 in Russland hat den 
gewalttätigen Gutsbesitzern und dem Zaren Gewalt angetan ; die 
Oktoberrevolution bedeutet die Vergewaltigung der russischen 
Bourgeoisie durch die Arbeiter, die Bauern und die Soldaten. 
Und eine solche Gewalt derjenigen gegenüber, die Millionen ar- 
beitender Massen unterdrücken, diese Gewalt ist nicht vom Uebel 
— diese Gewalt ist heilig4^ 



22 



Aber die Arbeiterklasse ist gezwungen, gegen die Bour- 
geoisie Gewalt zu gebrauchen auch dann noch, wenn sie diese im 
offenen revolutionären Kampf niedergeworfen hat. In der Tat. 
Selbst dann noch, wenn die Arbeiterklasse den bürgerlichen 
Staat bemts zerstört hat, hört ja diese Bourgraisie nicht auf, als 
Klasse zu existieren. Sie verschwindet kdnesw^s mit dnem 
Schlag. Sie hegt noch weiter die Hoffnung, zur alten Herr- 
schaft zurückzukehren und ist deshalb bereit, mit Allem und 
Allen sich zum Kampfe gegen die siegreiche Arbeiterklasse zu 
verbünden- 

Die Erfahrung der russischen Revolution hat das durchaus 
bestätigt. Im November 1917 hat die Arbeiterklasse die Bour- 
geoisie von der Regierung gewaltsam verdrängt. Aber dessen 
ungeachtet hat die Bourgeoisie bei weitem noch nicht die Flinte 
ins Korn geworfen ; sie agitierte gegen die Arbeiter, mobilisierte 
alle ihre Kräfte und war auf jede Art bestrebt, das Proletariat 
niederzuschmettern und selber von Neuem zur Macht . zu ge- 
langen. So hat die Bourgeoisie die Sabotage organisiert, das 
heisst das contrerevolutionäre Verlassen der Posten von Seiten 
der Beamten und der Angestellten, die sich den Arbeitern und 
Bauern nicht fügen wollten ; sie organisierte die bewaffneten 
Kräfte eines Dutow, Kaledin und Kornilow ; sie organisiert jetzt, 
während diese Zeilen geschrieben werden, zum Vormarsch gegen 
die sibirischen Sowjets die Banden des Kosakenfährers Semjo- 
now; schliesslich ruft sie die Armeen der ausländischen Bour- 
geoisie zu Hülfe: die deutschen, japanischen usw. Die Erfah- 
rung der russichen Oktoberrevolution zeigt uns also, dass die 
Arbeiterklasse selbst nach erfochtenem Sieg gezwungen ist, gegen 
machtige äussere Feinde (die kapitalistischen Raubstaat^) zu 
kämpfe, die der gestürzten einheimische Botirgeoisie zu Hilfe 
eilen. 

Betrachten wir jetzt mit nüchternen Augen die heutige Welt, 
so sehen wir, dass allein in Russland es dem Proletariat gelungen 
ist, die Macht des bürgerlichen Staates zu stürzen. Die ganze 
übrige Welt gdiört noch den Räubern des Gros^sapitals. Das 
Russland der Sowjets mit seiner Arbeiter^ und Bauemr^aimg 
ist ein kleines Inselchen inmitten des stürmischen Meeres des 
Kapitalismus. Aber selbst wenn auf den Sieg der russischen 
Arbeiter ein Sieg der Arbeiter in Deutschland und Oesterreich- 
Ungarn folgen würde, so blieben noch die anderen grossen 
Raubstaaten des Kapitals übrig. Wenn das ganze kapitalistische 
Eur<^ vexkradien und unter den Schlägen d^ Arbeiteridasse 
zusammenstürzen würde, bliebe noch die kapitalistische Welt 

23 



Asiens mit den Räubern Japans an der Spitze; das Kapital 
Amerikas unter Anführung jenes ungeheuerlichen kapitalisti- 
schen Raubverbandes, dessen Name Vereinigte Staaten von Ame- 
rika ist. Alle diese kapitalistischen Staaten werden ihre Position 
nicht ohne Kampf aufgeben. Sie werden aus Leibeskraft 
käinpfen, um nicht dem Proletariat die Weltherrschaft zu über- 
lassen. Je mächtiger der Ansturm des Proletariats ist, um so 
gefährlicher wird die Lage der Bourgeoisie, um so mdir muss 
diese alle ihre Kräfte im Kampf gegen das Proletariat anspannen. 
Einmal siegreich in einem Lande oder in zwei drei Ländern, muss 
das Proletariat unvermeidlich mit der übrigen bürgerlichen Welt 
zusammenprallen, die bemüht sein wird, mit Blut und Eisen den 
Bei reiungsverscKli der Arbeiterklasse zu ersticken. 

Was folgt also daraus? Daraus folgt, dass wor der kommu- 
nistischen Gesellschaftsordnung und nach der kapitalistischen, 
also in der Zwischenzeit zwischen dem Kapitalismus und dem 
Kommunismus, selbst nach der sozialen Revolution in einigen 
Ländern die Arbeiterklasse einen harten Kampf mit ihren inne- 
ren und äusseren Feinden zu bestehen haben wird. Und für 
diesen Kampf braucht man eine Organisation, eine straffe, ausge- 
dehnte, festgefügte Organisation, die über alle Mittel des 
Kampfes verfügt. Als eine solche Organisation der Arbeiter- 
klasse erscheint der proletarische Staat, die Regierung der Ar- 
beiter. Wie auch jeder Staat, bildet der proletarische Staat eine 
Oipuiisation lier herrschenden Klasse (denn die herrschende 
Klasse ist in diesem Fall die Arbeiterklasse) und eine Organisa- 
tion der Gewalt, aber der Gewalt über die Bourgeoisie; ein 
Mittel zur Abwehr der Bourgeoisie und deren endgültige Ver- 
nichtung. 

Derjenige ist überhaupt kein Revolutionär, der vor einer 
solchen. Gewalt zurückschreckt. Die Frage der Gewalt darf 
nicht so gestellt werden, dass jede Gewalt schädlich sei. Unsinn. 
Die Gewalt, die von den Reichen gegen die Armen angewandt 
wird, von den Kapitalisten gegen die Arbeiter, — diese Gewalt 
richtet sich gegen die werktätigen Massen und hat zum Ziel, das 
kapitalistische Raubwesen zu unterstützen und zu stärken. Da- 
gegen, die Gewalt von Seiten der Arbeiter g^en die Bourgeoisie 
hat zum Ziel die Befreiung von Millionen arbeitender Menschen, 
die Erlösung von der Knute des Kapitats, von den Raubkriegen, 
von der wilden Plünderung und Vernichtung all dessen, was die 
Menschheit durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch ge- 
baut und gesammdt hat. Aus diesem Grunde bedarf es zum 
Zweck der RevdutiGn und des Auf baus der kommunistischen 

24 



Gesellschaftsordnung des eisernen Apparates der Arbeiter- 
diktatur. 

Es muss jedem einleuchten, dass in der üebergangszeit das 
Proletariat alle sdne Kräfte wird anstaunen müssen (und es 
auch jetzt schon tun muss), um aus dem Kampf gegen sane 

zahlreichen Feinde als Sieger hervorzugehen, und dass keine an- 
dere Organisation mit den Feinden der Arbeiterklasse fertig 
zu werden vermag, ausser einer Organisation, welche die Ar- 
beiterklasse und die arme Bauernschaft des ganzen Landes um- 
fasst. Wäre man im Stande, die ausländischen Imperialisten 
sich vom Leibe zu halten, wenn man die Regierungsgewalt und 
die Armee nicht in der Hand hätte? Gewiss nicht. Kann man 
denn die Gegenrevolution bekämpfen, wenn man keine Gewehre 
(das sind Instrumente der Gewalt) hat und keine Gefängnisse, 
um Gegenrevolutionäre und Plünderer einzusperren (und auch 
das ist ein Mittel der Gewalt), ebenso .wie andere Mittel des 
Zwanges und der Zähmung? Wie soll man die Kapitalisten 
zwingen, sich der Arbeiterkontrolle, allerlei Konfiskationen usw. 
zu fügen, wenn die Arbeiterklasse nicht die Mittel hat, sie zur 
Pflicht zu zwingen? Man kann natürlich sagen, dass dazu ein 
paar „Vereine der fünf Unterdrückten" oder einige sogenannte 
(terroristische) "Kampf Organisationen" vollauf genügen. Das 
ist aber Unsinn. Wenn die Bourgeoisie gegen uns ganze Re- 
gimenter aufziehen lässt, und ivir die Möglichkeit haben, gegen 
sie ebensolche Regimenter zu organisieren, so müssten wir die 
grössten Dummköpfe sein, wenn wir nicht unsere ganze Kraft 
darauf verwendeten, um solche rote Regimenter zu stände zu 
bringen, einzuüben und aufzuklären. Und das kann nur eine 
solche Arbeiter- oder Arbeiter- und Bäuemorganisation errddien, 
welche das ganze Land umfasst. Eine solche Organisation ist 
eben der Arbeit er Staat, die Diktatur des Proletariats. 

■ Aus den Eigentümlichkeiten der Üebergangszeit ergibt sich 
die Notwendigkeit des Staates. Ja, selbst wenn die Bourgeoisie 
in der ganzen Welt besiegt sdn wird, wird sie, die an Müssiggang 
gewöhnt ist und auf die Arbeiter zu schimpfen pflegt, sich von 
der Arbeit zu drücken suchen und bemüht sein, dem Proletariat 
zu schaden. Sie muss gezwungen werden, dem Volke zu dienen. 
Das kann aber nur auf dem Wege der Gewalt und des Zwanges 
g^cheben. 

In den rückständigen Ländern (mid ein solches rüdcstän- 
diges Land ist Russland) gibt es noch eine ganze Menge kleiner 

Eigentümer — Arbeitsunternehmer, Wucherer, Blutsauger und 
anderer Landplagen. Sie alle sind gegen die Dorf armen, und 



noch mehr gegen die städtischen Arbeiter. Sie folgen dem Gross- 
kapital und den ehemaligen Grundbesitzern, Natürlich müssen 
sie von der aitnen Bauotischaft gezügdt werden, sobald sie 
gegen die Revolution auftreten. Die Arbeiter müssen darnach 
trachten, eine regelmässige Ordnung herzustellen, die den Fa- 
brikanten abgenommenen Betriebe zu organisieren, den land- 
wirtschaftlichen Betrieb der Bauern in Gang zu bringen und 
dne richtige Verteilung des Brotes, der Textilwaren, der Eisen- 
produkte usw. zu loK^rgen. Aber der Wucherer und Kriegs- 
gewinnler sträubt sich dagegen, will sich der Allgemeinheit nicht 
fügen. Ich bin mein eigener Herr" — sagt er. Die Arbeitor 
und die armen Bauern müssen ihn zwingen, zu parieren, genau 
so wie sie die Grosskapitalisten, die ehemaligen Gutsbesitzer und 
die früheren Generäle und Offiziere zwangen. 

Je gefährlidher die Lage der Arbeiterrevolution ist, von je 
mehr Feinden sie umringt ist, um so unerbittlicher müss 
Arbeiterregierung sein, um so fester muss der revolutionäre 
Arm der Arbeiter und der armen Bauern sein, um so energischer 
n;uss die Diktatur sein. Die Regierungsgewalt in den Händen der 
Arbeiter ist die Axt, die sie gegen die Bourgeoisie bereit halten. 
Bei der kommunistischen Gesellschaftsordnung, wenn die Bour- 
geoisie nicht mehr existieren wird, wenn die Klassaiunterschiede 
gefallen sein werden, wenn es weder eine äussere noch eine 
innere Gefahr mehr geben wird — dann wird diese Axt auch nicht 
mehr nötig sein. In der Uebergangszeit aber, da Feinde ringsum 
die Zähne fletschen und die ganze Arbeiterklasse im Blut er- 
tränken möchten (man braucht sich nur an die Niedermetzelun- 
gen der finnischoi Arbeiter, an die Niedermetzelui^gen in Kiew, 
an die Niedermetzelungen der Arbeiter und Bauern in der ganzen 
Ukraina und an die Niedermetzelungen in Lettland zu erinnern!) 
— da kann nur derjenige unbewaffnet, ohne diese Axt der Staats- 
gewalt auftreten wollen, der überhaupt keine Ahnung hat. 

Gegen die Diktatur des Proletariats wird von zwei verschie« 
denen Seiten ein Geschrei erhoben. Einerseits — von Seiten 
der Anarchisten. Sie sind eben überhaupt gegen jede Regierung, 
folglich auch gegen die Regierung der Arbeiter und Bauern. 
Ihnen können wir nur zurufen: „So geht doch in ein Frauen- 
kloster, wenn ihr dagegen seid, dass die Arbeiter ein Gewaltmittel 
gegen die Bourgeoisie in den Händen haben 1" 

\ Andererseits treten gegen die Arbeiterdiktatur (obwohl sie 
selbst früher dafür schrieben) die Menschewiki und die rechts- 
stehenden Sozialrevolutionäre auf. Sie sind, heisst es, dagegen, 
dass man die Freiheiten ... der Bourgeoisie antaste. Sie sind 

26 # 



* 



dafür, dass die bürgerlichen Tunichtgute wieder ihr Hab und 

Gut bekommen und seelenvergnügt auf den Vergnügungsstrassen 
einherspazieren. Sie meinen, die Arbeiterklasse sei noch nicht 
„reif genug" für eine Diktatur. Ihnen können wir sagen; „So 
geht doch zur Bourgeoisie, die ihr so sehr liebt, ihr Herren Be- 
schützer ! Aber lasst dann die Arbeiterklasse in Ruh, schert euch 
nicht um die armen Bauern T 

Gerade deshalb, weil die kommunistische Partei die eiserne 
Diktatur der Arbeiter über die Kapitalisten, Wucherer, ehe- 
malige Gutsbesitzer und andere reizenden Ausgeburten des alten 
bürgerlichen Regimes verficht, ist sie auch die radikalste, die 
revoHitionärste unter allen bestehenden Gruppen und Partien. 
Durch die unerbittliche feste Macht der Arbeiter zum Kommu- 
nismus! — das ist die Losung unserer Partei. Und das Pro- 
gramm unserer Partei ist das Programm der proletarischen 
Diktatur. 

Yh Arbeiterrat-Regieruii£ oder bürgerUche Republik? 

'«. 

_ Aus unserer Auffassung von der Notwendigkeit einer Dik- 
tatur geht auch als unvermeidlidie Folge der Umstand hervor, 
dass wir die veraltete Form der parlamentarischen, bürgerlichen 
(man nennt sie auch manchmal "demokratischen") Republik be- 
kämpfen und ihr eine neue Form der Staatsform entgegensetzen : 
die Regierung der Sowjets (der Bäte) der Arbeiter-, Soldaten- 
und Bauemdq>utierten. 

Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre treten aus 
Leibeskraft für die Konstituierende Versammlung und die par- 
lamentarische Republik ein. Sie schreien an allen Strassenecken 
gegen die Arbeiterregierung. Warum? Vor allem darum, weil 
de vor der Regierung der Arbeiter Angst haben und gerne möch- 
toa, dass die Bourgeoisie die Macht beibdialte. Die Kommu- 
nisten aber, die nicht allein auf dem Papier sondern durch die 
Tat die kommunistische (sozialistische) Gesellschaftsordnung 
verwirklichen wollen, müssen unbedingt die Diktatur des Prole- 
tariats und den endgültigen Sturz der Bourgeoisie verfechten. 
Daraus folgt der ganze Unterschied. Und gerade deshalb mar- 
schieren die Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutio- 
nare in gleichem Schritt und Tritt mit der Bourgeoisie. 

Worin besteht der grundsätzliche Unterschied zwischen einer 
parlamentarischen Republik und einer Räterepublik? Darin, 
dass in d^ Räterqrablik die nidht werktätigen Klassen lö^ 

27 



Stimmrecht haben imd an den Regierungsgeschäften nicht teil- 
nehmen. Das Land wird durch die Räte regiert. Und diese 
Räte werden von der werktätigen Bevölkerung an den Arbeits- 
stätten selbst gewählt, in den Fabriken und Werkstätten, in den 
Bergwerken, in den Dörfern. Die Bourgeoisie, die frühem Guts- 
besitzer, die Zinsenschinder, die Intellektuellen vom Geiste Kor- 
nilows, die Bankiers, die Händler und Spekulanten, die Kauf- 
leute, die Krämer, die Pfaffen und Klosterbrüder — kurz, die 
ganze schwarze Armee des Kapitalismus ist nicht stimmberech- 
tigt und hat auch keine politischen Rechte. Die Grundlage der 
parlamentarischen Republik bildet die Konstituierende Versamm- 
lung. Die höchste Instanz der Räterepublik ist der Rätekongress. 
Wodurch unterscheidet sich vorderhand der Rätekongress von 
der Konstituierenden Nationalversammlung? Auf diese Frage 
kann mit Lerchtigkeit jeder antworten, der bis fünf zu zählen 
versteht. Freilich, die Herren Menschewiki und Sozialrevölu- 
tionäre hüllen diese Frage in Wolken und erfinden verschiedene 
feierliche Worte, wae z. B.„der Herr des russischen Landes" 
usw. Aber die Wahrheit lässt sich nicht verbergen. Die Kon- 
stittüerende Nationalversammlung ist dadurch vom Rätekongress 
verschieden, dass in sie nicht allein die Arbeiter gewählt werden, 
sondern auch die Bourgeoisie und alle ihre Helfershdfer. Sie 
unterscheidet sich folglich vom Rätekongress dadurch, dass dort, 
iii der Konstituierenden Versammlung, nicht allein Arbeiter und 
Bauern, sondern auch Bankiers, Gutsbesitzer und Kapitalisten 
das grosse Wort führen können ; nicht allein die Arbeiterpartei, 
d. h. die Kommunisten, nicht allem die linken Sozialrevolutionäre, 
und nicht allein die Sozialverräter, wie z. B. die rechten Sozial- 
revolutionäre und die Menschewiki, sondern selbst die Kadetten 
(die Partei des Volksverrates), die Oktobristen (National- 
liberale) und Anhänger der Schwarzen Hundert. Um diese 
Stimmen bemühen sich eben die verehrten Herren Vermittler. 
Wenn sie von der Notwendigkeit emer Konstituierenden Ver- 
sammlung „aus dem ganzen Volkte", der „ganzen Nation" po- 
saunen, so halten sie die Räte nicht für die Vertreter des ganzen 
Volkes, weil dort zur Vollzähligkeit des russischen Volkes dte 
Bourgeoisie fehlt, dort allerhand Herren Schindmayer und 
Quetschhuber abwesend sind. Zu dem werktätigen Volke die 
ganzen Rudel der Schmarotzer hinzufügen, diesen Feinden des 
Volkes alle Rechte verleihen, sie ins Parlament setzen und aus 
der Klassenregierung der Arbeiter und Bauern eine Klassen- 
regierui^ der Bourgeoisie unter dem Deckmantel der Volkstiim- 
lichkeit machen — das ist das Ziel der rechtsstehenden Sozial- 



revolutionäre, der Menschewiki,, d« Kadetten, kurz, des Gross- 
kapitals und seiner Kleinagenten. 

Die Erfahrung aller Länder zeigt, dass die Bourgeo^e dort, 
wo sie alle Rechte geniesst, stets die Arbeiterklasse und die arme 

Bauernschaft betrügt. 

Itedurch, dass die Bourgeoisie die Presse, die Zeitungen und 
Zeäschrifteii in ihren Händen hat, grosse Reichtümer besitzt, die 
Beamten bestechen kann, die Dienste von Hunderttausenden ihrer 
Agenten geniesst, die eingeschüchterten Sklaven bedroht und sie 
weiter einschüchtert, — versteht die Bourgeoisie es so einzu- 
richten, dass sie die Macht nicht aus der Hand gibt. Es hat den 
Anschein, als ob fast das ; gesamte Volk an den Wahlen teil- 
nehme. Aber dieses Deckmäntelchen verbirgt die Herrschaft des 
Finanzkapitals, das ausgezeichnet seine Vortale m wahren ver- 
steht und sich noch dazu brüstet, dem „Volke" das Stimmrecht 
zu geben und allerlei „demokratische" Freiheiten zu wahren. So 
sehen wir in allen Ländern mit bürgerlicher Republik (zum Bei- 
spiel in Frankreich, in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten 
Amerikas), dass imgeachtet des allgemeinen Wahhrechts die Ge- 
walt sich vollends in den Händen der Bankgewaltigen befindet. 
Auf diese Weise wird es klar, was die Rechts-Sozialrevolutionare 
und die Menschewiki anstreben, wenn sie die Regierung der Räte 
stürzen und die „Konstituierende Versammlung" einberufen 
wollen. Durch die Verleihung des Stimmrechts an die Bour- 
geoisie wollen sie den Uebergang zu jener Ordnung vorbereiten, 
die in Frankreich und Amerika herrscht. Sie sind ja der An- 
sicht, die russischen Arbeiter seien noch „nicht reif", um sich 
selbst zu regieren. Die Partei der Bolschewiki-Kommunisten 
glaubt dagegen, dass gegenwärtig die Arbeiterdiktatur vonnöten 
ist und dass von einer Ueberlassung der Gewalt an andere nicht 
die Rede sah kann. Man muss der Bourgeoisie jede Möglichkeit 
nehmen, das Volk zu betrügen. Man muss sie auf. die entschie- 
denste Weise aus der Regierung verdrängen, denn wir leben in 
einer Zeit des schärfsten Kampfes. Die Diktatur der Arbeiter 
und der armen Bauern muss verstärkt und erweitert werden. 
Deshalb ist ja die Staatsgewalt der Räte notwendig. Da gibt 
es keine Bourgeoisie. Da gibt es keine Grundbesitzer. Da wird 
das Land von den Arbeiter- und BauemorganiMtionen r^ert, 
die mit der Revolution entstanden sind und auf ihren Schultern 
die ganze Schwere des grossen Kampfes ausgetragen haben. 

Noch mehr. Die einfache Republik bedeutet nicht allein die 
Regierung der Bourgeoisie. Sie kann auch niemals, ihrem gan- 
zen Auf^tt mcK vom Geiste der Airbeiterklasse durchdi^iiiigen 

29 ' ' 



V 



sein. Beim System der parlamentarischen Republik gibt jeder 

Bürger alle vier oder fünf Jahre seinen Stimmzettel ab — und 
damit ist die Sache erledigt ! Alles übrige wird den Abgeord- 
neten, den Ministern, den Präsidenten überlassen, 4ie alles 
lenken. Die Verbindung mit den Massen fehlt. Die Massen 
des werktätigen Vcdkes werden lediglich von den Beamten des 
bürgerlichen Staates bearbdtet und ausgebeutet., an der Verwal-^ 
tung nehmen sie aber keineswegs teil. 

Etwas ganz anderes ist die Räterepublik, die der Arbeiter- 
diktatur entspricht. Da ist die ganze Verwaltung auf eine ganz 
besondere Grundlage gestellt. Die Rater^erung ist kein^ Or- 
ganisation von Beamten, die von den Massen unabhängig, von 
der Bourgeoisie aber abhängig ist. Die Räteregierung und ihre 
Organe stützen sich auf die breitesten Organisationen der Ar- 
beiterklasse und der Bauernschaft. Die Gewerkschaften, die Be- 
triebsräte, die l<^len Arbeiter- und Bauernräte, die Soldaten- 
und Matrosenorganisationen — sie alle üntc^stätzen die zentrale 
Räteregierung. Von der Zentralgewalt der Räte gehen nach allen 
Seiten Tausende und Millionen von Fädchen aus ; diese Fädchen 
führen zunächst zu den Provinzial- und Hezirksräten, dann zu 
den lokalen Räten, von diesen zu den Räten der einzelnen Be- 
triebe und Werke, die Hunderttausende von Arbeitern umfassen. 
B^rachten wir ziun Bd^iel den ober^ Volkswirtschaftsrat. Er 
bestdht aus den Vertretern der Gewerkschaftsvorstände, der Be- 
triebsräte und anderer ähnlicher Organisationen. Die Gewerk- 
schaften umfassen ihrerseits ganze Industrien, haben in den ver- 
schiedenen Städten, Zweigabteilungen und stützen sich auf die 
organisierten Massen der Fabrikarbeiter usw. Jetzt gibt es in 
jeder Fabrik einen Betriebsrat; der von den Arbeitern der be- 
tre£Fetiden Fabrik gewählt wird; die Betriebsräte sind dani? 
wiederum untereinander verbunden. Und diese senden ihre Ab- 
geordneten in den oberen Volkswirtschaftsrat, wo die volks- 
wirtschaftlichen Pläne ausgearbeitet werden und die Produktion 
verwaltet wird. Das zentrale Verwaltungsorgan ist also auch 
hier aus Arbeitervfertretem gebildet und stützt sich auf die 
Massenorganisationoi der Arbeiterklasse tmd der armen Bauern. 
Wir haben es also hier mit einer ganz anderen Einrichtung zu 
tun, als bei der bürgerlichen Republik. Nicht allein, dass die 
Bourgeoisie der Rechte verlustig ist. Und es handelt sich nicht 
allein darum, dass das Land von den Vertretern der Arbeiter und 
Bauern regiert wird. Die Sache ist auch die, dass die Räte, 
regierend sich in beständiger Verbindung mit den Massenorga- 
msationen der Arbeiter und der Bauern befinden, und auf diese 

30 



Weise die breitesten Volksmassen die ganze Zeit hindurch an 
der Verwaltung des Arbeiter- und Bauernstaates teilnehmen 
lassen. Deshalb übt hier jeder organisierte Arbeiter seinen Ein- 
Äiss aus. Er nimmt an der Staatsverwakung nicht darmn nur 
teil, weil er einmal oder zweimal im Monate seine Vertrauens- 
männer wählt. Nein. Angenommen, die Gewerkschaften stellen 
die Produktionspläne auf, — so werden dann diese Pläne in den 
betreffenden Arbeiter- oder den Wirtschaftsräten geprüft, und 
wenn sie angenommen werden, erhalten sie Gesetzeskraft, sobald 
sie von dem Zc^tralvoUzugsausschttös der Rate bestätigt sind. 
Eine fede Gewerkschaft, ein jeder Betriebsrat kann auf diese 
Weise an der allgemeinen Arbeit zum Aufbau der neuen Lebens- 
form teilnehmen. 

In der bürgerlichen Republik fühlt sich der Staat selbst um 
so wohler, je geringere Tätigkeit die Massen selbst entwickeln. 
Denn die Interessen der Massen stehen im Gegensatz zu den In- 
teressen des kapitalistischen Staates. Hätten, z. B., die Volks- 
massen der nordamerikanischen Republik ihre Stimme erhoben, 
so würde das so viel bedeuten, dass die Bourgeoisie und ihre 
Herrschaft dort zu Ende sind. Der bürgerliche Staat fusst auf 
dem Betrüg und der Einschläferung der Massen und darauf, 
dass die Massen von jeder Teilnahme an den taglichen Staats- 
geschäften ausgeschlossen sind und nur alle paar Jahre einnul 
berufen werden, „abzustimmen", und durch ihre Stimmabgabe 
sich selbst zu betrügen. Ganz anders verhält sich die Sache in 
der Räterepublik. Die Räterepublik, die die Diktatur der Volks- 
massen verkörpert, kann keinen Augenblick bestehen, wenn sie 
von den Mass^ loi^rissen ist. Sie ist aber um so stärker, je 
sdbstandiger die Massm sind, je mehr Tatkraft sie entwidc^^ 
je mehr an den einzelnen Orten, in den Fabriken, -in den Werk- 
stätten, den einzelnen Städten und den Dörfern, geleistet wird. 
Deshalb haben wir es hier nicht mit einem zufälligen Umstand 
zu tun, dass die Räteregierung bei der Veröffentlichung ihrer 
Dekrete sich an die Massen mit der Forderung wendet, die Ar- 
beiter und die armen Bauern selbst möchten sie im Leben ver- 
wirklichen. Aus diesem Grunde ist auch seit der Oktober- 
revolution die Bedeutung aller Arten von Arbeiter- und Bauern- 
organisationen eine völlig andere geworden. Früher waren sie 
lediglich Werkzeuge im Klassenkampf gegen die regierende 
Bourgeoisie und die Gutsbesitzer. Betrachten wir etwa die Ge- 
werkschaften und die kleinen Bauemräte. Früher war ihre Auf- 
gabe: der Kampf gegen das Kapital um höhere Löhne und kür- 
zere Arbeitszeit^ uncl in den Dörfern: der Kampf um die Land- 



\ 



cntcignung der Gutsbesitzer. Jetzt, da die Regierungsgevvalt sich 
in den Händen der Arbeiter und der Bauern selbst befindet, 
werden diese Organisationen selber zu Rädchen im R^erungs- 
mechanismus. Die Gewerkschaften kämpfen jetzt nicht nur ge- 
gen den Kapitalismus, sondern nehmen als Organe der Arbeiter- 
regierung, als Bestandteile der Räteregierung an der Organisation 
der Produktion und an der Verwaltung der Industrie Teil ; ebenso 
fuhren die Dorf- tind Bauemräte nicht allein den Kampf gegen 
die Dorfwucherer, die Bourgeoisie und die Gutsbesitzer, sondern 
befassen sich auch mit der Einführung der neuen LaadßSgesetze, 
d. h., sie verwalten, als Organe der Arbeiter- und Bauemregie- 
rung, das Agrarwesen ; sie wirken als Schräubchen und Radchen 
in der Riesenmaschinerie der Staatsverwaltung, die sich in der 
Macht der Arbeiter 'und der Bauern befindet. 

So werden allmählich dürch die Arbeiter- und die Bauern- 
Organisationen die breitesten Schichten des werktätigen Volkes 
zu den Staatsgeschäften herangezogen. Kein anderes Land ver- 
mag etwas ähnliches aufzuweisen. Denn noch in keinem anderen. - 
Land hat man den Sieg der Arbeiterklasse, die Diktatur des 
Proletariats, die Räterepublik, den Rätestaat. 

Begreiflicherweise passt die Rater^erung, die der Diktatur 
des Proletariats entspricht, allen denjenigen Bevölkeruigs- 
schichten nicht, die wohl an einer Rückkehr zur kapitalistischen 
Skkverd, nicht aber an der kommunistischen Wirtschaftsordnung ■ 
intercsaert sind. Es ist ferner klar, dass diese Leute nicht offen 
erklären können: „Wir wollen ^e Knute und den Stock für die . 
Arbeiter". — Auch hierin brauchen sie Betrug, Dieser Betrug 
ist die besondere Spezialität der Rechts-Sozialrevolutionäre und 
der Menschewiki, die vom „Kampf um eine demokratische Re- 
publik" reden und von dem Allheilmittel, der Konstituierenden 
Nationalversammlung usw. In der Tat aber handelt es sich hier 
nur darum, dass die Macht an die Bourgeoisie übergehen solle. 
Aber in dieser grundlegenden Frage kann es keine Einigung • ■ 
geben zwischen uns, den Kommunisten, und den allerhand Men- 
schewiki, den rechtsstehenden Soziairevolutionären und den 
übrigen Herrschaften. Sie sind für den Kapitalismus, wir — fiir 
die Vorwärtsbewegung zum Kommunismus ! Sie treten für die 
Macht der Bourgeoisie ein, wir — für die Diktatur des Prole- 
tariats. Sie wollen eine bürgerlich-parlamentarische R^ublik 
mit der Herrschaft des Kapitals, wir — eine sozialistische 'Räte- 
republik, in der die ganze Macht den Arbeitern und den armen 
Bauern gehört. 

Bis jetzt, bis zur russischen Revolutic«i 1917, wurde über die 

32 



Diktatur des Proletariats lediglich geschrieben. Aber niemand 
wusste eigentlich genau, in welcher Form diese Diktatur verwirk- 
Ucht werden würde. Die russische Revolution zeigte uns die 
Gestalt, die Form der Diktatur selbst : diese Form ist die Räte- 
republik. Deshalb setzen jetzt die besten Kolonnen des interna- 
tionalen Proletariats auf ihr Banner die Devise der Räterepublik 
und der Räteregierung. Deshalb besteht auch unsere gegenwär- 
tige Aufgabe darin, dass wir die Räteregierung in jeder Hinsicht 
festigen, sie von allen unwürdigen Elementen säubern und an das 
W^k des Aufbaues möglichst viele begabte Genossen heranzie- 
hen, die aus den Arbeiter- und Bauemmassen hervorgegangen 
sind. Nur eine solche Regierung, die Räteregierung, die Regie- 
rung der Arbeiter und Bauern selbst können und müssen die 
Arbeiter und die Bauern verteidigen. 

Erlitten bei uns die Arbeiter und die Bauern ein Nieder- 
lage, würde bei uns die Konstituierende Versammlung einberufen 
werden ; träte anstelle der Räte eine gewöhnliche bürgerliche Re- 
publik nach der Art der französischen oder der amerikanischen, 
— dann müssten die Arbeiter sich zur ersten Aufgabe stellen, 
diese Republik zu stürzen — die Arbeiterklasse würde keines- 
wegs verpflichtet sein, sie zu verteidigen. Denn ihre Sache ist 
es, die R^crung der Arbeiter, nicht aber die der Bourgeoisie 
zu verteidigen. Inbezug auf eine Regierung da- Bourgeoisie hat 
die Arbeiterklasse nur eine einzige Pflicht, diese Regierung zu 
stürzen. 

VII. Freflieiten für die Arbeiterklasse und die ame 
Bauernschaft, Zügel für die Bourgeoisie. 

Wortfreiheit, Pressefreiheit, Koalitions- und V ersammlungs- 

freiheit in der Räterepublik. 

Haben wir einmal die Diktatur der Arbeiter und der Bauern, 
«ne Diktatur, die zum Ziel hat, die Bourgeoisie endgiltig zu er- 
sticken, der Bourgeoisie jede Lust auszutreiben, emen Vo-sudi 
2ur Wiederherstellung der bürgerlichen Gewalt zu unternehmen 
— so kann von weitgehenden Freiheiten für die Bourgeoisie na- 
türlich nicht die Rede sein, genau so wie nicht die Rede sein 
kann von der Gewährung der Wahlberechtigung für die Bour- 
geoisie, und einem Uebergang vom Rätesystem zu einem bürger- 
lich-republikanischen Parlamentarismus. 

Die Partei der Kommunisten (Bolschewiki) wird von allen 
Seiten mit Schreien der Empörung und manchmal auch der Dro- 

33. 



« 



hung überhäuft: „Ihr unterdrückt Zeitungen, Ihr verhaftet, Ihr 
löst Versammlungen auf, Ihr tretet die Wort- und Pressefreiheit 
mit Füssen, Ihr stellt die Gewaltherrschaft wieder her, Ihr seid 
Gewaltmenschen und Mörder" — und noch anderes mehr. Ge- 
rade diese Frage über die Freiheiten in der Räterepublik muss 
am ausführhchsten betrachtet werden. 

Führen wir zunächst ein Beispiel an. Als — noch im März 
1917 — die Revolution ausbrach und die Zarenminister (Stür- 
mer, Protopopow und andere) verhaftet wurden, hat denn je- 
mand dagegen etwas einzuwenden gehabt? Niemand. Und doch 
bedeuten diese Verhaftungen, wie alle Verhaftungen überhaupt, 
ein Uebertreten der Freiheit der Person. Warum wurde damals 
diese Uebetretung von jedermann gebilligt ? Und warum sagen 
wir auch jetzt: ,Ja, es musste so gehandelt werden?" Sehr ein- 
fadi: darum, weil es sich um die Verhaftung von schädlichen 
Gegenrevolutionären handelte. Und in der Revolution muss man 
mehr denn je das Gebot im Auge behalten: Aufgepasst! Würde 
man nicht aufpassen, würde man die Zügel loslassen und die 
Feinde nicht an die Wand quetschen, so wären bald von der 
ganzen Revolution nur noch kümmerliche Reste übrig. 

Ein anderes Beispiel. Zur selben Zeit, als man die Stürmers 
und Goremykins arretierte, unterdrückte man auch die Schwarze- 
dertpresse. Das war ja ein offenkundiger Eingriff in die 
Pressfreiheit, War denn ein solcher Eingriff in diese Press- 
freiheit richtig? Gewiss war er richtig. Und kein einziger ver- 
nünftiger Mensch wird je bestreiten, dass man genau so handeln 
musste. Woh» kam das ? Es konrnit daher, dass zur Revolu- 
tionszeiten, wenn es sich um einen Kampf auf Leben und Tod 
handelt, dem Feinde seine Waffen genommen werden müssen. 
Eine dieser Waffen bildet die Presse. 

Noch vor der Novemberrevolution wurden in Kiew die 
Vereine der Schwarzen Hundert, wie „Der Doppeladler*' und 
einige andere, verboten. Das war ein Bruch der Koalitions- 
freUieit. Aber das geschah mit Recht, denn die Revolution kann 
die Freiheit, Vereine gegen die Revolution zu organisieren, nicht 
dulden. 

Als Kornilow gegen Petersbiurg loszog, da streikte eine ganze 
Reihe von Generälen und weigerte sich^ den Befehlen der provi- 
sorischoi Regierung Folge zu leisten. Sie erklärten, dass sie 
Kornilow vollkommen unterstutzten. Hätte man eine solche 

Streikfreiheit der Generäle unterstützen sollen ? Es ist klar : diese 
Streiks der Generäle von den Schwarzen Hundert musste man 
mit den strengsten Massregeln verfolgen. 

34 .... 



- Wie ist CS also? Wir sehen nun, dass ein Uebertreten der 
Freiheiten gegenüber den Feinden der Revolution absolut ge- 
boten ist. Zu Revolutionszeiten kann es keine Freiheiten für die 
Gegner des Volkes und der Revolution geben — das ist ein 
klarer, unwiderlegbarer Schluss. 

Nach dem März 1917 und bist zum November 1917 haben 
weder die Menschewiki noch die rechtsstehenden Soztalrevolu* 
tionäre, noch die Bourgeoisie behauptet, dass im März eine „ge- 
waltsame Besitzergreifung" stattgefunden hätte, dass die Press- 
freiheit (der Schwarzen Hundert) mit Füssen getreten, die 
Wortfreiheit unterdrückt würde usw. Sie hatten damals nichts 
dagegen, weil all das die Bourgeoisie tat, die im März die Macht 
an sich gerissen hatte: die Herren Gutschkow, Miljukow, Rods- 
janko, Terestschenko und ihre treuen Diener, die Kerenskis und 
Zeretellis. 

Im November wurde aber alles anders. Im November traten 
die Arbeiter gegen die Bourgeoisie hervor, die seit März auf 
ihrem Nacken sass. Im November wurden die Arbdter von den 
Bauern tmterstützt. Sdbstverständlich b^fann die Bourgeoisie 
die Arbdterrevolution wild zu hassen und sie treibt diesen ihren 
wilden Hass genau so weit wie die Gutsbesitzer. Alle Gross- 
eigentümer haben sich nun gegen die Arbeiterklasse und die arme 
Bauernschaft zusammengetan. Und ebenso selbstverständlich ist 
es, dass, wenn das Volk seine Feinde fest anpackt, diese in macht- 
loser Wut „Expropriateurfe", „Gewaltmenschen" usw. rufen. 

Den Arbeitern und den Bauern ist jetzt das eine klar. Die • 
Partei der Kommunisten fordert keinerlei Freiheiten (des Wor- 
tes, der Presse, der Versammlungen und Vereine usw.) für die 
bürgerlichen Feinde des Volkes. Im Gegenteil. Sie fordert die 
stete Bereitschaft, die bürgerliche Presse zu tmterdrücken, die 
V^samnalungen der Volksfeinde aufzulösen und ihnen zu ver- 
bieten zu lügen, verläumden und Panik zu verbreiten; alle ihre 
Versuche, zur Macht zurück zu gelangen, müssen aufs schärfste 
unterdrückt werden. Gerade darin besteht die Diktatur des Pro- 
letariats. 

I Wenn also von der Presse die Rede ist, so fragen wir vor 
allem, von welcher Presse man. rede: der bürgerlichen oder 
Arbeiterpresse; wenn von Versammlungen die Rede ist, fragen 
wir, von welchen Versammlungen die Rede sei : von Arbeiter- 
versammlungen oder von gegenrevolutionären Versammlungen; 
wenn man die Frage des Streiks berührt, so kommt für uns 
vorderhand in Betracht, ob es sich um einen Streik der Arbeiter 
gegen die Ka|>italisten oder dkle Sabotage der Bout^ieoisie oder^ 

35 



der bürgerlichen Intellektuellen gegen das Proletariat handele. 
Wer diese Dinge nicht auseinanderhält, der versteht gar nichts ! 
Presse, Versanunlungen, Vereine und so weiter sind Werkzeuge 
des Klassenkampfes, und in einer revolutionären Epoche, zu 
Revolutionszeiten bilden sie Werkzeuge des Bürgerkrieges, ge- 
nau so wie die Waffenlager, die Maschinengewehre, das Pulver 
und die Bomben. Die ganze Frage besteht nur darin, von wel- 
cher Klasse und gegen welche Klasse sie angewandt werden. 
Die Arbeiterrevolution kann keine Freiheiten dazu gewähren, da- 
mit Aufstände gegen die werktätigen Massen organisiert werden, 
wie die eines Komilow, Dutow oder Miljukow. Eben so wenig 
kann sie eine vollkommene Freiheit der Organisation, des Wor; 
tes, der Presse und der Versammlungen den contre-revolutio- 
nären Banden gewähren, die mit der grössten Erbitterung ihre 
Politik weiter verfolgen, und nur auf die passende Gelegenheit 
warten, um sich auf die Arbeiter und die Bauern zu stürzen. 

Wir haben bereits gesehen, dass, wenn die Rechts-Sozial- 
Revolutionäre und die Menschewiki die Konstituierende Ver- 
sammlung zu ihrer Devise machen, sie sich um Stimmen für die 
Bourgeoisie kümmern. Ebenso meinen sie die Freiheiten der 
Bourgeoisie, wenn sie wie wild von der Vernichtung und Auf- 
hebui^ der Freiheiten überhaupt schreien. Man möge die bür- 
gerliche Presse, die Führer des Bürgertums und die g^jenrevo- 
lutionären bürgerlichen Organisationen nicht anrühren — das 
ist in Wirklichkeit die Stellung dieser Herren, 

Ihr habt doch aber auch die Zeitungen der Menschewiki und 
der Sozialrevolutionäre unterdrückt, — wird man uns sagen ; — 
die Kommunistische Partei hat mehrmals angesehene Persönlich- 
keiten angetastet, die seiner Zdt, unter dem Zaren, in den Ge- 
fängnissen schmachteten. Was soll das also? — Diese Frs^e 
lässt sich durch eine andere Frage beantworten: als der Rechts-, 
Sozialrevolutionär Goetz den Aufstand der Fähnriche und der 
Ofiüziere gegen die Soldaten und die Arbeiter organisierte, — 
nun, hätte man ihm da das Köpfchen streicheln sollen? Als der 
Rechts-Sozialrevohitionär Rudnew zusammen mit dem Rechts- 
Sozialrevolutionär Rjabzew im November die Moskauer weisse 
Garde, die bürgerlichen Muttersöhnchen, die Hausbesitzer, noch 
andere Herrchen, die ganze goldene Jugend bewaffnete und diese 
beiden gemeinsam mit den Offizieren und Fähnrichen bemüht wa- 
ren, den Novemberaufstand der Arbeiter und Soldaten mit Ma- 
schinei^ewehren zu unterdrücken und in Blut zu ertränkenr-hätte 
man ihnen dafür etwa einen Orden um den Hals hängen sollen? 
Als die Zeitung der Menschewiki „Wperjod" („Vorwärts", aber 

36 



eigentlich hätte sie „Nasad", „Rückwärts" heissen müssen) und 
das Sozialrevolutionäre Organ „Trud" („Arbeit") im wildesten 
Augenblick des Kampfes den Moskauer Arbeitern vorlogen, 
Kerenski hätte Petersburg eingenommen (und das taten sie, um 
den Willen der Arbeiter zu zersplittern) — nun, hätten derar- 
tige Provokationsstückchen belobt werden sollen? 

Was folgt aus alledem ? Daraus folgt, dass wenn die sozial- 
verräterischen Agitatoren und die sozialverräterischen Organe 
gar allzu dfrig der Bourgeoisie zu dienen beginnen, wenn sie 
in ihrem Auftreten sich tatsächlich nicht mehr von den Progrom- 
leuten der Kadetten und der Schwarzen Hundert unterscheiden, 
dass man dann gegen sie genau dieselben Massnahmen- anwenden 
kann und muss, wie gegen ihre vielgeliebten Herren und Wohl- 
täter. Heutzutage gibt es viele Herren, die gegen den Zaren 
und die Gutsbesitzer kämpften, die aber Zeter und Mordio 
schreien, wenn die Arbeiter die Güter der Bourgeoisie antasten. 
Für alles Vergangene sei ihnen Dank gesagt. Wenn sie sich 
aber in der Gegenwart durch nichts von den Schwarzen Hundert 
unterscheiden — dann sollten sie sich auch nicht beklagen, dass 

ihnen Unrecht geschehe. ^ . , ^ „ . 

Brauchen also die Bourgeoisie und alle Feinde des Prole- 
tariats und der armen Bauernschaft einen Zügel, so ist dem Pro- 
letariat und der Bauernschaft sdbst eine völhge Freiheit des 
Wortes, der Vereine, der Press usw. zu sichern, und zwar nicht 
in Worten nur, sondern in der Tat. Niemals, bei keiner Staats- 
verfassung, gab es je so viele Bauern- und Arbeiter-Organisa- 
tionen wie jetzt unter der Räteregierung in Russland. Noch 
niemals unterstutzte der Staat die zahhreichen Arbeiter- und 
Bauernorganisationen so wie die Räteregierung in unsem Tagen. 
Das geschieht aus dem einfachen Grunde, wdl die Räte- 
regierung die Regierung der Arbeiter und Bauern selbst ist, 
und es ist selbstverständlich, dass eine solche Regierung die 
anderen Organisationen der Arbeiterklasse fördert — so weit 
sie ^ nur kann, so weit sie dazu Kräfte und Mittel hat. Und 
die Kommunisten — wiederholen wir — verwirklichen diese 
Freiheiten in der Tat und verkünden sie nicht etwa der Welt 
nur mit dem Mund. Ein kleines Beispiel: die Freiheit der 
Arbeiterpresse. Unter dem Ansturm der Arbeiterklasse hätte sich 
auch der Bourgeois schon zu einem grösseren oder minderen 
Grad der Freiheit der Arbeiterpresse bequemt. Doch die Ar- 
beiter verfügen über keine Mittel. Die Drudcerden sind alle in 
den Händen der Kapitalisten. Auch das Papier ist in den Händen 
der Kapitalisten, die alles aufgekauft hatten. So geht der Ar- 

37 



beiter mit seiner Pressfreiheit herum, kann aber diese Freiheit 
nicht verwirklichen. Da machen sich die Kommunisten an die 
Herren Seltzer der Druckereien und des Papiers herap und sa- ' 
gen zu ihnen: Der proletarische Staat konfisziert eure Druk- 
kereien, erklärt sie als Eigentum des Arbeiter- und Bauern- 
staates und stellt sie den Genossen, den Arbeitern zur Ver- 
fügung — mögen sie nun ihre Pressfreiheit verwirklichen! — 
Natürlich jammern die Herren Kapitalisten darüber. Aber nur 
so kaum man eine tatsächliche Freiheit der Arbeiterpresse er- 
reichen. 

Noch eine andere Frage könnte uns gestellt werden : warum 
redeten die Bolschewiki nicht früher von einer Aufhebung jeder 
Freiheit der Bourgeoisie? Warum traten sie selbst früher für 
eine bürgerlich-demokratische Rq)ublik ein? Warum waren sie 
früher selber für düe Konstituierende Nationatversammlung und 
Hessen nichts davon verlauten, dass der Bourgeosie das Wahl- 
recht genommen werden müsse? Mit einem Wort, warum haben 
sie jetzt in diesen Fragen ihr ganzes ^^rogramm geändert? 

Sehr einfach. Darum, weil die Arbeiterkla^ früher noch 
nicht die Kraft besessen hatte, die Feste der Bourgeoisie zu. stür- 
men* Es bedurfte einer Vorbereitung, einer Ansammlung der 
Kräfte der Aufklärung der Massen und der Organisation. 

Die Arbeiterklasse bedurfte, zum Beispiel, der Pressfreiheit, 
aber nur für die Arbeiterpresse, ihre eigene Presse, nicht für die 
ihrer Herren. Aber sie konnte nicht zu den Kapitalisten und 
ihrer Regierung kommen und die Forderung aufstellen : Schliesst, 
Ihr Herren, i^pitalisten, Eure Zdtungen und la&t unsere -Zei- 
tungen erscheinen, die Arbeiterzeitungen! — Sie hätte sich da- 
durch nur lächerlich gemacht, denn es wäre lächerlich, dem Ka- 
pitalisten eine solche Forderung zu stellen; es wäre ungefähr so, 
als wenn man verlangte, dass er sich eigenhändig die Kehle 
durchschnitte. Solche Forderungen stellt man nur dann auf, 
wenn man daran geht, die Feste zu stürmen. Aber früher war 
es noch nicht so weit. Aus diesem Grunde rief die Arbeiter- 
partei (und auch unsere Partei) : es lebe die Pressfreiheit der 
ganzen Presse, auch der bürgerlichen ! Oder ein anderes Bei- 
spiel. Für den Arbeiter sind natürlich die Unternehmerver- 
hände, die Verbände» die die Arbeiter aufs Pflaster setzen» die 
schwarzen Listen fähren usw., von grossem Schaden. Aber die 
Arbeiterklasse konnte sich nicht hinstellen und sagen : Löst eure 
Verbände auf, gründet Verbände für uns. Dazu gehörte, dass 
die kapitalistische Macht gebrochen würde. Aber dazu . reichten 
die Kräfte noch nicht. Eben aus dieson Grunde proklamierte 

38 



unsere Partei: wir fordern Koalitionsfreiheit (ganz allgemein, 

nicht allein für die Arbeiter). . ^ , - . 

Nun haben sich die Zeiten geändert. Jetzt handelt es sich 
nicht mehr um eine langwierige Vorbereitung zum Kampfe ; wir 
erld>en jetzt den ersten Augenblick nach dem Sturm, nach dem 
ersten grossen Sieg über die Bourgeoisie. Jetzt hat die Arbeiter- 
klasse eine andere grosse Aufgabe vw sich: den Widerstand der 
Bourgeoisie endgültig zu brechen, ^ 
• Daher muss die Arbeiterklasse, die im Namen der Befreiung 
der gesamten Menschheit von den Brutalitäten und Greueln des 
Kapitalismus wirkt, mit unbeugsamer Entschlossenheit diese 
Aufgabe zu Ende führen : Keinerlei Zugeständnisse an die Bour- 
geoisie; voUe Freiheit und die Möglichkeit, diese Freiheit zu ver- 
wirklichen — den Arbeitern und dai armen Bauern! 

ym. Die BaDken — Gemeinbesitz te Arbeitenden! 

{SoskMskrtmg der Banken) 

Wir sahen, bereits, dass die Ursache aUen Uebels in der 

kapitalistischen Gesellschaft der Umstand ist, dass die gesaraten 
Produktionsmittel der Gutsbesitzer- und Kapitalistenklasse ge- 
hören. 

> Wir sahen ferner," dass <iie Erlösung davon nur auf dem 
einen Wege erreicht werden kann — auf dem Wege der Aus- 
hebung dieser Produktionsmittel aus den Händen der Kapita- 
listenklassen (seien es einzelne Kapitalisten, Unternehmer- 
Verbände oder der bürgerliche Staat) und der Uebergabe dieser 
Produktionsmittel in die Hände der werktätigen Massen. 

Natürlich muss dieser Weg so beschritten werden, dass zu 
allererst dem Kapital die wichtigsten und mächtigsten Gebiete 
entrissen, dass vor allem die wesentlichsten ökonomischen Fe- 
stungen des Kapitals eingenommen werden. Femer muss man 
den Anfang damit machen, was sich am leichtesten nicht allein 
nehmen, sondern auch organisieren, der Kontrolle und der Be- 
rechnung unterwerfen und sich so einrichten lässt, dass es mög- 
lichst glatt geht. Wir wissen ja, dass die Aufgabe der Arbeiter- 
klasse und der armen Bauern nkht etwa darin besteht, den 
reichen Leuten alles abzunehmen und das Abgenommene auf 
die eigenen Taschen zu verteilen, etwa zu rauben und zu teilen, 
sondern darin, eine Arbeitsgemeinschaft zu schaffen, die plan- 
mässig arbdtet und die Produktion sowie ihre Verteilung or- 
ganisiert. Daratis folgt aber, dass die Arbeiterklasse/ sich zu 



39 



allererst derjenigen Institution bemächtigen muss, die schon 
früher, aber zu Heil und Frommen der Kapitalisten bestanden, 
und diese Institution nach ihrer eigenen Art ummodeln und sie 
auf eine Basis stellen muss, dass sie nicht den Kapitalisten und 
Grundbesitzern, nicht den Schwindlern und Spekulanten dienen, 
sondern dem werktätigen Volke. 

Daher stellt gerade unsere Partei die Forderung der Ver- 
staatiichung (in Deutschland sagt man Sozialisierung) der Ban- 
ken auf, das heisst, der Uebergabe der Banken in die Hände des 
proletarisch-bäuerlichen Staates (diese Forderung ist bereits ver- 
wirklicht). 

Man nimmt gewöhnlich an, die ganze Bedeutung der Banken 
bestehe darin, dass in den Kellern der Bankhäuser Berge von 
Gold und Haufen von Papiergeld und Wertpapieren aufgestapelt 

sind, und dass aus diesem Grunde die Kommunisten so lüstern 
nach den Banken seien. In Wirklichkeit verhält es sich aber 
anders. 

In uiiseren Tagen sind die Banken nicht einfach Geldsäcke. 
Sie sind viel mehr. Nämlich : die Banken erscheinen als das Orga- 
nisationshaupt, als die Spit:;e der Organisation, von der aus die 
Industrie regiert zvird. Wie geschieht das? Folgendermassen. 
Die kapitalistischen Industriellen gewinnen unaufhörlich Profite, 
die Kapitalien fliessen ihnen nur so zu, wie ein unversiegbarer 
Strom. Wo lässt der Kapitalist seinen Gewinn? Einen Teil da- 
von isst er auf, vertrinkt, verschwendet er. Einen andwen Teil 

— den grösseren — hebt er auf für die Erweiterung seines 
„Geschäftes". Aber dieses Geschäft lässt sich ja nicht in jedem 
Augenblick erweitern, sondern nur dann, wenn der Kapitalist 
genügend gespart hat, wenn ihm eine Summe zugeflossen ist, 
die gross genug ist, um ztim Beispiel ein neues Fabrikgebäude 
zu errichten oder neue Maschinen anzuschaffen. So lange das 
nicht der Fall ist, legt er sein Geld, damit es nicht „nutzlos" 
herumliege, auf die Bank und erhält von der Bank bestimmte 
Zinsen. \ 

Nun fragt es sich: wenn das Kapital auf der Bank liegt 

— vermehrt es sich dof# von sdbst? Nein. Die Bank srtzt 
dieses Kapital in Betrieb. Entweder die Bank gründet ihre 

eigenen Unternehmungen und streicht ordentliche Profite ein, 
oder sie kauft einen Teil der Aktien (der Anteile) der bereits 
bestehenden Unternehmen, oder sie erwirbt Aktien solcher Unter- 
nehmen, die erst im Entstehen begriffen sind. Auf diese Aktien 
bekommt sie Zinsen (Dividende), die bedeutend höher sind, als 
diejenigen Summen, die sie den Einzahlern ihrerseits auszahlt. 

40 ~ 



Die Differenz bleibt bei der Bank. Diese Differenz wird 
angehäuft und wieder in Betrieb gesetzt — auf diese Weise 
w^st das Eigenkapital der Bank. Je weiter, um so mehr wer- 
den die Banken die eigentlichen Herren der Industrieunterneh- 
men : die einen Unternehmen gehören ihnen ganz, die anderen 
zum Teil. Die Erfahrung hat gelehrt, dass man nV*; ^0 ^is 40 
Prozent aller Aktien zu besitzen braucht, um eigenthch .«her 
ganze Unternehmen verfügen zu können. Das ist auth in Wirk- 
lichkeit der Fall. In Amerika, zum Beispiel, schalten und vva ten 
zwei Banken über die gesamte Industrie. In Deutschland halten 
vier Banken das ganze wirtschaftliche Leben des Landes in der 
Hand. Dasselbe ist bis zu einem gewissen Grade auch m Russ- 
land der Fall gewesen. Eine betrachtliche Anzahl der grossen 
Unternehmen in Russland bestand aus Aktiengesellschaften. 

Nun aber besassen die russischen Banken einen grossen Teil 
der Aktien dieser Unternehmen, so dass die Aktiengesellschaften 
in innigster Verbindung und in völliger Abhängigkeit von den 
Banken standen, sozusagen ihre „Hörigen" waren. Da eine em- 
sige Bank über das Schicksal vieler Industrieunternehmen ver- 
fügt, so ist klar, dass die grossen Banken eigentlich die ganze 
Industrie beherrschen und als das Zentrum gelten dürfen, in dem 
die Fäden von einer ganzen Reihe von Unternehmen zusammen- 
laufen. Eben aus diesem Grund erscheint die Expropriierung 
der Banken, ihre Enthebung aus Privatbesitz und Uebergabe an 
den Arbeiter- und Bauernstaat, oder wie man zu sagen pflegt, 
ihre Verstaatlichung (resp. Sozialisierung) als dringendste Auf- 
gabe der Arbeiterklasse. Die Bourgeoisie, ihre Presse und ihre 
Agenten haben b^eiflicherweise aus diesem Anlass ein entsetz- 
liches Lamento erhoben: „Die Bolschewiki smd Räuber! Die 
Bolschewiki sind Diebe ! Man gestatte nkht, dass die Reichtumer 
und die Ersparnisse des Volkes geplündert werden !" Aber dieses 
ganze Gejammer war ja nur allzu begreiflich: die Bourgeoisie 
ahnte, dass die Verstaatiichung der Banken die Uebergabe der 
Hauptfestung, des Kerns der läpitalistischen Gesellschaft an die 
werktätigen Massen bedeutete, und dass dieses infolgedessen der 
erste und entscheidenste Schritt war zur Zerstörung der Welt 
des Profites und der Ausbeutung. Hat nun einmal das Prole- 
tariat seine Hand an die heutigen Banken gelegt, so bedeutete 
das auch, dass es bereits in hohem Grade auch die Zugcl der 

Industrie führt. , , 

Andererseits ist auch leicht zu begreifen, dass ohne die Ver- 
staatlichung der Banken es unmöglich gewesen wäre, die Kapita- 
listen aus den Fabriken und Werken zu verdrängen, pie mo- 



41 



T 



derne Fabrik hängt von der Bank ab: entweder die Bank be- 
sitzt einfach die ganze Fabrik, oder sie besitzt einen Teil der 
Aktien, oder sie gewährt ihr sonst Kredit in irgend einer anderen 
Form. Stellen wir uns vor, die Arbeiter irgend einer Fabrik 
j haben alles unter ihre Kontrolle und Leitung genommen. Wenn 

j die betreffende Bank sich in Privatbesitz befindet, der Bour- 

geoisie gehört, dann ist das ganze Unternehmen futsch, sobald 
die Bank erklärt, dass sie der Fabrik keinen Kredit weiter ge- 
währe. Das ist ungefähr dasselbe, wie wenn man dne belagerte 
Festung von der Zufuhr abschneidet. Dann müssten sich die 
Arbeiter unweigerlich ergeben und beim Unternehmer zu Kreuze 
i kriechen. Dagegen, durch die Verstaathchung der Banken von 

\ Seiten der Räteregierung erhält die Arbeiter- und Bauernregie- 

I rung die Möglichkeit, über die Geldmittel und die Wertpapiere, 

die das Geld ersetzen, frei zu verfugen, und den Uebergang der 
Industrie zu den werktätigen Klassen nicht allein nicht zu ver- 
hindern, sondern ihn kräftig zu fördern. Die Macht, die in den 
' Händen der Bankiers gegen die Arbeiter gerichtet war, wird in 

diesem Falle zur Macht, die sich gegen die Kapitalisten richtet 
' Die weitere Aufgabe besteht wesentlich darin, dass die ver- 
schiedenen Banken, die f riiher Privatl>anken waren, zu einer ein- 
zigen Volksbank verschmolzen werden, die Tätigkeit der Banken 
vereinigt, oder wie man zu sagen pflegt, das Bankwesen zentra- 
lisiert werde. Beim Uebergang der Industrie an die Arbeiter- 
klasse müsste sich dann die Volksbank in eine Art Kontobuch 
verwandeln, in eine In^itution, die unter den einzelnen Produk- 
) I tionszweigen die gegenseitigen „Abrechnungen" besorgte. In der 

Tat. Gesetzt, von der Zentralbank hänge die Kohlen-, die Stahl- 
und die Eisenindustrie ab. Jede dieser Industrien braucht Pro- 
dukte der anderen : die Stahlgiessereien müssen aus den Kohlen- 
bergwerken Kohle beziehen; die Stahlwerke, die den Stahl be- 
arbeiten, erhalten diesen Stahl erst von den Stahlgiesserden, und 
so fort. Und hängen alle diese Untemdimen vollkommen von 
der Bank ab, so können natürlich „Auszahlungen'' durch eine 
einfache Uebertragung der Rechnungen geschehen ; die Bank 
wird sozusagen zum Verrechnungsbureau, zur zentralen Buch- 
führungsstelle, an der die Beziehungen zwischen den verschie- 
denen Unternehmen und den verschiedenen Betrieben klar zum 
Vorschein treten* Im Einklang mit diesen Beziehungen wird die 
Industrie von der Bank unterstätzt (finanziert) und mit Geld- 
I mittein versorgt. 

Letzten Endes, wenn es uns gelingen sollte, das ganze Wirt- 
schaftsleben zu organisieren (und danach strebt ja unsere Partei 

I 42 ^ 



und die Räteregierung, an deren Spitze unsere Partei steht), 
wird folgendes Bild erhalten: alle Gebiete der Produktion 
gehören dem werktätigen Arbeitsstaat und sind^ durch die zen- 
trale Volksbank verknüpft ; hier laufen alle Fäden der_ Einzd- 
unternehmen zusammen, nach Industriezweigen vereinigt; die 
Bank besorgt die genaue Abrechnung dieser Unternehmen und 
aller Operationen unter ihnen, die sich gegenseitig decken, da 
der dofi Produktionszweig dem anderen das Material liefert; die 
Bank» dieses Kontobuch der gesdlschaftlichen Produktion, gibt 
also ein Bild von der allgemeinen Lage der Produktion und dem 
Verhältnis ihrer verschiedenen Teile zueinander. Das zentrali- 
sierte und verstaatlichte (resp. sozialisierte) Bankwesen (das 
vereinheitlicht ist und sich im Besitz der Arbeiter- und Bauern- 
regierung befindet) • verwandelt sich in eine Art öffentlicher 
Buchführung der soMisHsch-genossenschaftlichen Produktion.- 

IX. Die GfOflsindustrie Aifoeiterklasse! 

{Sozialisierung der Industrie.) 

Der bedeutendste Schritt auf dem Wege der Enthebung der 
Produktion den Händen der Ausbeuter ist, wie vr\r gesehen 

haben, die proletarische Verstaatlichung (resp. Sozialisierung) 
der Banken. Aber daraus wäre noch nicht viel Gutes entstanden, 
wenn an den Arbeitsstätten, in den Fabriken und Werken die 
Kapitalisten ihre Herrschaft und ihr Eigentumsrecht, sei es auch 
nur über einen Teil der Grossindustrie, der den Banken nicht 
unmittelbar gehört, beibehalten hätten. Diese Üntemehmen 
würden die Geldmittel aus der Bank beziehen, und die Herren 
Kapitalisten würden ihre Arbeiter weiter ruhig ausbeuten und 
sich noch dazu allerhand Hilfsgelder aus Staatsmitteln erbetteln, 
um sie wer weiss wozu zu verwenden. Der Uebergang zur kom- 
munistischen Gesellschaftsordnung ist ohne die Verstaatlichung 
der Banken undenkbar, aber ebenso undenkbar ist dieser Ueber- 
gang auch ohne die Sozialisierung der Grossindustrie. 

Auch hierin verfährt die Arbeiterklasse und unsere Partei 
so» dass nicht allein das Alte zertrümmert, den Kapitalisten das 
Verfügungsrecht über die Produktion entrissen, sondern auch 
neue Verhältnisse geschaffen werden sollen. Die Sozialisienmg 
der Industrie muss deshalb mit dem Grossbetrieb und in erster 
Linie mit den sogenannten syndizierten Industriezweigen be- 
ginnen. 

Was heisst s^iidizieirte (zu Syndikaten vereinigte) Industrie ? 

4? 



Sjmdikate, das sind die grossen Unternehmeiiyerbände ; s^en die 
Besitzer einiger Unternehmen, dass es ihnen nicht lohnt, ein- 
ander die Kundschaft abzutreiben, und es vorteilhafter ist, zur 
gemeinsamen Uebervorteilung des Publikums eine enge Verbin- 
dung miteinander einzugehen, dann organisieren sie ein Syndikat, 
oder einen nodi aigeroi Fabrikantenverband, einen Trust. Sind 
die Unternehmer zu solchen Verbanden nicht zusammengeschlos- 
sen, so drücken sie sich gegenseitig die Preise : Jeder will seinen 
Konkurrenten den Kunden abjagen, und das kann er nur da- 
durch erreichen, dass er billiger verkauft als der andere; hält 
der andere nicht stand, so geht er zugrunde. Dieser Kampf 
zwischen den grössten Unternehmen führt dazu, dass die kleinen 
Fische im Teich des Kapitalismus den Kampf nicht aushalten 
und untergehen; allein die grossen Haie des Kapitals, die reidhi- 
sten Unternehmer, behaupten den Platz und bleiben Sieger. 
Setzen wir nun voraus, dass in irgendeinem Industriezweig 
(sagen wir, in der Metallindustrie) die drei, vier grössten Fir- 
men bleibe. Ist die eine stärker als die anderen, so wird sie 
so lang den Kampf weiterführ«i, bis .sie die anderen kaput ge- 
macht hat. Wie aber, wenn ihre Kräfte ungefähr gleich stark 
sind? Dann ist offenbar ein gegenseitiges Ringen fruchtlos, denn 
es würde in gleichem Masse alle Konkurrenten erschöpfen. Und 
da entsteht bei ihnen das Bestreben, miteinander eine Abmachung 
zu treffen: Sie organisieren jcinen Verband dieser Unternehmen 
und machen unter- einander aus, dass sie ihre Ware nicht unter 
diesem und diesem Preis verkaufen dürfen ; sie verteilen die Be- 
stellungen untereinander und weisen der einen Firma dieses Ge- 
biet, der anderen Firma ein anderes Gebiet an, kurz, sie teilen 
die Absatzmärkte friedlich untereinander. Da alle am Syndikat 
tdilnehmendiai Firmen gewöhnlich- mehr als die Hälfte der gc- 
sammten Produktion des betreffaiden Industriezweiges liefern, 
so bedeutet das soviel, dass das Syndikat allein den Markt be- 
herrscht und die Syndikatteilnehmer beliebig hohe Preise ver- 
langen und ihre Landsleute nach Gutdünken schröpfen dürfen. 
Sobald sie jedoch in Verbindung miteinander getreten sind, 
müssen sie natürlicherweise für die früher getrennten Unterneh- 
men eine gemeinsame Verwaltung schaffen, ^eine gemdnsaune 
genaue Statistik der erzeugten Produkte führen, die Verteilung 
der Bestellungen regulieren, kurz, die Produktion organisieren. 
Nicht zum Wohle des Volkes, nicht damit das Volk mehr davon 
habe, sondern der Profitmacherei zuliebe, damit die Arbeiter 
besser geschunden und die Käufer mehr^geschröpft werden — 
zu diesem Zwecke allein bilden die Kapitalisten Verbände. 



44 



Nun ist begreiflich, warum die Arbeiterklasse zu allererst 
die bis dahin syndizierten Produktionsgebiete sozialisieren muss. 
Darum, weil diese von den Kapitalisten selbst organisiert worden 
sind. Eine geordnete Produktion — auch wenn die Herren 
Kapitalisten diese selbst organisiert haben mögen — ist leichter 
zu bewältigen. Natürlich müssen die kapitalistischen Organi- 
sationen umgemodelt werden: Die verstocktesten Feinde der 
Arbeiterklasse müssen herausgeworfen und den Arbeitern muss 
ein fester Halt gesichert werden, damit sidi alles den Arbeitern 
füge; manches wird vernichtet werden müssen. Aber selbst 
einem kleinen Kinde muss es einleuchten, dass es leichter ist, sich 
derartiger Industriezweige zu bemächtigen. Es verhält sich da- 
mit genau so, wie mit den Staatseisenbahnen : sie sind vom bür- 
gerlichen Staat bereits organisiert worden, und doch, gerade des- 
halb, weil da eine zentralisierte Verwaltung, eine Organisation 
vorfianden war, hat es auch der proletarische Staat vid Idchter, 
sie in seine Gewalt zu bekommen. 

In Westeuropa (und ganz besonders in Deutschland) und 
den Vereinigten Staaten Amerikas wurde während des Krieges 
fast die gesamte Produktion von dem bürgerlichen Raubstaat 
übernommen. IMe Bourgeoisie ist dort zur Ueberzeugung ge- 
langt, dass sie nur dann siegen kann, wenn der mörderische 
Krieg nach den letzten Errungenschaften der Wissenschaft ge- 
führt wird. Der moderne Krieg verlangt, nicht allein Geld, Geld 
und wieder Gdd, sondern fordert auch, dass die gesamte Pro- 
duktion zu den Zwecken des Krieges organisiert sei, dass alles 
einer strengen statistischen iControlle unterliege, dass nichts 
Ueberflüssiges ausgegeben und alle Kräfte zwedonässig verteilt 
werden. Und das ist nur bei einer zentralisierten, vereinigten 
Leitung möglich. Die Bourgeoisie West-Europas hat das er- 
reicht, indem sie fast ihre Gesamt-Produktion ihrem Raubstaate 
überlassen hatte. Freilich ist da die organisierte Produktion 
nicht dazu organisiert, tmi der Arbdterklasse Nutzen zu bringen, 
sondern nur, um die räuberische Kriegführung zu ermöglichen 
und der Bourgeoisie Kriegsgewinne abzuwerfen. Es ist also 
nicht verwunderlich, dass an der Spitze dieses organisierten 
Zuchthauses Generäle, Bankiers und andere grosse Ausbeuter 
stehen. Auch nicht verwunderlich ist ferner, dass die Arbdter- 
klasse dort unterdrüdct, der Arbdter in einen Sklaven, dnen 
Ldbeigenen verwanddt ist. Anderersdts aber, woin die Arbd- 
terklasse dort die bürgerliche Staatsmaschine zerschlagen haben 
wird, wird sie mit Leichtigkeit die Produktion an sich reissen 
und sie auf eine neue Basis stellen können ; sie wird die Generäle 



45 



und Bankiers davon jagen und überall zuverlässige Leute ein- 
setzen müssen; jedoch wird man den Riesenapparat der Berech- 
nung, der Kontrolle und der Verwaltung, der vom Kapitalismus 
bereits gescliaf fen worden ist, verwerten können. Aus diesem 
Grunde hat es das westeuropäische Proletariat tausendmal schwe- 
rer, anzufangen (den festgefügten bürgerlichen Staat zu zer- 
stören), wird es aber auch leichter haben, zu vollenden und 
zwar an Hand der v<»i der Bipurgeoisie organisierten Produktion. 

Die russische Bourgeoisie, die ihre Macht wanken und das 
Proletariat sich dem Siege nähern sah, scheute sich entschieden, 
den Weg zu beschreiten, den die westeuropäische Bourgeoisie 
eingeschlagen hatte. Sie begriff wohl, dass zugleich mit der 
Staatsgewalt auch die gut funktionierende Produktion an das 
Proletariat übergehen müsse. Deshalb vemachläs^gte sie nicht 
allein die Fragen der Organisation, sondern war gar um einen 
Zerfall der Industrie bemüht, oder, wie unter. Kerenski, sie sa- 
bottierte (schädigte) die Produktion. 

Es sei jedoch bemerkt, dass in Russland schon vor dem 
Kriege, zum Teil unter dem Einflüsse des ausländischen Kapi- 
tals, die wichtigen Industriezweige bereits syndiziert waren. Be- 
sonders muss das von der Schwerindustrie bemerkt werden 
(Steinkohle, Metallurgie usw.) Die bekannten Syndikate in 
Russland waren: „Prodamet", „Produgol", ,.Prodwagon" und 
andere mehr. Vor allem muss die Schwerindustrie verstaatlicht 
werden (das geschieht auch, die Betriebe des Ural werden fast 
durchwegs verstaatlicht), und darauf die ganze Grossindustrie 
überhaupt. Mit dem Uebergang der Grossindustrie in die Hände 
des Arbeiterstaates wird zugleich auch die Kleinindustrie in Ab- 
hängigkeit von ihm geraten. Auch schon vor der Verstaatlichung 
hingen viele Kleinbetriebe von den Grossbetrieben ab. Es kommt 
vor, dass sie als blosse Reparaturwerkstätten für die Grossbe- 
triebe dienen; in anderen Fällen setzen sie ihre Produkte bei 
dem Grossbetrieb ab ; dann wiederum sind sie vom Grossbetrieb 
abhängig als Käufer des Rohmaterials, oder sie sind von den 
Banken abhängig usw. Mit der Verstaatlichung der Banken und 
der Gross-Industrie sind auch die Kleinbetriebe mehr oder weni- 
ger von den sozialisierten Betrieben abhängig. Freilich bleiben 
noch eine Unmenge von Zwergbetrieben, Heimarbdtem usw. 
übrig. Ihrer gibt es in Russland eine sehr, sehr grosse Anzahl. 
Die Grundlage unserer Industrie bilden jedoch nicht die Heim- 
arbeiter, sondern die Grossbetriebe, und von einer Verstaat- 
lichung dieser Grossbetriebe von seiten des Arbeiterstaates wird 
sich das- Kapital nicht m^r erholen können. Die beiden Haupt- 



46 



I 



Stützen des Kapitals sind die Banken und die Grossindustrie. 
Ihre Besitzergreifung durch die Arbeiterklasse, durch die Ar- 
beiterregierung, bedeutet das Ende des KapitaHsmus und den 
Anfang des Sozialismus. Die Produld:ionsmittel — diese Haupt- 
stützen der menschlichen Existenz — werden einem Häuflein 
von Ausbeutern genommen und der Arbeiterklasse, der Arbeiter- 
und Bauernregierung übertragen. 

Die Menschewiki und die Rechts-Sozialrevolutionäre, die 
keinen Schritt vom Kapitalismus weichen möchten und Hand in 
Hand mit der Bourgeoisie marschieren, lehnen sich entsetzlich 
gegen alle Verstaatlichtmgen von seiten der Rateregierung auf. 
Das kommt daher, dass sie genau so wie die Bourgeoisie wohl 
ahnen, dass die kapitahstische Ordnung, die ihnen so Heb und 
angenehm ist, dadurch ins Herz getroffen wird. Dabei aber 
reden sie den Arbeitern vor, wir seien für den Sozialismus noch 
„nicht reif', wir hätten eine rückständige Industrie, die sich nicht 
organisieren liesse, usw. Wir haben aber gesehen, dass es sich 
keineswegs so verhält. Die RSckständigkeit Russlands besteht 
nicht darin, dass unsere Industrie wenig Grossbetriebe habe, im 
Gegenteil, wir haben ihrer sehr viele. Unsere Rückständigkeit 
besteht darin, dass unsere gesamte Industrie in Vergleich mit 
der Landwirtschaft zu wenig Raum einnimmt. Aber msax darf 
die Bedeutung unserer Industrie auch nicht untersdiätzen : führt 
ja die Arbeiterklasse alle' Lebenskräfte der Revolution mit sich. 

Interessant ist ferner folgender Umstand. Die Herren 
Menschewiki und die Rechts-Sozialrevolutionäre haben ihrerseits, 
als sie und die Bourgeoisie noch die Macht besassen, das Pro- 
gramm der staatlichen R^^erung der Industrie aufgestellt. 
Damals jammerten sie nicht über unsere ^ückständigkeit. Da- 
mals hielten sie eine Organisation der einheimischen Industrie 
für möglich. Was heisst das? Sehr einfach. Die Menschewiki 
und die Rechts-Sozialrevolutionäre halten es für notwendig, dass 
die Produktion vom bürgerlichen Staat organisiert werde (in 
Westeuropa ist damit sowohl Kaiser Wilhdm, wie König Georg 
oder in Amerika Präsident Wilson einverstanden) ; die Kommu- 
nistenpartei strebt dagegen an, dass die Produktion vom proleta- 
rischen Staat organisiert werde. Der Witz ist höchst einfach. 
Immer die alte Geschichte: Die Menschewiki imd die Sozial- 
revolutionäre streben rückwärts, zum Kapitalismus hin, die Kom- 
munisten aber — vorwärts, zum Kommunismus und Sozialismus. 
Als wichtigster Schritt auf diesem Wege muss die Verstaat- 
lichung der Banken und der Grossindustrie betrachtet werden. 

47 



« 



X.- Gesellschaftliche Bearbeitung des 

« 

, nationalen Bodens. 

l)ie Oktoberrevolution hat das erreicht, was die russischen 
Bauern durch Jahrhunderte hindurch anstrebte : sie entriss das 
Land den Gnindbesttzem und übertrug es den Bauern.' Die 

Frage ist jetzt nur die, was mit diesem Lande geschehen solle. 
Und auch hierin müssen wir Kommunisten dieselbe Stellung ein- 
nehmen, wie in der Frage der allgemeinen Teilung der Industrie- 
betriebe. Der Grund und Boden lässt sich natürlich teilen, im 
Gegensatz zur Fabrik. Was hätte nmn aber von der Teilung des 
Landes in Privatgrundstücke, von der Verteilung des Landes 
unter die einzelnen Bauern? Die Folge wäre, dass derjenige, der 
hübsche Ersparnisse hätte, der mächtiger und reicher als die 
anderen wäre, sich schnell „herausgemacht" hätte, sich bald zum 
Dorfmächtigen und Wucherer emporgewickelt hätte und dann 
nodi weiter hinauf ginge,- indem er den Aermeren ihren Land- 
anteil abkaufen würde. Und sieh da, nach kurzer Zeit wäre das 
Dorf wieder eingeteilt in Grossbesitzer einerseits und arme 
Schlucker andererseits, denen das eine ü-brig bliebe : sich beim 
Dorfreichen zu verdingen oder nach der Stadt zu ziehen. Frei-, 
lieh hätte man eii^n neuen Schlag von Grundbesitzern erhalten : 
Nicht Adelige, sondern reich gewordene Bauern — der Unter- 
schied wäre aber nicht gross. Der reich gewordene Bauer ist ein 
ebensolcher Blutsauger und sitzt der armen Dorfbevölkerung noch 
fester auf dem Nacken als der degenerierte Edelmann, der sich 
auf absteigendem Ast befindet und nichts mehr >taugt. 

Durch einfache Tdlung ist also kein Ausweg zu finden. 
Diesen Ausweg finden wir lediglich in der Vergesellschaftung, 
Nationalisierung des Grund und Bodens, darin, dass der Grund 
und Boden zum Gemeingut (Nationalgut) aller Arbeitenden er- 
klärt wird. Die Räteregierung hat das Gesetz der Sozialisierung 
des Grund und Bodens berdts durchgeführt; die Grundbesitzer 
sind in der Tat vom Lande verdrangt. Das Land wurde zum 
Gemeingut des werktätigen Volkes. 

Aber das allein genügt nicht. Wir müssen zu einer solchen 
Ordnung streben, dass das Land nicht allein der Gesamtheit ge- 
höre, sondern audi von der Gesamthdt bearbeitet Wierde. Ist 
diese genossenschaftliche Bodenbearbeitung nicht da, so ist, allen 

Sozialisierungsgesetzen zum Spott, alle Liebesmüh verloren. Der 
eine wird auf seinem Anteil buddeln, der andere auf dem seini- 
gen; und wenn sie so, jeder für sich, ohne gegenseitige Hilfe 

48 ! 



und ohne gemeinschaftliche Arbeit leben werden, werden sie nach 
imd nach den Grund und Boden als ihren Privatbesitz zu be- 
trachten anfangen. Und keinerlei Gesetze von oben herab werden 
etwas dabei ausriditen. GememschafÜiche Bearbeitung des Lan* 
des — das ist der Zustand, den wir anstreben, den wir erreiclien 
müssen. 

In der Landwirtschaft lässt sich genau so wie in der In- 
dustrie die Produktion am besten in Grossbetrieben leiten. Im 
Grossbetriebe kann man gute landwirtschaftliche Maschinen an- 
wenden, allerhand Mateml sparen, die Arbeit selbst nach ein* 
heitlichra Plänen lenken, jeden Arbeiter auf seinen riditigen 
Platz stellen und eine genaue Berechnung durchführen, um weder 
Kraft noch Material zu vergeuden. Die Aufgabe besteht also 
keinesw^s darin, dass jeder einzelne Bauer auf seinem Grund- 
stück herumkrabbele, wie der. Mistkäfer in sdnem Misthaufen, 
sondern darin, dass die armen Bauern zu gemetnsdiaf tlichor Ar* 
beit in möglichst grossen Betrieben übergeldtet werden. 

Wie kann das erreicht werden? Das kann und muss auf 
zwei Wegen geschehen: erstens durch genossenschaftliche Be- 
arbeitung der früheren grossen Güter der Gutsbesitzer; und 
stveitens durch Scha§img von Imdwirtschaftlichen Arbeitskon^ 
munm. 

Auf den früheren Gutem, die das Land ni<^t verpaditeten, 

sondern selbst bewirtschafteten, wurde die Wirtschaft natürlich 
zehnmal besser geführt als die Bauernwirtschaften. Das SchHm- 
me daran war nur, dass die Einnahmen in die Taschen der Guts- 
besitzer flössen, die den Bauern 2Uif dem Nacken sassen. Für 
die Kommimisten ist klar: genau so wie die Arbeiter nidit das 
Fabrikinventar plündern, die Fabrik nicht unter sidi teilen und 
sie zugrunde richten dürfen, genau so müssen auch die Bauern 
verfahren. Auf den Herrengütern findet man zuweilen recht 
viel Inventar: Pferde, Vieh, allerhand Pflugwerkzeuge, Samen- 
vorräte, manchmal auch Mäh- und Schnittmaschinen, usw. 
Manche Guter betreiben Milchwirtschaft, haben Käsereien, be- 
sitzen ganze Betriebsanlagen. Es wäre dumm, wollte man all das 
in Stücke reissen und ausplündern. Daran wären allein die 
Dorf Wucherer interessiert: sie wissen wohl, dass früher oder 
später alles in ihre Hände geraten, die armen Bauern ihren Teil 
bald losschlagen würden. Der Dorf Wucherer weiss, was bei 
einer Teilung für ihn herausschauen würde, und er lacht sich 
ins Fäustchen. Ein ganz anderes Interesse haben dagegen die 
armen Bauern, die Halbproletarier, diejenigen, die sich kaum 
über Wasser haUen und sich verdingen müssen. Für die arme 



Dorlbevolkeruf^ ist es tatiseiidnlal vorteilhafter, mit den grossen 
Cmtem genau 'so zu verfahren/ wie die Arbeiter mit den Fa- 
briken verfahren, das heisst, sie unter ihre Kontrolle, Abrech- 
nung und Verwaltung zu übernehmen, das frühere Land des 
Gutsbesitzers gemeinschaftlich zu bearbeiten; nicht in Einzel- 
gehöfte zu zerreissen, und alle Maschinen tmd das Inventar, die 
froher dem Gutsbesitzer gehörten^ jetzt aber an die Bauern 
ubergegangen sind, gemeinsam zu benutzen! Die Kommune muss 
gelernte Landwirte und Fachleute anstellen, damit das Land 
nicht auf läppische Weise bestellt werde, damit der Boden nicht 
weniger trage als für den Gutsbesitzer, sondern eher noch mehr. 
Das Land an sich reissen/ist nicht schwer. Die Güter zu rät- 
dgnen, erwies sich dbenfalls als nidit schwer. Das musste auch 
geschehen. So sehr die Menschewiki und Sozialrevolutionäre 
auch davon abrieten (es sei gesetzwidrig, es würde nichts dabei 
herauskommen, in jedem Dorfe würde ein Blutbad entstehen, 
und anderes mehr), so nahmen doch die Bauern das Land, und 
die Räteregierung* half ihnen dabei. Viel schwcsrer ist es ab», 
das Land den weridatigen Mass^ ^ erhalten und es vor den 
Dorfausbeutern zu bewahren, die sich darauf spitzen. Das muss 
sich der arme Dorfbewohner einprägen, dass er über die Un- 
ant^stbarkeit des gesellschaftlichen Gutes scharf zu wachen habe. 
Das ehemalige Grundbesitzergut ist ja nun gesellschaftliches Gut 
(Nati<malgut). Es muss gdiütet, bewahrt werden wie ein kost* 
bares Kleinod. Zu Nutz und Frommen aller Arbeitenden soll 
dieses Gut gemehrt werden. Die Sache muss so organisiert wer- 
den, dass die Vertrauensmänner der armen Dorfbevölkerung und 
der Arbeiter alles leiten, nichts umkommen lassen und die gesell- 
schaftliche Bearbeitung der früheren Gutsbesitzerländereien auf 
jede Weise fördent Je besser die genossenschaftliche Produk- 
tion auf diesen Gütern eingeridhtet sein wird, um so besser! Das 
heisst so vid, dass das Getreide besser gedeihen wird, die Wu- 
cherer mit leeren Händen ausgehen und die Bauern immer mehr 
lernen werden, gemeinschaftlich zu arbeiten — und dies ist im 
Kommunismus von allerhöchster Wichtigkeit. 

!Abar es sollen nicht allein die früheren Güter ungeteilt 
bleiben, um auf tieuer Grundlage bewirtschaftet zu werden. Es 
muss danach gestrebt werden, dass aus den kleinen Arbeiter- 
anteilen landzinrtschaftliche Arbeitskommunen mit Grossbetrieb 
geschaffen werden. Jetzt befindet sich ja die Regierungsgewalt 
in den Händen der Arbeiter und der Bauern selbst Das be- 
deutet also, da^ die Regierung jedes gute Vorhaben fördern 
wird. • Eis ist nur notwendig, dass die ärmsten Bauern und die 



50 



Halbproletarier, ebenso wie die früheren Tagelöhner mehr Selbst- 
ständigkeit, mdir Unternehmungsgeist und Schöpferwillen an 
den Tag legen. Die schwachen und ärmsten Bauern können, 
jeder einzeln, nichts ausrichten ; sie würden kaum imstande sein, 
sich zu halten. Sie werden aber sehr viel erreichen können, so- 
bald sie ihre Arbeitsanteile zu vereinigen anfangen, sich gemein- 
sam — mit Hilfe der Stadtarbeiter — Werkzeuge anschaffen und 
auf diese Weise auf genossenschaftlicher Grundlage das Land 
bearbeiten. Die Arbeiter- und Wirtschaftsräte und die sonstigen 
wirtschaftlichen Organisationen der städtischen Arbeiter werden 
diesen landwirtschaftHchen Arbeitskommunen helfen und ihnen 
Eisen- und Textilwaren liefern; sie werden ihnen auch bei der 
Besorgung von tüchtigen Fachleuten helfen. Auf diese Art wird 
das arme dumme Bäuerlein, das nicht weiter als bis zu seinem 
Gemüsegarten kam, sich nach und nach zu einem Genossen ver- 
wandeln, der gemeinsam, Hand in Hand, Schulter an Schulter 
mit den anderen Genossen, den Weg der gemeinsamen Arbeit im 
Grossbetrieb vorwärtsschreitet. 

Selbstverständlich ist dazu ein straffer Zusammenschluss 
der armen Dorfbevölkerung nötig. Diese Organisation muss 
zwei Aufgaben vor Augen haben: erstens die Bekämpfung der 
Dorfausbeuter, der Wucherer und der früheren Schankwirte, 
kurz, der Dorf bourgeoisie ; zweitens aber die Instandsetzung der 
landwirtschaftlichen Betriebe, die Kontrolle über die Landver- 
tdlung, die Errichtung der Arbeitskommunen, die Sorge um die 
r^lrechte Ausnutzung der früheren Gutsbesitzerländerden. Mit 
anderen Worten, die ganze Riesenarbeit der landwirtschaftlichen 
Verfassung müsste diese Organisation der Dorfarmen leisten. 
Eine solche Organisation der ärmsten Bauernschaft wäre in der 
Form der Dorfgemeinde gegeben, denen allerlei Spezialabteilun- 
gen unterstehen müssten wie, die Nahrung^ttd-, die Boden- 
abteilung und ando^e. Die Bpdenabteilungen der Bauemrate 
müssen die Hauptstütze der Dorfarmen in der Agrarfrage bilden. 
Um am sichersten zu verfahren, muss die Organisation dieser 
Räte derart sein, dass die einheimischen oder benachbarten Fa- 
brikarbeiter ebenfalls ihre Vertreter darin haben; denn die Ar- 
beiter sind erfahrenere Leute als die Bauern imd sind mehr an 
genossenschaftliche Geschäftsleitung gewöhnt und kennen sich 
in der Bdcämpfung der Bourgeoisie besser aus. Die Arbeiter 
werden die Dorfarmen stets gegen die Reichen schützen, und so 
werden die ärmsten Bauern in ihnen stets ihre besten Helfer 
finden. 

Die Armen dürfen sich nicht übers Ohr hauen lassen. Wie 

« 

51 



lange kämpfte man um den Grund und Boden, bis man ihn end- 
lich erkämpft hatte! So verpasse man nicht alles wieder! JDiese 
Gefahr bestdit, sobald man den Weg der *2^r5pUtteratig der 
Laaderdefi und deren Teilung in Privatbesitztümer beschreitet. 
Aber diese Gefahr wird verschwinden, sobald die arme Land- 
bevölkerung zusammen mit der Arbeiterklasse den Weg des 
genossenschaftlichen Grossbetriebes einschlagen wird. Dann 
steuern wir mit VoUdaympf dem Kommunismus entgc^[en. 

» 

XL Die Verwaltung der Industrie durch die Arbeiter. 

Wie auf dem Lande die Hauptrolle in der Verwaltung des 
Bodens allmähtich auf die Organisationen der armen Bauern- 
schaft — die Bauemräte und ihre Unterabteilungen — übergeht, 

genau so wird die Verwaltung der Industrie an die Arbeiter- 
organisationen und die Amtsstellen der Arbeiter- und Bauern- 
regierung übergehen, und geht auch jetzt schon über (das for- 
dert ja gerade unsere Partei). 

Bis zur Novemberrevolution 1917 und in der ersten Zeit 
danach stellte die Arbeiterklasse die Forderung der Arbeiter- 
koHiroüe auf, das heisst einer Ueberwachung von sdten der 
Arbeiter, dass die Kapttatisten in den Fabriken und in den Wer- 
ken nicht das Feuerungsmaterial und die Rohprodukte ver- 
stecken, nicht schwindeln und nicht spekulieren, den Betrieb 
nicht schädigen und die Arbeiter nicht nach eigenem Gutdünken 
auf das Pflaster werfen. Man führte auch eine Arbeiteranf- 
skht ein über die Produktion, dra Kauf und Verkauf von Pro^ 
dukten und Rohmaterialien, ihre Aufbewahrung und die Geld- 
mittel der Unternehmen. Eine einfache Aufsicht erwies sich 
jedoch als unzureichend. Und ganz besonders unzureichend war 
diese Aufsicht bei der Verstaatlichung (Sozialisierung) der Be- 
triebe, als die Rechte der Herren K£^[>italisten aufgehoben wur- 
den und einzelne Uirtem^men oder ganze Produktionszweige an 
den Staat der Arbeiterklasse und der armen Dorfbevölkerung 
übergingen. Es ist einleuchtend, dass die Aufsicht allein nicht 
ausreicht ; was not tut, ist nicht allein Arbeiterkontrolle, sondern 
eine Arbeiterverwaltung der Industrie — Arbeiterorganisationen, 
Betriebsn^e, Gewerksdiaften, wirtschaftliche Abtdlungen der 
Arbdterrite, und schliesslich Aemter der Arbeiter- und Bauem- 
regierung (verschiedene Fachkomitees, Volkswirtschaftsräte 
usw.) — das sind die Organisationen, die nicht allein zu über- 

52 



wachen, sondern auch zu verwalten haben. Es sei hier folgen- 
des bemerkt: 

Unter gewissen Schichten der unaufgeklärten Arbeiter 
herrsdit eine derartige Auffassung: Wir übernehmea die Fabrik 
in unsere Hände — und Schluss damit! Angenonunoi, früher 
war die Fabrik das Eigentum des Fabrikanten X. — jetzt aber 
sei es das Eigentum der Arbeiter dieser Fabrik. Eine solche 
Auffassung ist selbstredend falsch. Sie erinnert stark an die 
allgemeine Teilerei. In der Tat, wären wir so weit gekommen, 
dass jede Fabrik den Arbeitern nwr der betreffenden J'abrik ge- 
hörte, dann hätte unter den Fabriken eine Konkurrenz begonnen. 
Die eine Tuchfabrik würde danach streben, mdir zu verdienen 
als die andere ; sie würden anfangen, sich gegenseitig die Abneh- 
mer abzujagen ; die Arbeiter der einen Fabrik wären dem Unter- 
gange geweiht, die der anderen Fabrik würden reich werden, die 
verkraditen Arbeite anstellen — kurzum, wir hätten das alt- 
belotnnte Bild; eboiso wie bei der allgemeinen T^hstog würde 
der Kapitalismus bald seine Wiedergeburt feiern. • 
Wie soll man dagegen ankommen? Man muss offenbar ein 
solches Regime der Betriebsverwaltungen durch die Arbeiter 
schaffen, dass der Arbeiter sich mit dem Gedanken vertraut 
mache, jede Fabrik sei nicht das Eigentum der Arbeiter dieser ' 
betreffenden Fabrik, sondern des gesamten werktätigen Volkes, 
Das kann auf folgende Weise erreicht werden. Jede Fabrik 
und jedes Werk hat eine Arbeiterverwailtung, die aber so zu- 
sammengesetzt ist, dass die Majorität in dieser Verwaltung nicht 
aus Arbeitern der betreffenden Fabrik besteht, sondern aus Ar- 
beitern, die von der Gewo-kschaft des gegebenen Industrie- 
zweigs, vom Arbeiterrat und sddies^di, vom Provinzialwirt- 
schaftsrat eingesetzt wird. Wenn die Verwaltung aus Arbeitern 
und Angestellten (die Arbeiter müssen in Majorität sein, da sie 
zuverlässigere Anhänger des Kommunismus sind), und zwar in 
der Mehrzahl aus Arbeitern nicht der betreffenden Fabrik ge- 
bildet sein wird, so wird die Fabrik so geleitet werden, wie es 
den Interessen der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit entspricht 
Teder Arbeiter weiss, dass Fabriken und Werkanlagen nicht 
ohne Buchhalter, Techniker und Ingenieure auskommen können. 
So muss die Aufgabe der Arbeiterklasse darin bestehen, sich diese 
Elemente dienstbar zu machen. Solange die Arbeiterklasse noch- 
nicht aus ihxet Mitte solche Fachleute auszuscheiden vermag (das 
wird erst der Fall sein, wenn der l^twurf der AUgemeinbüdung 
und Zugänglichkeit des höheren Fachstudiums für jedermann 
durchgeführt sein wird) — so lange wird sie diese Fachleute 

53 



hoch und sehr hoch bezahlen müssen. Nun mögen sie der Ar- 
beiterklasse ebenso diienen, wie sie früher der Bourgeoisie diel- 
ten. Früher standen sie unter der Kontfolle und der Aufsicht 
der Bourgeoisie, nun werden sie unter der Kontrolle und der 
Aufsicht der Arbeiter und der Angestellten stehen. 

Damit die Produktion glatt von statte gehe, ist es, wie 
bereits oben erwähnt, notwendig, dass schon im voraus ein dn- 
hdtHches Arbeitsplan auf gestdlt werde. Es g^ügt nicht, dass 
jede grosse Fabrik ihre eigene Arbeiterverwaltung habe. Der 
Fabriken gibt es ja gar viele, es bestehen die mannigfachsten 
Produktionsgebiete; sie sind alle untereinander verbunden, hän- 
gen voneinander ab : liefern die Bergwerke zu wenig Kohle, so 
stellen die Fabriken und die Eisenbahnen den Betrid> dn; hat 
man kdn Erdöl» so gehen die Dampfer nicht ; ohne Baumwolle 
haben die Textilfabriken nichts zu tun. Man müsste infolge- 
dessen eine Organisation schaffen, die die gesamte Produktion 
umfasste, nach gemdnsamem Plan angelegt wäre, mit den Ar- 
beiterverwaltungen der einzelnen Fabriken in Verbindui^ Stünde 
und sich genaue Rechensdiaft über alle Vorräte und alle Be- 
dürfnisse abgeben könnte, und zwar, nicht in bezug auf eine ein- 
zelne Stadt oder einen Betrieb, sondern in Hinblick auf "das 
ganze Land. Die Notwendigkeit eines solchen gemeinsamen 
Planes wird besonders am Beispiel der Eisenbahnen klar. Jedes 
Kind weiss, dass die Zerrüttung des Eisenbahnwesens das f ürch- 
tarlidiste Unglück zur Folge hat; so kann man z. B. in Sibirien 
zu vid Brot haböi, wahrend in Petersburg Hunger herrscht. 
'Warum? Darum, weil das vorhandene Brot den Einwohnern 
von Petersburg unzugänglich ist — es kann nicht befördert wer- 
den. Damit ein regelmässiger Verkehr bestehen kann, muss alles 
genau berechnet und verteilt sein. Und das ist nur bei einem 
einheitliche Plan mc^lich. Stellen wir uns vor/ dass die eine 
Etsenbahnstrecke nach dem einen Prinzip verwaltet werde, die 
zweite Strecke — anders, und die dritte Strecke wieder anders, 
ohne miteinander im Zusammenhang zu stehen. Welch heilloser 
Wirrwarr würde entstehen! Dieser Wirrwarr kann lediglich 
durch eine einheitliche zusammenfassende Leitung vermieden 
werden, De^alb braucht man solche Arbeiterorgane, solche 
Arbeiterorganisationen, die ganze Produktionszweige umfassen, 
diese Produktionszweige untereinander verbinden und schliess- 
lich die Tätigkeit verschiedener grosser Gebiete zu einem Ganzen 
zusammenschliessen, so : Sibirien, der Uralgebiete, der Nord- 
gouverments, Zentralrusslands usw. Solche Organe werden mo- 
mentan auch geschaffen, das sind die Bezirks- und Provinz}^- 



54 



wirtschaftsräte, dann die Spezialkomitees, die ganze Produktions- 
oder Handelszweige umfassen (wie z. B. ,^Centrotextil" usw.), 
und ganz an der Spitze als Zentralorganisatipn der Obere Volks- 
wirtschaftsrat. Alle diese Organisationen stehen mit den Ar- 
beiterräten in Verbindung und arbeiten Hand in Hand mit der 
Räteregierung. Ihrer Zusammensetzung nach bestehen sie haupt- 
sächlich aus Vertretern der Arbeiterorganisationen und stützen 
sich auf die Gewerkschaften« die Betriebsräte» die Angestellten- 
verbände usw. 

So wird nach und nach eine Arbeiterverwsdtung der In- 
dustrie von oben bis unten geschaffen. Unten — die lokalen 
Betriebsräte und Arbeiterverwaltungsstellen ; weiter oben.die Be- 
zirks- und Provinzialwirtschaftsräte und als Krönung des Ganzen 
— der Obere Volkswirtschaftsrat. Die Arbeiterklasse muss sich 
zur Aufgabe machm, die Industrieverwaltung von sdten der Ar- 
beiter auszudehnen und in jeder Hinsicht zu festigen, indem ^e 
die breiten Massen in diesem Sinne dazu erzieht. Das Prole- 
tariat, das die Produktion in seine Hände nimmt, nicht als Eigen- 
tum von einzelnen Personen und Gruppen, sondern als Eigentum " 
der ganzen Arbeiterklasse — das Proletariat hat dafür Sorge 
zu tragen, dsLSS di^ zentralen und Bezirksarbetterorganisationen 
von Tausenden ihrer Zellen, der lokalen Arbeiterverwaltungen 
usw., gestützt werden. Wenn die höheren Verwaltungsinstanzen 
nicht auf den lokalen fussen werden, dann werden sie bald in 
der Luft schweben und sich in Beamtenstellen, oder wie man 
zu sagen pflegt, in bureaukratische Institutionen verwandeln, 
denen jeder ldl>endige revolutionäre Geist fdüen würde. Sie 
werden dagegen mit der furchtbaren allgemeinen Zerrüttung 
fertig werden, wenn sie allerorts von den lebendigen Kräften 
der Arbeiterklasse getragen sein werden; und jede Verfügung 
der Zentralorganisation der Arbeiter wird einen Wiederhall finden 
und — nicht aus Furcht, sondern aus Ueberzeugung — an Ort 
junä Stein befolgt werden. Je mehr die Massen sdbst mit 
Teilnahme an den Wahlen ihrer Verwaltungsinstanzen, an der' 
Arbeit, um die Fabriken und der unerbittlichen Verfolgung aller 
Missstände und Schwindeleien beschäftigen werden — um so 
eher wird die Arbeiterklasse in Wirklichkeit, nicht in Worten 
allein, die industrielle Produktion beherrschen, und um so eher 
wird nicht allein die politische, sondern auch die ökcmomische, 
wirtschaftliche Diktatur der Arbeiterklasse eintreten, d. h., die 
Arbeiterklasse wird die wirkliche Herrin werden nicht nur in 
der Verwaltung des Heeres, der Schule, der Gerichte und anderer 
Gebiete« sondern auch in der Verwaltut^ der Produktion. JE^st 

55 



dann wird die Macht des Kj4)itals untergraben sein, und jede 
MägUchkeit wird unmöglich gemacht werden, dass das Kapital 
die Arbdtexklasse wieder ia sem Jodi eitis|»amit. 

XSL Biot nur den Arbeitenden! 

(Die Arbeüspfliehi der Reichen) 

Der Uebergang ztir kommunistischen Ordnung bedeutet den . 
Uebergang zu einer Ordnung, die weder Klassen noch Klassen- 
unterschiede kennt, und bei der alle Schaffenden in gleichem 
Masse, nicht Lohnarbeiter sind, sondern gesellschaftliche Ar- 
beiter.* Zur Vorbereitung dieser Ordnung muss unverzüglich 
äbeif^angen worden. Als einer der ersten Schritte erscheint 
dabei, nd>en der proletarischen Verstaatlichung (Sozialisierung) 
der Banken und der Industrie, die Einführung der Arbeitspf Ucht 
für die besitzenden Klassen. 

Momentan gibt es viele Menschen, die nicht arbeiten, nichts 
produziere tmd nur das von anderen Erarbeitete verbrauchen, 
verzdirai, vertilgen. Ja mehr • noch, es finden sich Menschen, 
die nicht nur nicht arbeiten, sondern auch durch ihre Tätigkeit 
bestrebt sind, auf jede Art die Räteregiening und die Arbeiter- 
klasse zu schädigen und zu gefährden. Alle Arbeiter haben noch 
die Sabotage deutlich in Erinnerung, die Sabotage, die von den 
rnssiscben ,JK^farbeitern" — den Lehrern, den Ingenieuren, 
Aerzten und anderen „gdehrten Leuten" betrieben wurde. Von 
anderen grossen Tieren, den Fabrik- und Bankdirektoren, den 
höheren Beamten usw., gar nicht zu reden! Sie afle waren auf 
jede Weise bemüht, die Arbeit des Proletariats und der Räte- 
Regierung zu desorganisieren und in der Wurzel zu untergraben. 
Die Aufgabe des Proletariats besteht darin, auch die Herren 
Bourgeois, die ihrer Guter veftastigen Herren Gutsbesitzer und 
die InteHektucUen mit gesichertem Eii^HNnmen, auch diese Leute 
zum allgemeinen Nutzen zur Arbeit zu zwingen. Wie soll das 
geschehen? Durch Einführung von Arbeitsbüchern und der all- 
gemeinen Arbeitspflicht. Jeder dieser Bürger bekommt ein be- 
s^mdeKS Büchlein, in das seine Arbeitsleistung eingetragen wird. 
Entsprechend den T^Mam^mem in seinem Arbeitsbuch wird ihm 
das Recht zugesprodien, ein bestimmtes Quantum von Produk- 
ten, vor allem Brot, zu kaufen. Weigert sich einer zu arbeiten 
(angenommen es sei ein Saboteur aus dem Kreise der früheren 
Beamten oder ein tollgewordener ehemaliger Fabrikant oder 
Gutsbesitzer, der «di nkht abfinden kann, dass das Land« auf 



56 



dem er Jahrzehntelang gesessen hatte, ihm weggenommen ist), 
weigert sich also so ein Mann, zu schaffen, und fehlt in seinem 
Arbeitsbuch die erforderliche Eintragung, so heisst es, wenn er 
in den Laden kommt : „Sie bekonmien nichts, — bitte, Ihre Ar- 
beitseintragung !" 

Unter diesen Umständen wird die Menge der Nichtstuer, 
die den Newski Prospekt und die Hauptstrassen der Gross- 
städte abtrotten, ob sie es wollen oder nicht, gezwungen sein, zur 
Arbeit zu greifen. Es versteht sich von selbst, dass die prak- 
tische Durchführung einar derartigen Arbeitspflkht auf grosse 
Schwierigkeiten stösst. Die besitzenden Klassen und der Mittel- 
stand werden alle Schliche anwenden, um die Arbeit zu schwän- 
zen, und werden alle Mittel ergreifen, um der neuen Ordnung 
Hindemisse in den Weg zu legen. Es ist keineswegs leicht, die 
Sache so einzurichten, dass gewisse I^bensmittel nur laut Ein- 
tragung in den Arbeitsbüchern verabfolgt, widrigenfalls aber vor- 
enthahen werden. Die Reichen, die Geld haben (und Geld heisst 
jetzt so vir:! wie Quittvingsscheine für den Empfang von Pnv- 
dukten), haben zugleich auch tausend Möglichkeiten, die Räte- 
regierung zu hintergehen und die Armen zu prellen. Diese Mög- 
lichkeiten müssen durch eine richtige Organisation der Lebens- 
mittelverteilung zunichte gemadit werden. 

Die Arbeitspflicht der Reichen kann, sagen wir, auf folgende 
Weise eingeführt werden : Jede Person, die, sagen wir, mehr als 
500 oder 600 Rubel Monatseinkommen hat, jede Person, die 
Arbeiter einsteht, jede Famihe, die Bediente hat usw., erhält ein 
Verbrauchs- und Arbeitsbuch. Und diesen Buchungen entspre- 
chend liesse sich z. B. die Arbeit^f ücht der Reichen bestimmen. 

Die Arbeitspflicht der Reichen muss naturticdli ab Ueber- 
gang zu der allgemeinen Arbeitspflicht gedacht sein. Und das 
nicht allein deshalb, weil die Leistungsfähigkeit unserer Industrie 
und Landwirtschaft nur durch Heranziehung aller arbeitsfähigen 
Mitglieder der Gesellschaft gesteigert werden kann, sondern auch, 
weil eine Kontrotte über KÜe Menge der Arbeitskraft und eine 
regelmässige Verteilung dieser Arbeitskraft auf cBe verscfaiedeiiett 
Produktionsgebiete und die einzelnen Betriebe nötig ist. Genau 
so, wie der Krieg einerseits eine Mobilmachung sämtlicher 
Kräfte, andererseits aber ihre genaue Berechnung und Organi- 
sation erfordert, — genau so müssen im Krieg gegen die wirt- 
schaftliche ZerrüHung alle für diesen Krieg brauchbaren Schich- 
ten herangezogen werden, sie müssen gezahlt und zu einer 
beitsarmee organisiert werden, die von Arbeitsdisziplin und dem 
Verständnis ihrer Arbeitspflicht erfüllt ist. ^ 



57 



Gegenwärtig haben wir m Russland infolge ürtseter wirtr 
schaftlichen Missstände und des Mangels an Heizmaterial und 
Rohstoffen (dieses Unglück wurde besonders dadurch ver- 
schärft, dass die Banden des deutschen Imperialismus den Süden 
Russlands und die Ukraine besetzten), — eine starke Arbeits- 
losigkeit.' Die Sache liegt folgendennassen: Einerseits ist es 
klar, dass uns nur die lebendige Arbeitskraft .fitt«! kann, dass 
nur die Arbeit die Produktivität der Industrie und der Land- 
wirtschaft zu steigern vermag, diese Arbeitskraft ist vorhanden, 
die Arbeitshände sind da; andererseits aber, trotzdem wir Ar- 
beitshände in Hülle vmd Fülle besitzen, haben wir keine Verwen- 
dung für sie. Die Arbeitslosigkeit ist ohnehin gross. Wo .sollte 
man alle die Menschen unterbringen, die durch die Arbeiter- und 
Bauernregierung zu arbeiten verpflichtet wären? Als eine der 
wichtigsten Aufgaben erscheint daher die Schaffung von öffent- 
lichen Arbeiten und allerlei wichtigen Staatsbauten (Bau von 
Hsenbahnen, Au^i>eutung von Bergwerken, Drainage- und Be- 
wasserungsarbeiten, Ausbeutung der Torflager, Bau von Ge- 
treidespeichern, Anlage von Hebevorrichtungen usw.) Aber 
wiederum ist es klar, dass diese Arbeiten nicht auf einmal alle 
freien Arbeitskräfte zu verbrauchen vermögen, die in Uebfr fülle 
vorhanden sind. 

lAus diesan Grunde wird man sich in der allerersten Zeit 
mit einer Statistik der Arbeitskräfte, dnschliesslich ihres Be- 
rufes und ihres Faches, und der Einführung der Dienstpflicht 
laut Forderung der Räteregierung oder der Produktionsverwal- 
tungsorgane der Arbeiter begnügen müssen. Ein Beispiel möge 
dies erklären. Angenommen, zur Erforschung neuer Bergwerke 
i» Sibirien sind Fachingenieure erforderlich. Die metallurgische 
oder die Bergwerksabteilung des oberen Wirtschaftsrates schreibt 
so und so viel Ingenieurstellen aus. Die statistische Abteilung 
für Arbeitskräfte sieht in den betreffenden Listen nach, findet 
die passenden Personen; und diese sind dann verpflichtet, sich 
(k»rthin zu begeben, wohin sie beordert werden. 

Natüiiich iwird in dem Masse, in dem die Organisation der 
Produktion ins rechte Geleise tritt, auch die ArbeitsmÖgiichkeit 
■ geschaffen werden, und so wird allmählich auch die Arbeits'!- 
pflicht ins Leben treten, das heisst die Heranziehung aller arbeits- 
fähigen Elemente der Gesellschaft zur obligatorischen Arbeit. 

Die Arbeitspflicht ist an und für sich keineswegs etwas 
Neues. G^ienwärtig bestdit in fast allen kriegführenden Län- 
dern für die Bevölkerung eine von den imperialistischen R^e- 
rungen eingeführte Arbeitspflicht (vor allem für die unter- 

S8 



drückten Klassen). Aber jene Arbeitspflicht, die in W'est- und 
Mitteleuropa besteht, unterscheidet sich von der Arbeitspflicht, 
die wir einführen müssen, wie Himmel und Erde. Die Ein- 
führung der Arbeitspflicht in den imperialistischen Ländern be- . 
deutet eine völlige Versklavung der Arbeiterklasse, ihre vollstän- 
dige Unterjochung von selten des Finanzkapitals und des Raub- 
gesindels des Staates. Warum? Sehr einfach. Darum, weil die 
Arbeiter dort nicht durch sich selbst regiert werden, sondern weil 
dort Generäle, Bankiers, reiche Syndikatsmitglieder, bürgerliche 
Schieber und Minister nach ihrem Gutdünken über die Arbeiter 
regieren. Der Arbeiter ist dabei bloss das Werkzeug in ihren 
Händen. Er ist wie der Leibeigene, über den sein Herr ver- 
fügen kann, wie er will. Es ist begreiflich, dass die Arbeits- 
pflicht in den westeuropäischen Staaten einen neuen Frondienst 
bedeutet, eine Leibeigenschaftspflicht, ein Militärsuchthaus. Die 
Arbeitspflicht wurde eingeführt, damit der nsörderische Kri^ 
endlos weiter gehe und die Arbdter die Taschen der Herren 
Kapitalisten weiter füllen. 

Bei uns aber müssen die Arbeiter selber, mittels ihrer eige- 
nen Organisationen und auf Grund der Selbstverwaltung der 
Arbeiter diese Arbeitspflicht einführen und durchführen. Da 
stdien keine Bourgecns über ihnen. Im G^;enteil, die Arbeiter 
stehen über den ehemaligen Bourgeois. Die Kontrolle, die Be- 
rechnung, die Verteilung der Arbeitskräfte — all das ist bei uns 
Sache der Arbeiterorganisationen, und, insofern die Arbeits- 
pflicht auch auf das flache Land ausgedehnt wird, Sache der 
Bauemräte, die über der Dorfbourgeoisie stehen und sich diese 
unterwerfen werden. Alle Organe, die die Arbeitskräfte verwal- 
ten, müssen durchwegs Arbeiterinstitutionen sein. Das ist auch 
ganz natürlich : Wenn die Arbeiter die Leitung der Industrie 
besorgen, so befindet sich auch die Arbeits Verwaltung — denn 
sie bildet ja nur einen Tdl der Produktionsverwaltung — in den 
Händen der Arbeiter. 

Für die Arbeiterklasse, die das ökonomisdie, wirtschaftliche 
Leben beherrschen will (und trotz aller Hindernisse auch es 
schon beherrscht), für die Arbeiterklasse, die zur Herrin aller 
Güter wird, erhebt sich nun die Grundfrage nach dem Aufbau 
der Produktion. Der Aufbau der Produktion erfordert ihrerseits 
die Lösung zweier Aufgaben : die Organisation der Produktums- 
mittel (Statistik, Kontrolle, richtige Verteilung der Brennstoffe, 
der Rohstoffe, der Maschinen, der Werkzeuge, der Sämereien 
usw.) und die Organisation der Arbeit (Statistik, Kontrolle, rich- 
tige Verteilui^ der Arbeitskräfte). Damit aUe Kräfte ^er Ge- 

59 



Seilschaft gleichmässig ausgenutzt werden können, ist die Arbeits- 
pflicht erforderlich, und die Arbeiterklasse wird sie früher oder 
später auch einführen. Dann wird das Schmarotzertum ver- 
schwinden, und es werden nur noch gesellschaftlich nützliche 
Artleiter t^ben. 

XIU. Richtige Verteilung der Produkte; 
Yernichtiiiig des HaniMsgewiiiiis wd &et ^pekulaUon: 

Konsumkommunen. 

Die Produktion kann nur dann richtig beherrscht werden, 
wenn die Verteilung der Produkte beherrscht wird. Wenn die 
erzeugten Produkte nicht richtig verteilt werden, kann auch eine 
regelmässige Produktion nicht vor sich gehen. Angenommen, 
alle grössten Industriezweige seien verstaatlicht. Wie wir ge- 
sehen haben, arbeitet ein Industriezweig für den anderen. Da- 
mit die Produktion gut vonstatten gehe, ist es notwendig, dass 
dem einen Industriezweig so viel Material geliefert werde, wie 
er braucht: dem einen Unternehmen soviel, dem andern soviel. 
Man muss also die erzeugten Produkte rkhtig verteilen, ganz 
planmässig, den Bedürfnissen der Betriebe entsprechend. An 
die Organe, die die Erzeugung irgendeines Produktes verwalten, 
müssen ach die verschiedenartigsten Versorgungsorgane an- 
schliessen, das heisst Arbeiterorganisationen, welche die Vertei- 
lung der Produkte unter sich haben. Nur auf diese Weise kann 
die Produktion im grossen und ganzen glatt vor sich beben. 

Doch gibt es Produkte, die, ähnlich wie das Brot, direkt für 
den persönlichen Verbrauch des Konsumenten verwandt werden. 
So zum Beispiel viete Lebenanittel, ein grosser Teil der Gew^e, 
viele Gummiwaren (z. B. Gmnmischuhe werden von keiner Fa- 
brik weitergekauft, sondern gelangen unmittelbar in den Ge- 
brauch des Konsumenten) und anderes mehr. Hier ist eine ge- 
naue Statistik und gerechte Verteilung unter der Bevölkerung 
notwendig. Aber eine solche gerechte Verteilung wäre undenk- 
bar ohne Durchführung dnes bestimmten Planes. Zuerst muss 
die Produktenmenge berechnet werden, dann das Bedürfnis da- 
nach, und schliesslich wird auf Grund dieser Berechnung die 
Verteilung angeordnet. Ein anschauliches Beispiel für die Not- 
wendigkeit eines gemeinsamen Arbeitsplanes bietet uns die Le- 
bensmittelfrage, die Frage der Brotverteilung. Wir sehen heute, 
dass <Hc Bourgeoisie, die Schieber, die rechten Sozialrevolutio- 
näre, die Menschewiki, die Dwrf Wucherer — sie alle sich danach 



m 



t 



reissen, dass das staatliche Getreidemonopol aufgehoben und den 
Schiebern, den grossen wie den kleinen, den Lief eranten und den 

Kettenhändlern, freies Spiel gelassen werde. Es ist klar, warum 
die Gewinnler an der Aufhebung des Monopols interessiert sind: 
immerhin werden sie durch dieses Monopol gehindert, den Kon- 
sumenten nach Belieben zu schinden. Andererseits aber ist auch 
klar, dass jetzt Unfug getrieben wird: die Reichen essen nach 
wie vor ihr Weissbrot, denn sie kaufen Wcksmehl „von hinten 
rum", vom anderen Mehl ganz zu schweigen ; sie zahlen Kriegs- 
preise und bekommen alles. Wer hilft ihnen dabei? Natürlich 
die Herren Schieber. Ihre Sorge ist nicht etwa, die Bevölkerung 
zu ernähren, sondern bloss mehr einzuheimsen, mehr zu gewin- 
nen. Und mehr zu verdienen geben, kann natürlich nicht der 
Arme, sondern der Reiche. Deshalb brin^ die Spekulanten 
ihre Getreide nicht nach den Orten, wo die Not am grössten ist, . 
sondern dorthin, wo gute Preise gezahlt werden. Und das zu 
verhindern, ist bis jetzt noch nicht gelungen. Daraus folgt also, 
dass zur richtigen Verteilung des Getreides nicht nur das Ge- 
treidemonopol und die Arbeiten des Lebensmittelkomitees und 
der Lebensmittelämter nicht aufgehoben werden dürfen, sondem- 
ganz im G^enteil — man muss dieses Monopol aufs strengste 
aufrechterhalten, mit den Schiebern unerbittlich verfadiren und 
die Schleichhändler so in Angst versetzen, dass sie nicht mehr 
wagen, am Unglück des Volkes reich zu werden und den all- 
gemeinen Emährungsplan zu durchkreuzen. Das Unheil besteht 
nicht etwa darin, dass wir ein Monopol und keinen Privathandel 
haben, sondern darin, dass das Getreidemonopol schlecht durch- 
geführt wird und der Schleichhandel gedeiht ; und das geschieht 
zu einer Zeit, da die fruchtbarsten Provinzen von den deutschen 
Truppen besetzt sind, da an vielen Orten das Saatgetreide ver- 
zehrt ist und die Felder unbestellt bleiben — zu einer Zeit, da 
Menschen hungern! Jedes Stück Brot ist jetzt kostbar, jedes 
Pfund Mehl unschätzbar! Urid gerade desh^b muss alles einer 
strengen Kontrolle unterworfen werden, damit keine Krume Brot 
verloren gehe, damit das gesamte Getreide gleichmässig verteih 
werde, damit die Reichen keinerlei Vorteile geniessen. Das. 
wiederholen wir, kann und muss geschehen, wenn alle Arbeiter 
gemeinsam ans Werk geben, wenn sie die Arbeiterorganisationen 
in ihrem Wirken fördern, wenn sie auf das Treiben der Speku- 
lanten und der Schieber die Hand legen. - 

Leider gibt es auch bei uns viel unvernünftige arme Leute, 
die auf eigenes Risiko Einkäufe machen und sich nicht um die 
Arbeiterverpflegungsorganisatwnen kümmern, wodurch sie der 

61 



Sache der Allgemeinheit sehr schaden. Jeder einzelne von ihnen 
denkt: „Was man da auch reden mag, ich werde schon meinen 
Vorteil wahreti", und er begibt sich hin, Getreide einzukaufen. 
Unterwegs passieren ihm dann alle möglichen Zusammenstösse 
wegen dieses Einkaufs, und da beginnt das Klagen: Man lasse 
einen nicht einmal für sich sorgen. In Wirklichkeit aber erin- 
nert die Sache nur zu oft an folgendes: Stellen wir uns vor, 
es fährt ein Eisenbahnzug, vollgepfropft mit Menschen, man steht 
in den Gängen, liegt auf dem Boden, kurz, kein Stecknadel- 
knopf hat Platz ! Da merkt einer, es riecht nach Brand, er be- 
ginnt aus vollem Halse zu brüllen : „es brennt !" and stürzt, wie 
ein Besessener um sich schlagend, zur Tür. Alle drängen vor 
Angst ganz kopflos zum Ausgang, es entsteht ein furchtbares 
GcMlränge und eine Schlägerei; die Menschen schlagen, beissen 
.einander, drücken einander die Rippen ein, Kinder werden über- 
rannt, erstickt. Die Folge davon ist — Dutzende von Toten, 
Verwundeten, Verstümmelten. Und? Es konnte ganz anders 
sein. Hätten sich vernünftige Menschen gefunden, um die 
Menge zurückzuhalten und zu beruhigen, so wären alle, der Reihe 
nach hinausgekommen, ohne die leiseste Verletzung zu erfahren ! 
Woher kam das aUes ? Daher, weil jeder Einzehie dachte : meine 
Haut ist mir am nächsten, die andern gehen mich nichts an. 
Und so hat man ihm vielleicht zuerst das Genick gebrochen ! 

Dieselbe Geschichte wiederholt sich mit den Leuten, die auf 
eigenes Risiko Getreide emkaufen, trotz der Verfügungen der 
Arbeiterverpflegungsorganisationen. Jeder denkt, er kann sich 
am besten helfen. Was ist aber davon die Folge ? Dass durch 
diese Einkäufe jede genaue Bestandsaufnahme unmöglich ge- 
macht und jede regelrechte Getreideverteilung unterbunden 
wird. Man will zum Beispiel aus einer Ortschaft, wo noch ein 
wenig Getreide vorhanden ist, das Getreide nach einem anderen 
Orte transportieren, wo tatsächlich Hunger herrscht; da kommen 
die Leute aus dem anderen Ort und kaufen alles auf. Nun mag 
der erste Ort rein verhungern. Und femer. Werden einmal die 
gesellschaftlich organisierten Einkäufe verhindert, so -taucht der 
Schieber, Hamsterer und Spekulant auf der Bildfläche auf. So- 
fort beginnt er sich an den Privateinkäufen die Hände .zu wär- 
men. Auf diese Weise fördern die armen und unbewussten Ele- 
mente, ohne sich darüber klar m werden, die Tätigkeit der Blut- 
sauger und Schieber, deren Platz eigentlich am Galgen wäre. 
So wird klar, wie es kommt, dass die Herren Spekulanten die 
Unzufriedenheit der Hungrigen gegen die Räte-Regierung aus- 
zunutzen verstehen, und die schlimmsten Gauner, Schwindler und 



Schieber an der Spitze der Putsdie gegen die Räteregierung an- 
zutreffen sind, die hie und da in Krähwinkel ausbrechen. Die 

Arbeiter müssen ein- für allemal begreifen,- dass ihre Rettung 
nicht auf dem Wege einer Rückkehr mm Alten sei, sondern auf 
den Wegen, die vorwärts führen, zur Vernichtung der Speku- 
lation, zur Vernichtung des Handels, zur geseUschaftUcken Ver- 

teüimg der Produkte durch die Arbeiterorganisationen. 

Dasselbe muss auch in Hinblick auf eine ganze Reihe anderer 
Produkte gesagt werden. Die Arbeiterklasse darf nicht dulden, 
dass die reichen Leute für gute Bezahlung alles erhalten; und 
die Arbeiterklasse darf nicht zulassen, dass die Schieber ihre 
fabelhaften Profite einstreichen, alle die Spekulanten, die wie 
Aasgeier herbeigeflogen kommen und ihr dunkles Handwerk be^ 
treiben. Eine richtige Verteilung der Produkte auf Grund der 
genauen Berechnung der Bedürfnisse einerseits und der Be- 
standesaufnahme der Vorräte andererseits — das ist eine der 
Grundaufgaben, die vor der Arbeiterklasse stehen. Das bedeutet 
em& Verstaatlichung (Nationalisierung) des Handels, oder 
eigentlich eine Aufhebung des Handels, ddon der Ueborgai^. zur 
gesellschaftlichen Verteilung der Produkte verträgt sich nicht 
mit der Existenz von Gewinnlern und allerlei Lieferanten, die 
wie Schmarotzer leben und. die Sac'ie der allgemeinen Versor- 
gung schädigen. Nicht rückwärts, zum „freien Privathandel" 
das heisst, zur „freien" Plünderung, sondern vorwärts, zur ge- 
naue, planmässigen Verteilung der Produkte durch die Arbeiter- 
organisationen — das muss die Parole der klassenbewussten Ar- 
beiter sein. 

Zwecks einer möglichst erfolgreichen Verwirklichung eines 
solchen Planes muss ein obligatorischer Zusammenschluss der 
Bevölkerung zu Konsumkommunen (Vprbrauchskommunen) an-> 
gestrebt werden. Man kann nur dann irgendein Produkt gleich- 
mässig verteilen, wenn die Bevölkerung, die dieses Produkt er- 
hält, zu grösseren Gruppen mit genau festzustellenden Bedürf- 
nissen vereinigt ist. Ist dagegen die Bevölkerung nicht 
vereinigt, unorganisiert und zersplittert, so ist es ausser- 
ordentlich schwer, diese Verteilung auf. eine richtige '3asis 
zu stellen : es lasst sich dann nichts feststellen, was und wieviel 
nötig ist, wohin und wieviel geschickt werden, und wie, das heisst 
durch welche Instanzen, die Verteilung geschehen soll. Stellen 
wir uns vor, dass die Bbvölkerung, sagen wir nach Bezirken in 
Konsumkommunen .vereinigt ist. Jedes Stadtviertd sei m dne 
Art Verbtaudisgenossenschaft, in eine Kx>nsumk(MXimune ver- 
wandelt, die mit den einzelnen Hauskomitees in Verbindung 

& 



stünde. Dann wird jedes Produkt zuerst unter diesen Kommu- 
nen verteilt und diese wiederum berechnen im voraus, wieviel 
und was sie brauchen, und verteilen dann durch ihre Angestell- 
ten das Produkt weiter unter den einzelnen Konsumenten. 

Beim Zusammenschluss der Bevölkerung zu solchen Kon- 
sumkommunen können die bereits bestehenden Konsumgenossen- 
schaften eine wichtige Rolle spielen. Je umfassender die Tätig- 
keit der Konsumgenossenschaften ist, je weitere Kreise der Ge- 
sellschaft sie umfassen, um so eher werden sich diese Konsum- 
genossenschaften in Organe zur Versorgung der Gesamtbevölke- 
rung verwandeln lassen. Obligatorische Kommunen auf Basis 
der bereits bestehenden Konsumgenossenschaften — das wird 
wohl die geeignetste Form zur Organisierung der Verteilung sein, 
mit Hilfe derer der Handel endgültig verdrängt und der Han- 
delsprofit ein für allemal vernichtet sein wird. 

Um die Aufgabe der richtigen Produktenverteilung noch 
mehr zu erleichtern, muss man danach streben, dass der Privat" 
haushält durch öffentliche Haushaltung ersetzt werde. Gegen- 
wärtig hat jede Familie ihre eigene Küche, kauft selbständig, 
unabhängig von den anderen ein, indem sie die Frau zur Skla- 
verei verdammt und sie in eine ewige Köchin verwandelt, die 
von morgens früh bis abends spät nichts anderes sieht als Kü- 
chengeschirr, Besen, Waschlappen und allerhand Unrat. Dabei 
wird eine ungeheure Menge an Kraft und Geld blindlings ver- 
geudet Würde man die Privathaushaltungen, vor allem die 
Nahrungsversorgung vereinigen und zentralisieren (zum Beispiel 
auf dem W^ einer allgemeinen Rationierung von Produkten, 
einer gemeinsamen Zubereitung der Speisen und der Einrichtung 
von mustergültigen Speiseanstalten grossen Stils), dann liessen 
sich die Bedürfnisse eher kontrollieren und, abgesehen von der 
Kraft-, Zeit- und Geldersparnis, könnte man dann in der rich- 
tigen Verteilung bedeutend weiter kommen. 

Eia besonirs wunder Punkt für die städtischen Arbeiter, 
eine der wichtigsten Fragen ist die Wohnungsfrage. Die armen 
Leute werden da unbarmherzig ausgebeutet. Die Hausbesitzer 
dagegen bereichern sich wahnsinnig. Eine schwierige aber dank- 
bare Aufgabe ist die Enteignung dieser Art von Eigentum, die 
Uebergabe der Häuser und der verschiedenen Räumlichkeiten an 
die Arbeiterorganisationen oder die Organe der Räteregierung, 
und eine genaue Wohnungsrationierung. Die grossen Herren 
haben nun lange genug geschwelgt ! Nun hat der sich abradcernde 
Arme ein Recht auf eine warme Stube und ein menschenwürdiges 
Dasein! 



Auf diese Art und Weise muss nach und nach das Wirt- 
schafteleben umgestaltet werden. Die Arbeiterklasse organisiert 
die Produktion. Die Arbeiterklasse organisiert die Verteilung. 
Die Arbeiterklasse organisiert den Verbrauch: Nahrung, Klei- 
dung, Wohnungen — alles unterliegt der Berechnung und der 
zweckmässigsten Verteilung. Es gibt keine Herren mehr — es 
herrscht nur die Selbstverwaltung der Arbeiterklasse I 

XIV. Die Arbeitsdisziplin der Arbeiterklasse und dar 

amieii Bauern. 

Die Produktion so zu gestalten, dass man ohne Herren, auf 
genossenschaftlicher Grundlage leben kann, ist durchaus etwas 
Gutes. Aber sagen und tun sind zwei verschiedene Dinge. Die 
Schwierigkeiten sind unabsehbar: Erstens, haben wir jetzt das 
Erbteil des unglückseligen Krieges schwer zu tragen, der ^ 
Land zugrunde gerichtet hat. Die Arbeiterklasse muss nun die 
Suppe auslöffeln, die Nikolaus Romanow mit seinen Getreuen 
— den Stürmers, Suchomünows und Protopopows — einge- 
brockt, und die dann von Gutschkow und Rodsjanko mit ihren 
Dienern — Kerenski. Zer^elü, Dan und der übrigen Verrater- 
gesellschaft nachgeruhrt würde; ferner hat die Arbeiterkl^se die 
Produktion zu organisieren, indem sie die Schlage d&t schlimmh 
sten Feinde abwehrt; die einen greifen in kannibalischer Gier 
von aussen an, die andern sind bemüht, die Arbeiterregierung 
von innen heraus zu sprengen. Damit man unter diesen Um- 
ständen siegen, endgültig und ein- für allemal siegen kann, muss 
die Arbdteiidasse auch ihre eigene Schlamperei beaegen. Wah- 
rend die Arheitsarmee organisiert wird, muss die revolutionäre 
Arbeitsdissiplin dieser Armee geschaffen werden. Es gibt näm- 
lich noch solche Schichten unter den Arbeitern, die offenbar 
nicht daran glauben, dass sie selbst über ihr Leben verfugen dür- 
fen Die Staatskasse ist doch jetzt die Arbeiter- und Bauern- 
kasse; die Fabriken sind Volksfabriken; der Gnmd und Boden 
ist Nationaleigentum; die Waldungen, Maschinen, Ba-gwerke, 
Kohlenlager, das Inventar und die Gebäude — alles gdit an das 
werktätige Volk über. Die Verwaltung all dessen ist die Ar- 
beitertferwaltung.. Jetzt ist das Verhältnis des Arbeiters oder des 
Bauern zu all den Gütern ein anderes geworden : früher gehörten 
sie dem BesHser, jetzt aber dem ganzen yVoUte. Der Unter- 
nehmer presste aus dem Arbeiter alles aus, was er konnte. Der 
herrschaftliche Gutsbesitzer schund und schröpfte den armen 
Taglöhner. Sowohl der Arbeiter wie der Taglöhner waren m 
ihicm ^tea üecht, wenn sie sich nicht für verpflichtet hielten, 



65 



aus Zwang gut zu ^bdten zugunsten des Unternehmers^ um die 
Macht und die« Herrschaft sdner Peiniger zu starken. Deshalb 
kann auch von keiner Arbeitsdisziplin die Rede sein, wenn der 

Arbeiter über sich die Peitsche des Kapitahsten, oder der Bauer 
und der Taglöhner die Knute des Gutsbesitzers schwingen sieht. 
Ganz anders ist es jetzt. Diese Peitschen sind in Russland ver- 
nichtet. Die Arbeiterldasse arbeite hier fär ^cfa seihst; sie 
schafft nicht mehr das Geld für den Kapitalisten, sondern ver- 
richtet eine gemeinnützige Arbeit, die Arbeit des werktätigen 
Volkes, das früher versklavt war. ' 

Und dennoch, wiederholen wir, gibt es solche zielunbewusste 
Arbeiter, die all das nicht einzusehen scheinen. Woher kommt 
das? £s kommt daher, dass sie allzulaiige Sklaven gewesen sind. 
Sklavan- und Bedienten*-Gedanken kommoi ihm nidit aus flem 
Sinn. In ihrem Innern denken sie vielleicht, dass man ohne Gott 
und die Herrschaften doch nicht auskommen kann. Und so 
nutzen sie die Revolution derart aus, dass sie möglichst viel da- 
bei zu profitieren suchen, zu gewinnen suchen — sie denken nie 
an ihre Pflidit der Arbeit g^nüber, daran, d^s nachlässig^ 
und betrügerische Arbeit jetzt ein Verbrechen gegen die arheir 
tende Klasse selbst bedeutet. Denn nicht zugunsten des Unter- 
nehmers wird die Arbeit geleistet, sondern diese Arbeit stützt die 
Arbeiter und die Armen, die nun am Staatsruder sitzen. Man 
betrügt nicht mehr die Direktoren imd die Bankiers, sondern die 
Mitglieder der Arbeiterverwaltungsstdlen, die Arbeitonrerbätide, 
die Arbeiter- und Baiiemregierung. Wenn man mit den Ma- 
schinen nachlässig umgeht, wenn man die Instrumente verdirbt,, 
wenn man die Arbeitszeit vertrödelt, damit doppelt bezahlte 
Ueberstunden herauskommen — so wird dadurch nicht ein Un- 
tanehmer betrogen, nicht ein Kapitalist geschädigt, sondern die 
gdaääie Arbeiterschaft in ihrer Gesamtheit. Dasselbe ist auf dem 
Lätide der Fall : Wer heutzutage das ,Wirtschaf tsinventar raubt„ 
das den Bauern und Landarbeitern zur Verfügung gestellt wird,, 
der bestiehlt nicht etwa einen Gutsbesitzer, der schon längst ab- 
gesetzt ist, sondern die Gesellschaft. Wer ungeachtet des Ver- 
bots von Seiten der Arbeiterorganisationen Wald fällt, der be- 
fehlt die Armen. Jed^» d^ anstatt mi dem dem Gutsbesitzer 
abgenommenen Lande zu arbeiten, Getreideschiebungen oder 
Schleichhandel betreibt, der ist ein Betrüger und ein Verbrecher 
gegen die Arbeiter und die Bauern. 

Es leuchtet nun einem jeden ein, dass, damit die Produktion 
auf die Beine gestellt und orgsmisiert werde, die Arbeiter auch 
$ich selbst organisieren uiid eine eigene Arbeitsordutu^ sdnflen 



müssen. In den Fabriken und den Werken müssen die Arbeiter 
darauf achten, dass jeder Genosse das erforderliche Arbeits- 
pensum leiste. Die Gewerkschaften und die Betriebsräte verwal- 
ten die Produktion. Sie können die tägliche Arbeitszeit nach 
Möglichkeit verkürzen — und wir wollen eine so gute Produk- 
ti(Misorganisation anstreben, dass jede Schicht nicht acht, son- 
dern nur noch sechs Stunden arbeite. Aber diesdben Arbeiter- 
organisationen, und tnit ihnen die Arbeiterr^erung und somit 
auch das gesamte arbeitende Volk dürfen und müssen fordern, 
dass ihre Mitglieder mit dem Volksgut am sparsamsten umgehen 
und ihre Arbeit am gewissenhaftesten verrichten. Die Arbeiter- 
organisationen — und vor allem die Gewerkschaften — stellen 
selbst die Produktionsnonn auf, d. h.» dasjenige Quantum des 
betrelleiMlen Produktes, das |eder einzehie im Laufe eines Ar- 
beitstages zu erzeugen hat. Wer dieses Quantum nicht liefert 
(Krankheit oder Schwäche wird dabei natürlich berücksichtigt), 
der sabotiert, d. h., der schädigt die grosse Sache des Aufbaues 
der neuen, freien, sozialen Ordnung, der hindert die Arbeiter- 
klasse, den Weg zum vollkonun^tien Kommunismus zu gehen. 

Die Prodiüction ist wie dne Riesenmaschine, daea alle 
Teile zueinander passen und gleich gut gehen müssen. Ein 
schlechtes Werkzeug bei einem guten Arbeiter ist Unsinn; ein 
gutes Werkzeug bei einem schlechten Arbeiter ist ebenfalls Un- 
sinn. Sowohl der Arbater wie das WerJoeug in seinen ^Händen 
müssen gut sdn. 

Deshalb müssen wir aus aller Kraft die Lieferung vcm 
Brennstoffen und Rohmaterial organisieren, die Beförderung 
ordnen, das Brennmaterial und die Rohstoffe gleichmässig ver- 
teilen und andererseits auch alle Massnahmen ergreifen, damit 
Selbstdisziplin, Ordnung und gewissenhaftes Arbeiten .auf recht 
erhalten werden. 

In Russland ist das schwerer zu erreichen als in jedem an^ 
deren Lande. Die Arbeiterklasse (und umsoweniger die armen 
Bauern) ist hier noch nicht durch die langjährige Schule der 
Organisation gegangen, wie die Arbeiter Westeuropas und Ame- 
rikas« Wir haben viele Arbeiter, die jetzt erst zu Arbeitern ge- 
worden sind, die sich jetzt erst an an , gemeinsames Arbeiten ge- 
wöhnen und sich den Gedanken abgewöhnen, dass sie „all das 
einen Pfifferling angehe!*' Solche Elemente streben stets ver- 
schiedenen Zielen zu. Je mehr Leute es gibt, die im Kopfe ha- 
ben : „Soll ich am £n<de selbst ein Geschäft anfangen, Geld auf- 
treibe und einen Laden auftun? . — um sq schwerer wird 
es seuij eine richtige Arbeitsdisziplin dinzuiühren. Aber tm so 



Ä^i^Ä^>ota«e und die ganze Barbare, 
und Brutalität des kapitaKsttschen Systems. 

XV. Das Ende der Geldherrsdiaft. 

i^^taatsfimnzen" in der Räterepublik und Geldwirtschaft') 

Geld - das ist jetzt eine Art Schein zum Empfang von 
(jeid aas ist , ^ ^ kaufen, der ist 

r^Händkr, Kaufleute, Kapitalisten und SP^/f nten auf dm 

^Ä^'ÄÄTn^'^Ä^'ÄVd. 

Ycrgraben, so viel Scheine besitzen sie. 

Aher der Arbeiter- und Bauernstand braucht Geld. ^ Alle 
w«terS^ AuLb^^ Papiergeld drücken seinen Wert herab : 

^w/^^den Woher das Geld nehmen? Dazu müssen vorder- 
zahlt ^erden. VVonCTtw* werden. Einkommen- und 
band die reichen J^^J^J^^^ ^er grossen Einkommen 
FÄ»^-^^^^^ das heisst ^f^^^'^f Grundsteuer sein. 

r stuerdrRSTerjenigt,Te"einen Einkonuneni^^r- 

inmitten des Revolutionsfiebers, da es schwer 

ÄKl auch aUe -^Xa^^^d^lh^Ä Äiel fol|e„de 
Z^^i^ i^^^^nnVrV^irt. bis ™ dem «nd dem Termin 
m^X' Gd<kSdne in neue eingetauscht werden, da 
Te^m>«eW »Ssa Kraft trete. Das bedeutet so viel, dass 
j^rÄdnÄmpl «nd «« Geheimfach leeren und das 



«8 



Geld auf die Bank bringen muss. . Und "un ."mm nan fol^^ 
massen verfahren. Die Ersparnisse der kleinen L^te 
ira^tastet gelassen: man zahlt Rubel für Rubel aus tauscht 
S^to Rubel in einen neuen um; von emer bestmimten 
Summe " vrirf aber ein Tdl xugmMten des Staates zuruckbe- 

hreruTd Iwar. je höher die Jm^^s^M^^^Ä 
wird zurückbehalten, — etwa so : bis zu ™? p„ 

Swe Betrag eingetauscht, von den folgenden «"««^P^,^- 
^wkd der zehnte Teü eingezogen, vom dritten Funftauswid 
dTsi^nte Teü, Wi vierten der vierte Teil, vom fünften die 
mifte^om secUen drei Viertel, und von einer bestimmten 
Summe aufwärts wird der Betrag gang konftsstert. 

Somit w^re die Macht der Reichen genügend «ntergj.f^' 
lür die Bedürfnisse des Arbeiterstandes hatte man genug Mittd, 
Sld tle^^r oder minder in ihren Einkommen gleich- 

^"'in Revolutioszeiten ist auch die Erhebung einer Extrasteuer 
von der Bourgeoisie zulässig; das heisst. laut Verfu^ 

Zig der Sowjetinstanzen -wangsweise einmalige Bertra^ «^- 
h^ben Aber es ist nicht recht, wenn der eine Rat die Bour- 

auf Se dne Weise belastet, ein anderer auf eine andere 
^ Z eine dritte; das ist ebenso unzulässig, wie eine 

Mannifffaltigkeit in der 'lokalen Besteuerung, 

Infolgedessen muss danach gestrebt werden, dass d«r g^ 
Steuerapparat vereinheitlicht, nach einem g«nf°f»»^_^{^ 
Seeführt werde, der für die ganze Räterepubhk anwimdl»r 

SdaVdas nicht der Fall ist, sind Extrasteuern zulassig. 
^der Nc^ f risst der Teufel Fliegen," ^gt das Sprichwort^ 
Man muss nur eingedeiOc sein, dass die Aufgabe der Partei, die 
AuL^ der Räte die Aufgabe der Arbeiterklasse und der ar- 

Äorfbevölkerung geradT darin .be^^t-^ST hS'ÄI 
«1 vereinheitlichen und zu zentralisieren auch hierin ^^jof^ 
« S^und planmässig die Bourgeoisie aus den Schutzen- 
cräben ihrer ökonomischen Front auszurauchern 
^ Es sei jedoch bemerkt, dass je besser die Produktion er- 
eanisiert ist und auf Grund des neuen Arbeitsprinzips funktio- 
nLrt um so tiefer sinkt die Bedeutung des GMes uberhmpt. 
WahrhlTti^? Früher, zur Zeit der Herrschaft des Pnvatunter- 
«ii^^^^rkauften die Privatunternehmen ihre Waren an ein- 
a^^eÄ sich mit der Zeit diese Betriebe und 

verwandeln sich in verscWedene Ff^'tlt 
hchen Produktion. Die Produkte werto mcht auf .dem We^ 
des freien Marktverkehrs verteilt, sondern planmassig, laut den 



Verordnungen der Arbeiteror|ane. Wir sehen also hier dieselbe 
Geschichte, wie bei den Kapitalisten in den sogenannten kom- 
binierten Betrieben. 

Kombinierte (zusammengesetzte) Betriebe nennt man 
solche Unternehmen, die verschiedenartige Produktionsgebiete 
umfassen. In Amerika, z. B., hat man Unternehmen, die sowohl 
Metallwerke besitzen, wie Kohlengruben, Eisenminen und 
Dampfschiffahrtsjgesellschaften. Ein Teil dfes Unternehmens lie- 
fert dem andern das Rohmaterial oder besorgt die Beförderung 
des fertigen Produkts. Da aber alle einzelnen Zweige Teile eines 
und desselben Unternehmens sind, so verkauft natürlich der eine 
Betrieb seine Erzeugnisse dem anderen Betrieb nicht, sondern 
die erzeugten Produkte werden laut Anordnung des für ,alle 
Teile des kombinierten Unternehmens gemeinsamen, zentralen 
Büros verteilt. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel : In einer 
Fabrik geht irgend ein Halbfabrikat von der einen Abteilung in 
die andere über, so dass innerhalb der Fabrik Kauf und Verkauf 
nicht stattfindet. Genau dasselbe wird in der Gesamtproduktion 
der Fall sein. Wenn die hauptsächlichsten Zweige der Produk- 
tion organisiert sein werden, dann werden sie sich in ein riesiges 
gesellschaftliches Unternehmen verwandelt haben mit einer ge- 
meinsamen Arbeiterverwaltung — ein Unternehmen, unter dessen 
allen Teilen eine richtige Verteilung der notwendigen Produk- 
tionsmittel: der Brennstoffe, des Rohmaterials, der Halb- 
fabrikate, der Hilfsmaterialien usw. stattfinden wird. Und das 
hdsst soviel, dass das Geld seine Bedeutung verlieren wird. Es 
hat nur dann eine Bedeutung, wenn die Produktion nicht orga- 
nisiert ist; je organisierter diese ist, umso geringer wird die 
Rolle des Geldes, und infolgedessen fällt auch das Bedürfnis 
danach weg. 

Und die Entlohnung der Arbeiter ? — wird man uns fragen. 
Auch hier immer wieder dieselbe Geschichte. Je organisierter 
in den Händen der Arbeiter die Gesamtproduktion sein wird, 
desto weniger werden die gesellschaftlichen Arbeiter mit Geld, 
und umsomehr in natura, das heisst mit Lebensmitteln, bezahlt 
werden. Wir sprachen bereits von den Konsumkommunen und 
Arbeitsbüchern. Laut den Eintragungen in den Arbeitsbüchern 
werden die Arbeiter aus den öffentlichen Lagerhäusern die Pro- 
dukte erhalten, die sie brauchen werden, ganz ohne Geld, nur auf 
Grund der Bescheinigung, dass der Betreffende arbeitet und 
schafft. Natüriich kann die Sache nicht mit einem Mal in Kraft 
treten. Es wird viel ^feit vergehen, bis all das organisiert und 
eingerichtet sein wird, bis alles klappen wird. Es handelt sich 



76 



um etwas Neues, noch nie Dagewesenes, und daher auch unge- 
heuer Schwieriges. Aber das eine ist klar: je mehr die Arbeiter 
die Produktion und die Produktenverteilung beherrschen werden, 
desto weniger Bedürfnis wird man nach dem Gelde haben — 
und so wird es nach und nach absterben. 

Ohne Geld setzt auch der „Tausckverkehr zwischen Stadt 
und Land" ein: die städtischen Industrieorganisationen «efem 
den Dörfern Textilwaren, Eisenprodukte usw; die landlichen 
Organisationen versorgen dagegen die Stadtbewohner mit Brot. 
Und auch da wird die Bedeutung des Geldes umso geringer 
werden, je enger untereinander die Arbdterorgamsationen der 
Arbeiter und der armen Dorfbevölkerung verbunden sein werden. 

letzt in diesem Augenblick braucht die Arbeiterregierung 
Geld und zwar sehr. Denn die Organisation der Produktioti 
und der Verteilung beginnt erst jetzt Form anzunehmen, und 
das Geld spielt eine sdir, sehr grosse RoUe. Die Ftnansen-- 
der Geldumsatz des Staates — sind momentan von grosser Be- 
deutung. Deshalb erhebt sich in ihrer ganzen Scharfe die 
Steuerfrage: die Steuern sind unbedingt notwendig; der Geld- 
überschuss der Stadt- und Dorfbourgeoisie muss unbedingt kon- 
fisziert werden; von Zeit zu Zeit müssen Extrasteuern erhoben 

Aber mit der Zeit wird auch das Steuerwesen absterben. 
Schon jetzt verschwindet, insofern die Produktion yerstaatiicht 
ist der Profit in den Händen der Kapitalisten; existieren an- 
mal die Gutsbesitzer nicht mehr, so verschwindet auch die Be- 
steuerung des Einkommens der Grundbesitzer, der sogenannten 
Bodenrente. Sind den Hausbesitzern die Häuser genommen, so 
verschwindet auch diese Quelle der Besteuerung. Der Reich- 
tumsüberschuss wird konfisziert, die Rddiwi verlieren ihren 
Stützpunkt und alle werden allmählich zu Arbeitern im Dienste 
der proletarischen Staatsorganisation. (Später, bei vollkomme- 
nem Kommunismus, wenn auch der Staat abgestorben sein wird, 
werden sich alle, wie wir gesehen haben, in gleiche Genossen 
verwandelt haben, und jede Erinnerung an die Eintedung der 
Menschen in Bourgeoisie und Arbeiter wird verschwinden.) ^ 

Demnach ist klar, dass es einfacher ist, von vornherein 
weniger zu zahlen, als mehr Gehalt zu geben und danach einen 
Teil des Geldes in Form von Steuern abzuziehen. Wozu Kräfte 
und Mittel auf diesen VnSweg vergeudail , ' ,j , . 

Andererseits aber haben wir gesehen, dass das Geld keine 
Rolle mehr spielt, wenn Produktion und Vertdlung rw«05 or- 
ganisiert sind. Niemand braucht dann irgendwelche Abgaben 



71 



mehr zu entrichten. Das Geld wird überhaupt nicht mehr nötig 
sein. Auch die Staatsleitung wird es also nicht mehr brauchen. 
Die Fiuanzwirtschalt wird eingehen. 

Wir wiederholen: wir sind noch bei weitem nicht so weit. 
In nächster Zukunft kann davon noch nicht die Rede sein. Jetzt 
müssen wir dafür sorgen, dass Geldmittel aufgebracht werden. 
Aber auch jetzt schon unternehmen wir gewisse Schritte, die 
uns aoi dem Wege der Vernichtung des Geldsystems überhaupt 
vorwärts führen. Die Gesellschaft verwandelt sich in eine rie- 
sige Arbeitsgenossenschaft, die produziert und das Produzierte 
ohne jede Zuhilfenahme des Goldes oder des Ps^iergeldes ver- 
teilt. Die Herrschaft des Geldes geht zu Ende. 

XVI. Keine HancMslMsiehaiicai zu dem 

imperialistischen Ausland für die russischen Bourgeois! 

(Nationalisierung des Aussenhandels.) 

Heutzutage lebt jedes Land unter den anderen Ländern und 
ist von diesen sehr abhängig. Ohne den Handel mit den andern 
Ländern geht es sehr schlecht ; das eine Land erzeugt mehr von 
den einen Produkten, ein anderes Land mehr von den anderen. 
Das bloddarte Deutschland spürt an eigener Haut, wie schlecht 
es ohne fremde Zufuhr auslo^nmen kaim. Und hätte man, zum 
Beispiel, die Blockade Englands ebenso streng durcl^eführt, wie 
die Deutschlands, so wäre England schon längst verloren. Die 
russische, von der Arbeiterklasse verstaatlichte, Industrie kann 
ebenfalls die Zufuhr gewisser Waren aus dem Auslande nicht 
entbehren. Andererseits braucht das Ausland, besonders 
Deutsdüand, Rohstoffe. Man lasse kernen Augenblick ausser 
acht, dass wir inmitten der Raubstaaten des Kapitals leben, und 
so ist es nicht verwunderlich, wenn diese Raubstaaten bestrebt 
sein werden, alles, was sie brauchen, sich auf dem Wege des 
Raubes anzueignen. Zugleich wird die russische Bourgeoisie, 
der so viele Hindernisse in Russland in den Weg gelegt sind, 
nnt allen Mittehi danach trachten, sich mit den ausländischen 
Imperialisten zu verbimden. Die ausländischen Bourgeois kön^ 
nen unzweifelhaft die russischen Spekulanten weit besser be- 
zahlen, als unsere einheimischen, vaterländischen, echtrussischen 
Bourgeois dazu imstande sind. Der Spekulant aber bedient den- 
jenigen, der besser zahlt. Es wäre natürlich nicht zum Heil der 
Sozialistischen Sowjctrq)ublik, würde man unsere Bourgeoisie 
allerlei Waren frei nach dem Ausland eskortieren und die aus- 
ländischen Marodeure hier frei alle beliebigen Geschäftchen ab- 
wickehi lassen. 



72 



Wenn früher die Frage des Aussenhandds diskutiert wurde, 
war der strittige Punk der : soll man die ausländisdien Waren 
mit hohen Einfuhrzöllen belegen, oder soll man diesen Zoll mi 
Gegenteil ganz aufheben? In den letzten Jahren der Herrschaft 
des Kapitals traten die Industriellen stark für eine Politik der 
hohen ZöUe ein. Dadurch kamen die Syndikate zu ihren hohen 
Profiten : im Lande selbst waren sie die Monopolbeherrscher des 
Marktes und hatten keine Konkurrenten; die Mauer der ZoUe 
versperrte dem Ausland den Weg. Mit Hilfe der hohen Emfuhr- 
zöUe konnten also die Syndikatsmitglieder, das heisst die grossen 
Itere des lüpitals, ihre Landsleute schamlos schinden. Es ging 
sogar so weit, dass Syndikate die Schindbegünstigung ihrer 
Landsleute dazu benutzten, um Waren zu niedrigen Preisen nach 
dem Auslande zu exportieren, um ihre Konkurrenten, die Sjra.- 
dikate des Auslands zu verdrängen. Natürlich galten diese nie- 
drigen Preise nur für kurze Zeit. Sobald sie ihre Konkurrenten 
heruntergdcriegt hatten, wurden auf den neugewonnenen 
Märkten die Preise in die Höhe geschraubt. Zur Ermoghchung 
einer solchen TakHk braudien sie d)en Sdiiitzzolle. Als die 
Syndikate vom Schuts der einheimischen Industrie redeten, WM 
es ihnen in der Tat darum zu tun, ein Angriffsmittel, ein Mittd 
zur ökonomischen Eroberung der Aussenmärkte zu haben. Und 
wie es stets in solchen Fällen ist, verbargen sie, die Berufs- 
betrüger, ihre Raubgdüste unter dem Deckmantel eines angeb- 
lichen Schutzes der nationalen Interessen. 

In Anbetracht dessen stellen einige Sozialisten die Parole 
des Freihandels auf. Das würde so viel bedeuten, dass alles 
dem freien ökonomischen Wettbewerb der verschiedenen Bour- 
geoisien überlassen wäre. Aber diese Parole hing in der Luft 
und war dnfach unbrauchbar. Warum sollte der Syndikats- 
mann auf seine Profite verzichten? Und erhält er nun einmal 
diese Profite dadurch, dass er sich mit hohen Sdiutzzoto von 
seinem ausländischen Konkurrenten absperrt — warum soüte er 
auf diese Schutzzölle verzichten? Zuerst muss also der Syndt-^ 
katmatm gestürst werden, zuerst muss die sozialistische Revo- 
lution kommen. Das war die Antwort der wirklichen Soziahsten, 
unsere Antwort, die der Kommunistcn-Bolschewiki. Soziali- 
stische Revolution, das bedeutet die Einführung einer Ordnung, 
bei der sich alles in den Händen der zum Staate organisierten 
Arbeiterklasse befände. Wir haben bereits gesehen, welchen 
Schaden der Privathandel innerhalb des Landes verursacht. Ein 
solcher Handel zwischen den Ländern ist nicht minder schädlich. 
Es wäre also purer Unshm: den FreUiandel im Innlande auf- 



73 



zuheben, und mit dem Auslande aufrechtzuerhalten. Genau so 
töricht erscheint vom Standpunkte der Arbeiterklasse das System 
der besonderen Besteuerung der ausländischen Kapitalisten. Ein 
dritter Ausweg ist vonnöten, und dieser Ausw^ besteht in der 
Nationalisierung (oder Verstaatlichung) des Aussenhandels 
durch den proletarischen Staat. 

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass keiner der Einwohner 
Russlands das Recht hat, mit den Kapitalisten des Auslandes 
Geschäfte zu schliessen. Wird einer dabei ertappt, so erhält er 
eine Geldstrafe oder kommt ins Gefängnis. Den gesamten 
Aussenhandel besorgt der Arbeiter- und Bauemstaat. Er schliesst 
von Fall zu Fall alle geschäftlichen Abmachungen ab. Ange- 
nommen, die Amerikaner bieten uns Maschinen an und verlangen 
dafür so und soviel Waren oder ein gewisses Quantum Gold. 
Die Deutschen bieten aber dieselben Maschinen zu einem 9X^xii 
Vxms^ und zu anderen Bedingungen an. Die Organisationen der 
Arbdter (der Regierung, der Sowjets) entscheiden, ob man 
dieses Geschäft abschliessen soll und wessen Angebot vorteil- 
hafter sei. Wo es vorteilhafter ist, dort wird auch gekauft. Die 
Bevölkerung erhält die gekauften Produkte ohne jede Preis- 
treiberei. Denn d^ Handel wird ja in diesem Fall nicht von 
den Kapitalisten, <tie doi Arbeiter übervorteilen, abgeschlossen, 
sondern von den Arbeitern selbst. Auf diese Weise wird die 
Herrschaft des Kapitals auch aus diesen Schützengräben ver- 
trieben. Die Arbeiter müssen den Aussenhandel in ihre eigenen 
Hände nehmen (sie tun es auch, und taten es) und ihn so or- 
ganisieren, dass kein einziger Schieber, kein einziger Schleicher, 
kdn einziger Brandschatzer durch die Maschen der strengen - 
Aufsicht schlüpfen kann. 

Freilich muss auch hierbei gegen die kapitalistischen 
Schmuggler strengstens, ohne jegliche Nachsicht verfahren 
werden. Man muss sie ein für alle Mal von allen Tricks abge« 
wohnen. Die Angdc^genheiten des Wirtschaftslebens sind nun 
die der werktätigen Massen. Nur auf dem W^e einer weiteren 
Befestigung einer derartigen Ordnung wird die Arbeiterklasse 
ihre endgültige Befreiung von allen Ueberbleibseln des verruch- 
ten kapitalistischen Regimes erlangen. 

XVII« Neben der wirtschaftlichen die gdstige Befreiung! 

{Kirche und Schule in der Räterepublik J) 

Die Arbeiterklasse und ihre Partei — die Partei der Korn* 

munisten-Bolschewiki — streben nicht nur nach einer wirtschaft- 
lichen Befreiung, sondern auch zugleich nach der geistigjsn Er- 

74 



lösung der werktätigen Massen. Die ökonomische Befreiung 
selbst wird umso erfolgreicher vor sich gehen, je schneller der 
Proletarier und der Landarbeiter sich den ganzen Unsinn aus 
dem Kopfe schlagen wird, den ihm alle seine Herrschaften, die 
Gutsbesitzer, Fabrikanten und Bourgeois eingepaukt haben. Wir 
haben ja gesehen, wie geschickt die herrschenden Klassen früher 
die Arbeiter von allen Seiten zu umstricken wussten, sowohl mit 
ihren Zeitungen, Schriften und Blättern, wie mit Hilfe ihrer 
Pfaffen, ja seibst durch die Schule, die sie aus einem Werkzeug 
der Auf Idäruntg in ein Instrument zur Verdunkelung des Volks* 
bewusstseins zu machen v^standen. 

Ein Mittel zur Verdunkelung des Volksbewusstseins bildet 
der Glaube an einen Gott und einen Teufel, an böse und gute 
Geister (Engel und Heilige), überhaupt die Religion. Die grosse 
Masse der Menschen ist gewöhnt an all das zu glauben; doch 
untersu<^t man es naher und b^eift, woher die Religion her* 
rührt, und warum die Religion von den Herren Bourgeois so 
sehr gefördert wird, dann wird die ganze Bedeutung der Religion 
klar: es ist das Gift, mit dem das Volk vergiftet wurde und ver- 
giftet wird. Dann wird auch begreiflich, warum die Konmiu- 
nisten-Partei dne so entschiedene Gegnoin der Religion ist. Die 
modame Wissenschaft hat nachgewiesen, dass die ursprüngliche 
Form der Religion die Verehrung der Seelen der verstorbenen 
Ahnen war. Diese Verehrung hat dann begonnen, als in der 
menschlichen Urgesellschaft die sogenannten Stammesältesten 
auftauchten und in Schwung kamen, d. h,, die reichsten, er- 
fahrensten und weisesten alten Männer, welche die übrigen Mit- 
S^eder der Gesellschaft bereits beherrschten. Ganz am Urbeginn 
der Geschichte der Menschheit, als die Menschen noch wie Her- 
den von Halbaffen lebten, waren alle untereinander gleich. Erst 
später kamen die Aeltesten auf, die alle übrigen zu befehligen 
begannen. Sie anzubeten fixig man zuallererst auch an; die An- 
betung der Seelen der verstorbenen Reichen — das ist die 
Grundlage der Religion ; und diese heiligen Götzen nahmen dann 
die Gestalt des strengen Gottes an, der straft und lohnt, richtet 
und regiert. Untersuchen wir nun, wie die Menschen dazu ka- 
men, auf diese Art alles vorkommende in der Welt zu erklären. 
' JPier Mensch pflegt nämlich alle Dinge« die ihm fremd sind» so 
1^ betrachten, dass er sie mit ihm vertrauten Dingen vergleicht : 
er misst das Feme und Unbekannte mit dem Masstab des Nahen 
und Bekannten. Ein Gelehrter führt folgendes Beispiel an: Ein 
kleines Mädchen, das auf einem Gut mit Hühnerzucht aufwuchs, 
hatte Jjestäudig, mit Eiern zu tuii; ewig, schwirrten die Eier vor 

75 



seinen Augen ; und als die Kleine einmal den gestirnten Hinynel 
erblickte, meinte sie, der Himmel wäre mit unzähligen Eiern 
bedeckt. Solche Beispiele lassen sich in Unmengen anführen. . 
Dasselbe ist aach hier diear FalL Der Mensch sah überall Men- 
schen, die gehorchten und solche, die befahlen; er konnte aller- 
orts dasselbe Bild beobachten: der Aelteste (und später der 
Fürst), umgeben von seinen Helfern, der erfahrenste und wei- 
seste, der mächtigste und reichste befiehlt, und wie er es haben 
will, so handehi die übrigen, — sie gehorchen ihm ! Eben diese 
Weltordnung, die man t^ich ttnd stündlich beobachten konnte, 
gab die Veranlassung, alle Geschehnisse im Weltall nach demsel- 
ben Muster zu erklären. Hat doch die Erde einen Herrscher 
und Beherrschte. Folglich müsse auch die ganze Welt so ein- 
gerichtet sein. Das Weltall werde von einem Herrn regiert, der 
gross, machtig und streng sei, von dem alles abhänge und der 
jedwede Uebcrtretung streng strafe. Dieser Herr der Welt sei 
eben Gott. So entsteht der Gedanke «ncs Gottes Ua Himmd 
dann, wenn auf der Erde aus der ursprünglich cinheitKchcn Ge- 
sellschaft sich die Macht der Stammesältesten aussondert. 

Interessant ist, dass alle Benennimgen Gottes auf diesen Ur- 
sprung der Religion hinweisen. In den slavischen Sprachen 
haben die Wörter "Bog** (Gott) und „Bogaty" (reich) to- 
selben Stamm. Das hcisst also, Gott ist der Mächtige, Starke, 
Reiche. Ferner wird Gott auch „Herr" genannt. Also — Herr, 
im Gegensatz zu Knecht. In den Gebeten heisst es auch : „Wir 
sind deine Knechte" (oder Diener). Gott wird auch als der 
„Himmelskönig" angesprochen, manchmal auch: „Herrscher", 
usw. Das Wort Herrscher bedeutet eine Person, die Viele be- 
herrscht, auch viel besitst. Was ist also Gott? Er ist ein an- 
geblich existierender reicher mächtiger Herr, Herrscher, Sldaven- 
halter, „Himmelskönig", Richter — kurz, eine genaue Kopie der 
irdischen Macht der Stammesältesten oder späteren Fürsten. Als 
die alten Juden von ihren Fürsten regiert waren, von denen sie 
gestraft und auf jede Art gepeinigt wurden, da kam die Lehre 
vom bösen und strengen Gotte auf. Das war der Gott des Alten 
Testaments. Ein grausamer Greis, der seine Untertanen Un- 
barmherzig straft. Sehen wir uns nun den Gott der russischen 
Kirche an. Die betreffende Lehre entstand in der Byzanz, einem 
Lsmde, das das Vorbild des autokratischen Regimes geliefert hat. 
An der Spitze stand der autokratische Monarch, um ihn herum 
die Minister ; dann kamen die hohen Würdei|träger, noch tiefer 
ein ganzes Netz von kleineren Beamten. Die griechisch-katho- 
lische Kirche ist ein genaues Abbild dieser Ordnung. Oben sitzt 



76 



der „Himmelskönig" (Himmelszar), Um ihn herum sitzen die 
mächtigen Heiligen (z. B., Nikolaus der Wundertäter, die 
Mutter Gottes — etwa die Zarin-Mutter, die Gattin des Heiligen 
Geistes), das sind die Minister; noch tiefer folgt eine ganze 
Stufenleiter von Engeln und Heiligen, die dem Rang nach ge- 
ordnet sind, ganz wie die Beamten im autxdcratischen Reich. 
Man spricht sogar von den „Tschins" (den Aemtem) der Engel 
und Erzengel. Und das Wort „Tschin" zeigt, dass wir es hier 
mit „Tschinowniks" (Beamten) zu tun haben. („Tschin" und 
„Tscäinownik" haben denselben Stamm.) Diese „Tschins" 
(Aemter) kommen auf den Heiligenbildem in dem Sinne zum 
Ausdruck, dass derjenige Heilige, der einen höh««n Rang hat, 
prächtiger gekleidet ist, einen schöneren Heiligenschein hat, also 
gewissermassen mehr „Orden" besitzt — ganz wie auf unserer 
sündhaften Erde. Im autokratischen Staat verlangt der Tschi- 
nownik unbedingt „Schmiergelder", sonst rührt er keinen Finger ; 
deshalb muss man auch dem Hdligen eine Kerze widmen — 
sonst wird er böse und vermittelt kein Bit^esuch an die hohe 
Obrigkeit, die Gottheit. Beim autokratischen Regime gibt es 
besondere Beamte, die speziell — für Geld und gute Worte 
(Bestechung) die Rolle von Fürsprechen spielen. So gibt es auch 
spezielle Heüige, besonders Frauen, die als „Fürsprecher" gelten. 
Zum Beispiel, die Mutter Gottes — sie ist berufsmässige Für- 
sprecherin (es heisst ja: „Bete für uns**!). Uebrigens lässt sie 
sich dafür bezahlen : man muss für sie mehr Tempel bauen, als 
für die anderen, man muss ihr Madonnenbilder widmen, sie mit 
kostbaren Juwelen schmücken, u. a. m. 

Der Glaube aa Gott ist also das Ahhild der niederträchtigen 
irdischen Besiehungen, das ist der Glaube an das SkUwentum, 
das angeblich nicht allein auf der Erde sondern im ganzen Welt- 
all existiere. Selbstverständlich ist in Wirklichkeit nichts von 
alledem wahr. Aber ebenso selbstverständlich ist auch, dass diese 
Ammenmärchen die Entwicklung der Menschheit hemmen. Die 
Menschheit schreitet nur dann vorwärts, wenn sie für eine jede 
Erscheinung eine natürliche Erklärung sucht. Wenn aber an- 
stelle einer Erklärung Gott und die Heiligen, oder Teufel und 
Geister ins Spiel gezogen werden, dann kann nichts Geheures 
dabei herauskommen. Wir wollen ein paar Beispiele anführen. 
Manche fromme Leute glauben, wenn es donnert — so fährt der 
Prophet Elias in seinem Wagen. Sobald sie donnern hören, ent- 
blössen ac ihr Haupt und bekreuzigen sich. In Wirklichkeit 
aber ist die Kraft der ElektrisUat, die den Donner erzeugt, dc^ 
Wissenschaft wohlbekannt; mit Hilfe dieser Kraft bewegt sidi 



77 



die elektrische Bahn, die als Beförderungsmittel dient. Dem- 
nach also wäre der Prophet Elias dazu da, tm z. B. Mist zu 

fahren unser Elias wäre also ein ausgezeichneter Fuhrmann l 

Angenommen, wir würden an den Propheten Elias glauben. 
Dann hätten wir nie und niemals die elektrischen Bahnen zu 
sehen bekommen. Dank der Religion wären wir also in der 
Barbarei stecken geblieben. Ein anderes Beispiel. Ein Krieg 
bricht aus, Millionen von Menschen werden zugrunde gerichtet, 
Meere von Blut werden vergossen. Wie soll man das erWaren? 
Diejenigen, die nicht an einen Gott glauben, fragen nach dem 
Wie, Was und Warum ; sie sehen, dass der Krieg von den Ko- 
nigen und Präsidenten, der Grossbourgeoisie und den Guts- 
besitzern angezettelt wurde, sie sehen, dass der Krieg zu un- 
lauteren Raubzwecken dient. Und deshalb rufen sie den Ar- 
beitern aller Länder zu : „Ergreift die Waffen gegen eure Unter- 
drücker, stürzt das Kapital von seinen Thronen !" Ganz anders 
der religiöse Mensch. Er denkt so (und stöhnt dabei wie ein 
altes Weib): „Gott hat uns wegen unserer Sünden gezüchtigt. 
Ach, Vater im Himmel, Hknmelskönig, nut Recht hast du uns 
Sünder bestraft". Und wenn er sehr fromm ist und dazu noch 
zur griechisch-katholischen Kirche gehört, beginnt er eifrig an 
bestimmten Tagen (man nennt sie Fasttage) eine bestimmte Art 
von Speisen zu sich zu nehmen anstatt der anderen, seine Stirn 
an die Steinfliessen der Kirche zu schlagen und noch tausend 
andere Dummheiten zu machen. Ebensolche Dummheiten begeht 
der fromme Jude, der mohamedMiischc Tatare, der buddhistische 
Chinese, kurzum, jeder, der an einen Gott glaubt. Daraus folgt, 
dass ehrlich gläubige Menschen zu keinem Kampfe fähig sind. 
Die Religion lässt also das Volk nicht allein im Zustande der 
Barbarei, sondern trägt auch noch dazu bei, dass es in Sklaveret 
verharrt. Der religiöse Mensdi ist eher geneigt zu glauben, dass 
man alles ohne zu murren ertragen müsse (denn alles kommt ja 
„von Gott"), dass man der Obrigkeit zu gehorchen und zu dul- 
den habe („im Jenseits wird alles hundertfach vergolten wer- 
den"). Ist es danach verwunderlich, dass die beim kapitalistischen 
Regime herrschenden Klassen die Religion für em sehr gutes 
Werkzeug der Volksverdummui^f halten ? 

Am Anfang dieses Büchldns haben wir gesagt, dass die 
Bourgeoisie sich nicht allein durch die Bajonette hält, sondern 
auch dadurch, dass sie den Verstand ihrer Sklaven umgarnt. 
Wir haben auch gesehen, dass die Bourgeoisie das Bewusstsein 
ihrer Untertanen systematisch, organisiert, planmässig vergiftet. 
Diesem Ziel dient eine besondere Institutioii ; das ist die Kirche, 



78 



die staatliche Institution der Kirche. In fast allen kapitalistischen 
Ländern ist die Kirche genau so. eine Staatsinstitution, wie die 
Polizei, und der Geistliche ist genau so ein Staatsbeamter wie 
der Henker, der Polizist oder der Spitzel. Er bekommt vom 
Staate Gehalt für die Vergiftung, die er unter den Volksmassen 
verbreitet. Und das eben ist das gefährhchste an der ganzen 
Geschichte. Ohne die ungeheuerliche, straffe und mächtige Or- 
ganisation in Form des Raubstaates der Bourgeoisie, könnten 
die Pfaffen allein nidit standhalten. Sie wären bald bankrott 
Aber der Staat der Boürgeosie unterstützt mit allen Mittdn sein 
Kirchenressort, das nun seinerseits eifrigst die Macht der Bour- 
geoisie unterstützt. Zur Zeit des Zaren betrogen die Popen nicht 
nur die Volksmassen, sondern sie nutzen sogar das Beicht- 
geheimnis aus, um die verborgenen Gedanken gegen die Regie- 
rung auszukundsehaften, sie spionierten im Beichtstuhl. Und die 
Regierung hielt sie nicht nur aus, sondern sie bestrafte alle 
„Lästerer der rechtgläubigen Kirche" mit Gefängnis, Verbannung 
und allen möglichen Mitteln. 

Aus alledem ergibt sich das Programm der Kommunisten in 
bezug auf die Kirdie. Die Religion muss bekämpft werden, aber 
nickt mit Gewalt, sondern durch Ueberzeugung. Die Kirche 
aber muss vom Staate getrennt werden. Das heisst — mögen die 
Pfaffen da bleiben, doch sollen sie von denjenigen ausgehalten 
werden, die ihr Gift einnehmen wollen, oder die an ihrer Exi- 
stoiz interesdert sind. Es gibt eine Art Gift — Opium. Wenn 
man Opium raucht, äeht man herrliche Träume ; man kommt sich 
wie im Paradies vor. Dafür aber äussert sidi seine Wirkung 
in einer Zerstörung der Gesundheit: der Mensch wird allmählich 
zum stillen Idioten. Dasselbe ist auch bei der Religion der Fall. 
Es gibt Menschen, die Opium rauchen wollen. Es wäre aber 
sinnlos, wenn man auf Staatskosten, das heisst auf Kosten des 
gesamten Volkes, Opiumhöhlen unterhalten und speziell Men- 
schen zu ihrer Bedienung anstellen wollte. Mit der Kirche muss 
man also folgendermassen verfahren (das ist ja auch bereits ge- 
schehen) : Die Popen, Bischöfe, Metropolite, Patriarchen, Kol- 
sterväter und, wie die anderen Brüder sonst noch heissen, müssen 
jeder Staatsunterstützung verlustig werden; wenn die frommen 
Kirchenganger dauran Spass haben, mögen sie sie nun auf eigene 
Kosten mit Fischpasteten und Lachs, den Lieblingsspeisea der 
hochwürdigen Patres, füttern. 

Zugleich aber muss die Glaubensfreiheit gesichert werden. 
Daraus ergibt sich auch noch die Regel : die Religion ist Privat- 
saclie. bedeutet ab^ nicht etwa, dass wir nicht durch Auf- 



79 



klärung die Religion bekämpfen dürfen. Das bedeutet lediglich, 
dass der Staat keine religiöse Institution unterstützen soll. 

Das Programm der Bolschewiki-Kommunisten ist in diesem 
Punkte momentan in Russland verwwkliehU Die Popen aller 
Sdiattiorm^ien sind ihrer Staatsgehaiter. verlustig. De^lb sind 
sie auch so rasend geworden und haben die jetzige Regierung, 
d. h. die Regierung der Arbeiter, zweimal verdammt und samt- . 
liehe Kommunisten in den Kirchenbann versetzt. Man merke 
nur. Unter dem Zaren befolgten sie streng den Text der 
Schrift : »,£s gibt keine Macht denn von Gott" und : , Jedermann 
sd Untertan der Obrigkeit'^ Sie besprengten auch die Henker 
gerne mit Weihwasser. Warum aber vergassen sie den Text, 
als die Arbeiter zur Macht gelangten? Oder sind in der Macht 
Grottes die Kommunisten nicht inbegriffen? Wie steht es da- 
mit? Sdir einfach. Die Sowjetregierung ist die erste russische 
H^perung, die die Popen auf die Taschen geklopft hat Und das 
ist die empfindlkhste StdUie des Popen. Nun sond die Popen 
im Lager der „unterdrückten Bourgeoisie": sie arbeiten, sowohl 
illegal, wie „legal", gegen die Arbeiterklasse. Doch haben sich 
die Zeiten völlig geändert und die breiten Massen des werk- 
tätigen Volkes lassen sich nicht mehr so leicht hinterführen wie 
frfiher. Darin besteht die grosse aufklärende B^eutung der 
Revolution. Sie bef rdt von der Ökonomisfken Sklaverei. Sie be*- . 
freit auch von der geistigen Sklaverei. 

Es gibt noch einen wichtigen Punkt, der die geistige Auf- 
klärung betrifft. Das ist die Frage der Schule. 

Bei der Herrschaft der Bourgeoisie dient^ die Schule zur 
Erziehung der Massen im Geiste des Gehorsams der Bourgeoisie 
gegenüber eher als zur wirklichen Bildung. Alle LehrlÄcher, 
alle Hilfsmittel waren vom Geiste der Sklaverei durchdrungen. 
Besonders die Lehrbücher der Geschichte: Da tat man nichts 
anderes als lügen, indem man in einem fort die Heldentaten der 
Kaiser imd anderer gekrönten Halunken beschrieb. Eine grosse 
Rolle s(Mielten in den Schulen die Pfaffen. Alles ging auf das 
eine hinaus : das Kind so zu bearbeiten, dass aus ihm ein ge- 
fügiger — nicht Bürger, sondern — Untertan wurde, der ge- 
legentlich auch Menschen seinesgleichen umbringen würde, falls 
sie gegen die Macht des Kapitals sich auflehnen sollten. Die 
Schulen selbst waren in zwei Kateg(»'ien eingeteilt : die eine war 
für die feinen Leute, die andere — für den gemeinoi Pöbel« 
Für die feinen Leute waren die Gymnasien und die Universitäten 
da. Hier studierten die Bourgeoissöhnchen allerhand Wissen- ♦ ♦ 

Schäften, die darauf hinausgingen« den gemeinen Pöbel sich zu 

80 



unterwerfen und ztt regieren. Für das gemeine Volk waren die 
Volksschulen übrig. Hier machten sich die Pfaffen besonders 
breit. Die Aufgabe dieser Schule, die wenig Kenntnisse ver- 
mittelte, dafür aber viel Pfaffenlügen einpr<^fte, bestand 
darin, Menschen zu erziehen, die dulden, gdiorchen und sich an- 
standslos den f dnen Leuten fügen. Der Zutritt zur Mittelsdiule 
und umso mehr noch zur Hochschule (das heisst zu den Univer- 
sitäten, höheren technischen Fachschulen und ähnlichen Anstal- 
ten) war dem einfachen Volke versperrt. Auf diese Weise 
wurde ein Bildungsmonopol geschaffen. Leidlich etwas lernen 
konnten nur der Reiche oder der von den R|j rf ieq. Unterstützte. 
Die Gebildeten nützten deshalb ihre Lagr gescrackt aus. Und so 
wird begrdflich, warum sie während der Oktoberrevolution ge- 
gen die Arbeiter waren: sie ahnten wohl, dass ihre privilegierte 
Lage aufhören müsste, sobald alle imstande sein würden zu stu- 
dieren, und dem ^«gemeinen Pöbel" die Möglichkeit gdx)ten sein 
würde^ Kenntnisse zu mirerboL 

Aus diesen Gründen muss vor allem die Bildung allgemein" 
zugänglich und obligatorisch gemacht werden. Zum Aufbau des 
Lebens auf neuen Grundlagen ist es nötig, dass der Mensch von 
Kinderschuhen an an nützUche Arbeit gewöhnt werde. So 
müssen die Schüler in den Schulen auf allerlei Produktions- 
gebieten Kenntnisse sammdn. Die Türen der Hochsdiulen müs^ 
sen für Jedermann geöffnet sein. Die Pfaff«i müssen aus den 
Schulen verbannt werden ; — wenn es sein muss, mögen sie bei 
sich zu Hause den Kindern die Köpfe verdrehen, aber nicht in 
Staatsinstitutionen ; die Schule muss eine Laienschule sein, keine 
Pfaffenschule. Die lokalen Organe der Arbeiterregierung üben 
über die Sdiule Kontrolle aus; nichts darf für die Sache der 
Volksbildung gespart werden, damit die Kinder, Jünglinge und 
Mädchen zum erfolgreichen Lernen mit allem Notwendigen ver- 
sehen werden. 

Gegenwärtig -wird in manchen Dörfern und Provinzstädten 
von Seiten vctrdimunter Lehrer und mit Hilfe der Dorfwucherer 
(oder richtiger, von Seiten der Dorfwucherer mit Hilfe dieser 
Dummköpfe) eine Propaganda betrieben, in dem Sinne, dass die 
Bolschewiki angeblich alle Wissenschaft ausrotten, jede Bildung 
vernichten wollen usw. Das ist natürlich eine freche Lüge. Die 
Kommunisten-Bolschewiki wollen etwas anderes: sie wollen die 
Wissenschaft vom Joche des Kapitals befreien, sie wollen die ge- 
samte Wissensdhaft dem werktätigen Vdke zugänglich machen, 
sie wollen das BHäungsmonopol (das ausschlie^iche Recht) der 
Reichen aufheben. Eben darum handelt es sich. Und es ist ganz 

81 



begreiflich, dass die Reichen eine ihrer Stützen verlieren 
fürchten. Wenn jeder Arbeiter Ingenieurkenntnisse besitzen 
wird, dann wird die Sache des Kapitalisten und des reichen In- 
genieurs — faul : womit sollte er sich nun brüsten, wenn es viele 
seinesgleichen gäbe ! Keine Durchquerung der Arbeiterinteressen, 
keine Sabotage wäre dann mehr möglich. Und davor fürchten 
sich die werten Herren Bourgeois. 

Kultur — für die Reichen, geistige Unterjochung — für 
die Armen — das war die Parole des Kapitals. Kultur — für 
Alle, geistige Befreiung vom Joch des Kapitals — das ist die 
Parole der Arbeiterklasse, der Kommunistischen Parteil 

XVIII. Das Volk unter Wafifen bewacht seine 

Eroberungen. 
(Die Armee m der S^twjetrepmbMt,) 

IHe beste Garantie der Freiheit ist ein Gewehr in deft Händen 
des Arbeiters, sagt einer der Schöpfer des wissenschaftlichen 
Kommunismus, Friedrich Engels. Jetzt erst sieht man in Wirk- 
lichkeit, wie recht er mit diesem Ausspruche hatte. Er wird 
. durch die Erfahrung der grossen Revolution von 1917 vollends 
bestätigt. 

Erst vor kurzem noch stellten selbst manche radikale Ge- 
nossen die Parole der Entwaffnung auf. Sie meinten : Ueberall 
baut die Bourgeoisie ungeheuerliche Flotten an Untersee-, 
Uebersee- und Luftschiffen; die wahnsinnig grossen Armeen 
wachsen beständig; es werden noch nie dagewesene Festungen 
errichtet, Kanonen und Vernichtungsinstrumente, wie Panzer- 
automobile und Tanks konstruiert. Dieses ganze furchtbare Ge- 
waltsystem muss vernichtet werden. Es muss die allgemeine 
J^twaffnung gefordert werden. 

Anders stellten wir, Bolschewtki, die Frage. Wir sagteil : 
Unsere Parole ist — EfUwafftiung der Bourgeoisie, Bewaffnung, 
allgemeine und bedingungslose Bewaffnung — der Arbeiterklasse. 
In der Tat, wäre es nicht lächerlich, die Bourgeoisie überreden 
zu wollen, ihren schärfsten Wolfszahn zu brechen, die bewaffnete 
Macht (die sich ja aus betörten Arbeitern und armen Bauern 
zusammensetzt), die sich in ihren Händen befindet, niederzu- 
legen ! Dieser tödliche Gewaltmechanisnaus kann wiMerum nur 
durch Gewalt zerstört werden. Die Waffen werden nur dann 
gestreckt, wenn es durch andere Waffen erzwungen wird. Darin 
besteht der Sinn des bewaffneten Anfstandes gegen die Bour- 
geoisie. Für die ist ihre Armee ein Werkzeug im Kampfe um 
^ T^ung der Welt einerseits und ein Mittel zur Bekämpfung 



82 



der Arbeiterklasse andererseits. Der Zar und Kerenski träum- 
ten, mit Hilfe der Armee Konstantinopel, die Dardanellen, Ga- 
lizien und viele andere verlockende Länder zu erobern. Zu glei- 
cher Zeit aber knebelte sowohl der Zar wie Kerenski (also auch 
die Gutsbesitzer und die Bourgeoisie) die Arbeiterklasse und die 
ai'me Bauernschaft. Die Armee war ein Instrument in den 
des Grosseigentums zur Aufteilung der Welt und der Verskla- 
vung der Armen. Das war eben die alte Armee. 

Wie kam es, dass die Bourgeoisie aus den Arbeitern und 
Bauern (der grösste Teil der Soldaten einer Armee besteht ja aus 
ihnen) ein Werkzeug gegen die Arbeiter und Bauern selbst 
machen konnte? Wie vermochte es der Zar und Kerensld zu 
machen? Wodurch verstehen es bis jetzt die Wilhelms und die 
Hindenburgs und die deutsche Bourgeoisie, ihre Arbeiter zu 
Henkern der russischen, der finnischen, der ukrainischen und der 
deutschen RtvcMoTi zu verwandeln ? Warum wurden durch die 
deutschen Matrosen andere deutsche Matrosen erschossen, die 
sich gegen ihre Unterdrücker auflehnten? Wie ist es mpglich, 
dass die englische Bourgeoisie mit Hilfe der englischen Soldatwi 
(die ja ebenfalls aus dem Arbeiterstande sind) die Revolution 
in Irland unterdrückt, in einem Lande, das von den englischen 
Bankiera unterdrückt und mit Füssen getreten wird ? 

Auf diese Fragen kann man dieselbe Antwort geben wie auf 
die Frage, wodurch die Herren Bourgeois die Marfit überhaupt 
beizubehalten vermögen. Wir sahen, dass das erreicht wird dank 
der ausgezeichneten Organisiertheit der bürgerlichen Klassen. 
In der Armee beruht die Macht der Bourgeoisie auf zwei Grund- 
lagen: erstens auf dem OffüHerskorps, das sich aus^dem Adel und 
den wohlhabenden Bürgerlichen rekrutiert; zweitens auf dem 
Drill und der Geistestötung, das heisst der bürgerlichen Bear- 
beitung der Seelen der Soldaten. Das Offizierskorps hat im 
grossen und ganzen einen reinen Klassencharakter, Es ist glän- 
zend dressiert, versteht ausgezeichnet das Kriegshandwerk und 
das Geschäft der Soldatenmisshandlung und der Anschnautzerei. 
Man schaue sich so einen famosen Garde^izier an, oder dnen 
preussischen Fant mit der Physiognomie eines rauflustigen 
Mopses. Man sieht gleich, dass er wie ein geübter Zirkusdresseur 
nach rechts und links nicht müde wird, um sich zu fuchteln, und 
■ dass er es gelernt hat (und er hat lange, viel und beharrlich 
gelernt), wie die Menschenherde in die Kandare zu halten ist. 

Natürlich, wenn diese Herren sich aus Bourgeois und Edd- 
leuten rekrutieren, aus den Söhnchen der Gutsbcatzer und der 
Kapitalisten, so leiten sie die Armee in ganz bestimmtem Sinne. 

83 



Und nun sehe man sich die Soldaten an. Sie kommen als 
ganze Masse, als Menschen, die miteinander nicht verbunden, 
zerstäubt sind, nichts abwehren können; mit dner Seele, die zum 
Teil schon durch die Schule angefressen ist. Sie werden sofort 
in Kasernen gestopft, und der Drill beginnt. Einschüchterung, 
Einthchterung der volksschädlichsten Ideen, ein beständiges Sy- 
Stern Yon Furcht und Strafen, Demoralisierung durch Beloh- 
nung von Verbrechen (zum Beispiel für die Erschiessung von 
Streikenden), — all das macht aus dem Menschen einen Halb- 
idioten, eine Puppe, die ihrem Todfeind blind gehorcht. 

Natürlich musste mit der Revolution die Armee, die mit 
beiden Füssen auf dem alten zaristischen Boden stand, die Ar- 
mee, die audi Kerenslri noch Konstantine^ zuliebe ins Feuer 
trieb, — diese Armee musste ach zersetzen. Warum? Weil 
die Soldaten einsahen, dass sie organisiert, gedrillt und in die 
Schlacht getrieben werden im Namen der verbrecherischen 
Profitsucht der Bourgeoisie. Sie sahen ein, dass sie fast drei 
Jahre dem Geldsack zuliebe in den Schützengräben lagen, um- 
kamen, krepierten, hungerten, dnander umbrachten. So ist es 
nur natürlich, dass, als die alte Disziplin durch die Revolution 
vernichtet wurde, und eine neue zum Entstehen noch keine Zeit 
hatte — eine Zersetzung der alten Armee sich vollzog, ihr Zer- 
fall, ihr Untergang kam. 

Diese Krankheit war unvermeidlich. Die Dümmlinge der 
Menschewiki und der Sozialrevohitionäre beschuldigen die Bol- 
schewiki : — Aha, was habt ihr angerichtet — ihr habt die zari- 
stische Armee zersetzt! — Aber die menschewistischen und 
Sozialrevolutionären Tröpfe sehen nicht ein, dass die Revolution 
nicht hätte siegen können, wenn im Februar die Armee dem 
Zaren und den Generälen, und dann im Oktober der Bourgeoisie 
treu geblieben wäre. Der Aufstand der Soldaten g^gen den 
Zaren war ja schon die Zersetzung der zaristischen Armee. Jede 
Revolution zerbricht das Alte und das Morsche. Zuerst vergeht 
eine gewisse Zeit (die sehr schwer ist), bis das Neue entsteht, 
bis auf den Ruinen des alten Schweinestalls ein schönes Haus 
zu hauen begonnen wird. 

Wir wollen gleich ein Beispielchen aus einem andern Gd»et 
anführen. Die alten russischen Arbeiter erinnern sich noch, 
dass in früheren Zeiten, wenn ein Bauer sich in einen Fabrik- 
arbeiter verwandelte und er in die Stadt kam, er zu allererst 
ein entsetzlicher Radaubruder und Bandit, ein „besitzloser 
Lump", „ein Fabrikprolet" hiess. Das Wort „Fabrikarbeiter" war 
sdbst beinah ein Schimpfwort. Und in der Tat, diese Arbeiter 



84 



verstanden es zu saufen und zu raufen, liebten Schwemereien 
und Bummeleien. Infolgedessen predigten auch alle r^ktionaren 
Elemente eine Rückkehr zum System der Leibeigenschaft. 

Sie sagten : da die Stadt die Leute demorahsiert, da die 
Leute in der Stadt „verdorben" werden, so braucht man das 
Dorf und vor allem den väterlichen Stock des Gutsbesitzers. Nur 
so wurde die Tugend auf ihre Kosten kommen 1 Dieselben Ele- 
mente höhnten hoshaft, dass die Arbeiterklasse „das Salz der 
Erde wäre. Sie sprachen zu uns, den Marxisten, den Sdiulera 
des grossen Kommunisten Karl Marx : „Das sind nun «ö'«^- 
beiter! Das sind ja Schweinehunde, keine Menschen. Abhub! 
Und ihr meint, das sei das Salz der Erde ! Sie brauchen eine 
Knute, eine Stallpeitsche, aber keine Freiheit l" 

Viele Hessen sich von all dem „überzeugen . In Wirk- 
Hchkeit war aber die Sache die. Wenn die Bauersleute vom 
Lande in die Stadt kamen und mit dem Dorfe brachen, da ging 
die alte Dorfsitte zugrunde. Auf dem Lande lebt man nach alter 
Sitte : schau dem Alten aufs Maul und gehorch ihm, auch wenn 
er halb verblödet ist; atze bei deiner Jauchegrube und stecke 
deine Nase in nichts, was ausserhalb deines Düngerhaufens hegt. 
Vor allem, hüte dich vor allem neuem. Das ist die Dorf f reiheit 
— Das war zwar eine schlechte Weisheit, aber sie war der Zaum, 
der die „Ordnung" auf dem Lande aufrecht erhielt. Diese Weis- 
heit musste in den Städten bald verschwinden : da war alles neu : 
neue Menschen, neue Beziehungen, eine Unmenge neuer un- 
gdcannter Versuchungen. Die alte Dorfmoral verschwand na- 
türlich. Und damit eine neue geschaffen werde, musste ciret^e 
gewisse Zeit vergehen. Diese Zwischenzeit ist eben die Penode 
des Zerfalls. 

Aber letzten Endes entstand auf der neuen Grundlage eine 
neue Weisheit: die Soüdarität des Proletariats. Die Fabrik 
schweisste die Arbiter zusammen, das Joch des Kastels lehrte 
sie den gemeinschaftlichen Kampf ; an Stelle der veralteten, haus- 
backenen, unbrauchbaren Weisheit entstand eine neue, proletari- 
sche, unendlich höher stehende. Diese macht das Proletariat 
zur Elite, zur fortschrittlichsten, revolutionärsten, produktivsten 
Klasse. Wir behielten also Recht und nicht die Anhänger der 
Leibeigenschaft, die Gutsbesitzer. ^ . , 

In bezug auf die Armee nehmen jetzt die Menschewiki und 
die Sozialrevolutionäre die Stellung der Lttbeigensdiafts- 
verfechter ein. Sie ergehen sich in Klagen über die Zersetzung 
der Armee und beschuldigen daran die Bolschewiki. Und ähnlich 
wie die Anbeter der Leibeigenschaft "zurück" riefen, aufs Land, 

. ■ 85 



m den Fleischtöpfen des Gutsbesitzers, unter die Knute — so 
rufen die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre zur alten » 
Disziplin zurück, zum Dienst der Konstituierenden Versamm- 
lung, auf Grund einer Rückkehr zum Kapitalismus und den 
übrigen Herrlichkeiten. Aber wir Kommunisten schauen vor- 
wärts. Wir wissen wohl : das Alte war morsch und musste un- ■ 
venneidlich abfaulen, sonst hätten die Arbeiter und die armen 
Bauern nicht die Regierungsgewalt ergreifen können; das 
Neue, Höhere kommt, an Stelle der alten Armee entsteht die 
Rote Armee des Sozialismus. 

So lange die Macht der Bourgeoisie gehört, das „Vaterland" 
das Vaterland der Bankiers, Händler, der Spekulanten, Gen- 
darmen, Könige und Präsidenten ist — solange ist die Arbeiter- 
klasse in keiner Weise an der Verteidigimg dieser schmutzigen 
Profitmaschinerie interessiert. Ihre proletarische Pflicht ist, sich 
gegen sie aufzulehnen. Nur armselige Sklaveiiseelen und Diener 
des Geldsackes können davon sprechen, dass man während des 
Kri^s nicht gegen den räuberischen imperisilistischen Staat 
streiken und sich nicht auflehnen dürfe. Freilich schadet das der 
Sache des räuberischen Krieges. Gewiss beschleunigen Unruhen 
innerhalb des Landes und besonders Unruhen innerhalb der Ar- 
mee ihre Desorganisation. Wie aber sollte man die Herrschaft 
eines Wilhelm brechen, ohne die wilhelminische Disziplin zu zer- 
sdzen? Das ist immöglich. Die deutschen Märtyrer, jene Ma- 
trosen, die von den Henkern Wilhelms hingerichtet wurden, för- 
derten natürlich die Zersetzung der zu Raubzwecken straff orga- 
nisierten Armee. Wenn aber eine räuberische Armee innerlich 
stark ist, so bedeutet sie den Tod der Revolution. Ist die Revo- 
lution stark, so bedeutet sie das Ende der räuberischen Armee. 
Die Herren Scheidemänner, die deutschen Sozialverräter, hetzen 
gegen Liebknecht, als einen Zersetzer der Armee. Sie hetzen 
gegen alle deutschen Revolutionäre, die deutschen Bolschewiki, 
weil die angeblich der siegreichen Armee ,,in den Rücken fallen". 
Mögen sich die Herren Menschewiki mit den ScheidemwMiem 
und dem andern übel riechendcxi Geschmeiss verbrüdem sie 
sind desselben Geistes Kinder ! 

Für Russland ist diese Zeit bereits vorbei. Die Arbeiter- 
revolution hat gesiegt. Die Periode der Zersetzung gehört der 
Vergangenheit an. \^or uns liegt die Zeit des neuen Aufbaus. 
Eine rote Armee wird gegründet, nicht zum R<mb, sondern zum 
Schutz des Sozialismus; nicht zur Verteidigung des Profit- 
Vaterlandes, wo alles in den Händen des Kapitals und des Guts- 
besitzers lag, sondern zur Verteidigung des sozialistischen Vater- 



landes, wo alles in die Hände der Arbeitenden übergdit; nicht 

zur Aufteilung fremder Länder, sondern zur Stütze der inter- 
nßtionalen kommunistischen Revolution. 

Diese Armee muss natürlich auf anderer Grundlage aufge- 
baut werden, als die alte. Die Rote Armee muss, sagten wir, 
ein Volk unter Waffen bei entwaffneter Bourgeoisie sdn. Sie 
muss eine Klassenarmee der Proletarier und der armen Bauern 
sein. Sie ist ja im Grunde genommen gegen die internationale, 
also auch die einheimische Bourgeoisie gerichtet. Deshalb darf 
sie keine bewaffneten Elemente der Bourgeoisie enthalten. Die 
Bourgeoisie in die Armee aufnehmen, würde bedeuten, sie be- 
waffnen, das hdsst, innerhalb der roten Armee «ne weisse 
Armee schaffen, die mit Leichtigkeit aUes zerstören, zum Mittd* 
punkt von Verrätereien und Aufständen und eines Ueberlaufens 
auf die Seite der feindlichen imperialistischen Armeen usw. 
werden könnte. Nicht die Bourgeoisie bewaffnen, sondern sie 
entwaffnen, ihr den letzten Browning aus der Hand t^^ss/esi ~ 
darin besteht unsere Aufgabe. 

Die zweite, nicht weniger wichtige Aufgabe ist die 
Schaffung eines proletarischen Offizierskorps. Die Arbeiter- 
klasse muss sich gegen Feinde wehren, die von allen Seiten gegen 
sie stürmen. Von den imperialistischen Raubvögeln wird ihr der 
Krieg aufgedrängt. Aber zu einem modernen Krieg bedarf es 
tüchtiger Fachleute. Der Z^r und Kerenski verfügten über der- 
artige Spezialisten. Solche fehlen aber der Arbeiterldasse und 
der armen Dorfbevölkerung. Zu diesem Zweck muss man zu- 
nächst die alten Fachleute verwerten: nun mögen sie die Pro- 
letarier unterrichten! Dann wird das sozialistische, von den 
Sowjets regierte Vaterland seine eigenen Offiziere, sein OffisierS' 
korps haben. Und ähnlich wie in der Revolution die erfahrenere 
und tatkräftigere Arbeiterklasse die armen Bauern hinter sich 
fährt, so werden im Kriege gegen die imperialistischen Macht- 
haber die Arbeiter-Offiziere die Masse der roten Bauernarmee 
anführen. Die rote Armee muss entstehen auf Grund des all^e^ 
meinen Waffendienstes der Arbeiter und der armen Bauern. 

Dieser Waffendienst ist eine der driftendsten und wichtig- 
sten Angelegenheiten. Da darf kdne Minute, keim Sekunde 
Zeit verloren werden. 

Jeder Arbeiter und jeder Bauer muss einexerziert sein und 
ist verpflichtet, mit der Waffe umgehen zu lernen. Nur dumme 
Menschen kcmnen so räsonnieren: Wir haben ja noch Zeit, bis es 
so weit ist, wir werden damit immer fertig werden 1 Die russi- 
sche Fau4>elze räsonnieren oft so. Die ganze Wdt wdss^ dass 

«7 



die Lieblingsredensart des russischen Volkes das „vielleicht" ist. 
„Vielleicht haben wir noch Zeit." Aber schon ist der Klassen- 
feind auf den Ruf der ehemaligen Gutsbesitzer und der Kapita- 
listen da und packt dich am Schlafittchen. Vielleicht, wenn einen 
erst ein wackerer preussischer (oder ein englischer — wer weiss?) 
Unteroffizier an die Wand stellen wird, um ihn niederzuknallen, 
vieU^cht wird dann erst unser gutmütiger Landsmann den Kopf 
krauen tmd sich sagen : „Schön dumm bin ich früher gewesen 1" 

Man muss sich beeilen. Und es schiebe keiner den anderen 
vor. Auch warte man nichts' mehr ab und gehe wacker ans 
Werk, Allgemeine Waffenpflkht — das ist das dringendste, dag 
wichtigste Gdbot der Stunde. 

Die alte Armee war auf die Verdimmung der Soldaten be- 
gründet. Das kam daher, weil dort die Kapitalisten und die 
Gutsbesitzer Millionen von Soldaten, Arbeitern und Bauern, len- 
ken durften, deren Interessen denen der Kapitalisten wider- 
sprachen. Das kapitalistische Regime musste daher zuerst aus 
dem Soldaten ein hinüoses Wesen machen, das gegen seine eige- 
nen Interessen handdte. Im Gegenteil, die rote Armee der Ar- 
beiter und Bauern vertritt ihre eigene Sadie. Sie kann also nur 
auf der Aufklärung und der Zielbewusstheit der Genossen auf- 
gebaut werden, die in diese ihre Reihen eintreten. Daraus er- 
gibt skh die Notwendigkeit von Fachkursen, Bibliotheken, Vor- 
tragen, Meetings und Versammlui^;en. In der freien Zeit neh- 
men die Soldaten der roten Armee zugldch mit den anderen 
Arbeitern am politischen Leben teil, besuchen Versammlungen, 
leben das Leben der Arbeiterklasse. 

Diese Bedingung ist eine der wichtigsten Bedingungen, da- 
mit eine feste revolutionäre Disziplin entstehen kann, nicht die 
Stockdtsziplin, sondern ein auf dem revolutionären Klassen- 
bewusstsein begründete Disziplm. Wenn der Zu&unmenhang 
zwischen der Armee und der Arbeiterklasse verloren geht, so 
entartet die Armee schnell und kann sich leicht in eine Bande 
verwandeln, die demjenigen dient, der mehr zahlt. Dann geht 
sie ihrem Zerfall entgegen, und nichts kann sie vor diesem Zer- 
fall bewahren. Im G^öiteil. Befindet sich die rote Armee in 
lebendigem Zusammenhang mit den Arbeiteni und ld*t das Le- 
ben der Arbeiter, so wird sie das sein, was sie sein soll: ein be- 
waffnetes Organ der revolutionären Massen. 

Als eines der besten Mittel zur Bewahrung des Zusammen- 
hanges mit den Massen erscheint ausser den erwähnten (Vor- 
lesungen, politische Versammlungen usw.) die Verwendung der 
Soldaten der roten Armee zwn beständigen Unterrichten der Ar- 



88 



heiter im Gebrauche der Schusswaffen, Maschinengewdire usw. 
Anstatt, dass die Soldaten sinnlos herumlungern, Karten spielen, 
in den Kasernen herumsitzen — haben sie eine produktive Arbeit 
vor sich, die AUe zu einer einzigen einträchtigen revolutionären 
FamjHe zusammensciuniedet. So entsteht ein Volk unter Waffen, 
das bewaffnete Proletariat und die bewaffnete arme Bauern- 
schaft, und sie werden auf der Hut der grossen Arbeiterrevoltt- 

tion sein. xiX. Die B^r^img der Völker. 

{Nationale Frage und internationale PotiHk.) 

Das Pr(^|iamm der Irommunistischen Partei ist das Pro- 
gramm der Befreiut^ nicht allein des Prolfetariats eines einzigen 

Landes, — es ist das Befreiungsprogramm des gesamten interna- 
tionalen Proletariats, denn es ist das Programm der intemoHo- 
nalen Revolution. Zugleich aber ist es auch das Programm der 
Befreiung aUer kleinen unterdrückten Länder und Völker. Die 
räuberischen „Grossmächte" (England, Deutschland, Japan, 
Amerika) hatten sich eine unabsdibare Menge Toa Ländern und 
Völkern zusammengeraubt. Sie hatten den ganzen Erdball un- 
tereinander verteilt. Und so kommt es, dass in diesen geraubten 
Ländern die Arbeiterklasse und alle werktätigen Massen unter 
doppeltem Joch zu stöhnen haben: dem Joch seitens der einhei- 
mischen Bourgeoisie imd dem vermehrten Joch seitens der Er- 
oberer. Das zaristische Russland hatte d»falls cäine Unmenge 
von Ländern und Völkern zusammengerafft, — so ist die Grösse 
„unseres" Kaiserreichs zu erklären. Begreiflicherweise entstand 
unter vielen „Fremdvölkern" und sogar unter einem gewissen 
Teü des nicht-grossrussischen Proletariats ein Alisstrauen gegen 
die „Moskowiter" überhaiqit. Die nationale Unterdrückung rief 
das nationale Gefühl wach b« den unterdrückten Teiten des 
Proletariats — ein Gefühl des Argwohns gegenüber der unter- 
drückenden Nation als ganze, ohne Unterschied der Klassen; 
bei dem Proletariat der Unterdrückernation — ein ungenügendes 
Verständnis für die Lage der doppelt unterdrückten Teile des 
„fremdländischen" Proletariats. Doch ein. Sieg der Arbeiter- 
revolution an der ganzen Front erfordert ein v&Uges gggmsH* 
tiges Vertrauen der einseinen Teile des Proletariats sueinaudfir. 
Es muss durch die Tat gezeigt und bewiesen werden, dass in dem 
Proletariat derjenigen Nation, die die anderen unterdrückt, das 
Proletariat der anderen Nationen einen bedingunglosen Verbün- 
deten hat. Bei uns in Russkuid waren die herrschende Nation, 
das herrschende Volk, die Grossrussen, wekhe die Fianea und 
Tataren, Ukrainer und Armenier» Georgier und Polen, Tschu- 



waschen titid Mordwiner, Kirgisen tind Baschkisen, und 
Dutzende anderer Nationalitäten unterwarf. Natürlich haben 
sogar gewisse proletarische Elemente dieser Nationalitaten eine 
ganz falsche Vorstellung von jedem Russen überhaupt. Sie ha- 
ben an sich erfahren, wie das zaristische Gesindel sie misshandelt 
tmd beschimpft hatte, und sie dachten, so wären alle Russen, 
auch ^e russischen Ftoletarier. 

Damit unter den verschiedenen Teilen des Proletariats brü- 
derliches Vertrauen bestehe, verkündet das Kommunistische 
Programm das Recht der werktätigen Klassen jeder Nationalität 
auf vollständige Abtrennung. Das heisst soviel wie, dass der 
rossisehe Arbeiter, sobald er die Macht erlangt hat, zu den Ar- 
beitern der anderen Nationalitaten, die in Russland leben, sagt : 
„Genossen ! Wenn Ihr nicht an unserer Sowjetrepublik teihieh- 
men wollt, wenn Ihr durch Organisation von Sowjets eine eigene 
Republik haben wollt, — so könnt Ihr Euch von uns trennen. 
Dieses Recht erkennen wir Euch vollkommen zu. Und wir wol- 
len Euch keinen Augenblick mit Gewalt zurückhalten." 

Selbstverständlich lasst sieh nur durch eine solche Taktik 
das Vertrauen des Proletariats als»Ganzes gewinnen. Stellen wir 
uns in der Tat vor, was nun wäre, wenn die grossrusMSchfen 
Arbeiterräte mit Gewalt irgendwelche Teile der Arbeiterklasse 
anderer Nationen bei sich behalten wollten und die anderen mit 
bewaffneter Hand sich wehren würden. Das würde natürlich 
einen vollkonfmenen Zerfall der gemeinsamen proletarischen Be- 
wegung, eine völlige Zerrüttung der Revolution bedeuten. So 
darf man nicht handeln, denn, wir wiederholen, nur «n brüder- 
lichen Bund der Proletarier liegt das Siegespfand. 

Eine Nebenbemerkung. Es ist hier nicht vom Selbstbestim- 
mui^echt der Naiion (das heisst, sowohl der Arbeiter wie der 
Bourgeoi^e zusammen) die Rede, sondern vom Recht der werk- 
tätigen Klassen. Das bedeutet, dass der sogenannte Wille der 
„Nation" für uns keineswegs heilig ist. Wenn wir uns nach dem 
Willen der Nation erkundigen wollten, hätten wir die konsti- 
tuierende Versammlung dieser Nation einberufen müssen. Für 
uns ist der Wille der proletarischen und halbproletarischen 
Massen heilig. Deshalb ^redien wir dben nicht vom Selbstbe- 
stimmungsrecht der Nationen, sondern vom Absonderungsrecht 
der arbeitenden Klassen einer jeden Nation. Während der Dik- 
tatur des Proletariats sind nicht die konstituierenden Versamm- 
lungen („vom ganzen Volk", „von der ganzen Nation"), sondern 
die Sow^s (die Räte) der Arbeitenden massgebend. Und wenn 
in irgendeinem Winkel Russlasds m gleidier Zeit zwei Ver- 



90 



sanunlui^fen einberufen worden wären — die „Konstituante" der 
betreffenden Nation und der Kongress der Sowjets, und dabei 
die „Konstituante" für eine Absonderung wäre, der proletarische 
Kongress aber dagegen, — so würden wir dann den Beschluss 
des Proletariats gegen den Beschluss der „Konstituante" unter- 
stützen, und zwar mit allen Mitteln, — die Waffen einbegriffen. 

So löst die Partei des Proletariats die Frage der Proletarier 
der verschiedenen Nationen, die innerhalb desselben Staates 
leben. Vor der Partei erhebt sich aber eine noch grössere Frage 
nach ihrem internationalem Programm. Hierin ist der Weg klar 
vorgezeichnet. Das ist der Weg der universellen Unterstützung 
der internationalen Revolution, der Weg der Unterstützung der 
revohitionären Propaganda, der Streiks und der Aufstände in den 
imperialistisdien Ländern, und der Weg der Unterstützung der 
Aufstände und der Empörungen in den Kolonien dieser Länder. 

In den imperialistischen Ländern (und als solche erscheinen 
alle Länder, mit Ausnahme von Russland, wo die Arbeiter der 
Herrschaft des Kapitals das Genick gebrochen haben) bildet eines 
der wichtigsten Hindemisse der Revolution die Vaterlands vertei- 
digende Sozialdemokratie. Diese stellt auch jetzt noch die Pa- 
role der Verteidigung des (räuberischen) Vaterlandes auf uiul 
betrügt somit die breiten Arbeitermassen, Sie jammert über die 
Zersetzung der (räuberischen) Armee. Sie hetzt gegen unsere 
Freunde, die deutschen, österreichischen imd englischen Bolsche- 
wiki, die allän mit Verachtung und Empörung die Landesvertei- 
digung des bürgerlichen Vaterlandes ablehnen. Die Sowjet- 
republik nimmt eine ganz besondere SleMung ein. Sie ist ^ 
einzige proletarische Staatsorganisation der Welt inmitten der 
räuberischen Organisationen der Bourgeoisie. Deshalb darf sie 
allein das Recht der Verteidigung beanspruchen. Noch mehr, — 
1^ muss als Werkzeug des Kampfes des ganzen Weltproletariats 
gegen die WdtbourgcQisie betrachtet werden. Schon ist die 
Losung, der Ruf dieses Kampfes klar. Die internationale Losung 
dieses Kampfes ist die Losung der Internationalen Sowjet- 
republik 

Der Sturz der imperialistischen Regierungen auf dem Wege 
des betuaffneten Aufstandes und der Errichtung einer interna- 
tionalen Räterepublik — da» ist der W^ anir nttemaiiomaleH 

Diktatur der Arbeiterklasse. 

Das stärkste Mittel zur Unterstützung der internationalen 
Revolution bildet die Organisation der bewaffneten Kräfte dieser 
Revolution. Die Arbeiter aller Länder, die nicht durch ihre 
Sozialievolutionäi« und Menschewiki (und diese gibt es in jedem 



91 



Lande) geblendet smd, sehen in der russischen Revolution und 
in der Sowjetregierung Russlands ihre ureigene Sache. Warum r 
Weil sie begreifen, dass die Macht der Sowjets die Macht der 
Arbeiter selbst ist. Ganz anders wäre es aber, wenn die Bour- 
geoisie mit Httie der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre 
die Sowjetr^[ierung gestürzt, dne 

^^^^^ « -w-k • • • J — 

einberufen und dadurch die Regierung der Bourgeoisie, in der 
Art wie sie vor der Oktoberrevolution bestand, errichtet hatte. 
In diesem Fall hätte die Arbeiterklasse ihr Vaterland verloren, 
denn sie würde ihre Macht verloren haben. Dann waren unver- 
meidUch die Banken in die Hände der Bankiers, die Fabriken 
in die Hände der Fabrikanten und das Land zu den Gutsbesitzern 
übergegangen. Das Vaterland der Profitmachere* wäre wieder 
auferstanden. Dieses Vaterland zu verteidigen darsm hatten 
die Arbeiter absolut kein Interesse. Andererseits hatten die west- 
europäischen Arbeiter im Russland der Sowjets nicht mehr den 
heUen Leuchtturm, der ihnen in ihrem harten Kampfe voran 
leuchtet. Die Entwicklung der internationalen R.evolution wäre 
aufgehalten. Dagegen, die Festigung der Räteregierung, die Or- 
ganisation der bewaffneten Kräfte der Arbeiter und der am^ 
Bauern die organisierte Abwehr der internationalen Rauber, die 
als Klassengegener, als Grundbesitzer und Kapitalisten, als eine 
Bande von Henkern der Arbeiterrevolution, Russland angreifen, 
die Errichtung der Roten Armee, — das muss auch die revolu- 
tionäre Bewegung in den anderai europaischen Landern fordern. 

Te besser wir organisiert sind, je mächtiger die bewaffneten 
Schien der Arbeiter und der Bauern sind, je sicherer die Dik- 
tatur des Proletariats in Russland ist, — umso eher wird auch 
die Sache der internationalen Revolution gefordert. 

Diese Revolution wird unausbkibUcb kommen, so sehr auch 
die deutschen, österreichischen, französischen und engh^heft 
Menschewiki ihren Gang aufhalten. Die Arbeitennassen Russ- 
lands haben mit den Opportunisten gebrochen. Mit ihnen werden 
auch die Arbettcrmassen Westeuropas brechen (und brechen 
auch jetzt schon). Die Parole: Sturz der buigerlichen Vater- 
länder, Sturz der räuberischen Regierungen, Diktatur ^ Pro- 
letariats — diese Parole gewinnt immer mehr und mehr b]^!- 
pathien.' Früher oder später werden wir die Intemattonale Ke- 

publik der Sowjets haben! ' , 

Die Ii^smationale Räterepublik wird Hunderte Millionen 
von Menschen in den KtAomea von der Unterdrü^g befreien. 
Die „zivilisierten" Grossmächte quälten und mrterten durch W«^ 
tige Verfassung die Bevölkerung der KolomaUander. Dte euro- 



DUsdie Ziviüsation wurde vom Blute der unbarmherzig ausge- 
b^teten und ausgeplünderten Völkerschaften der fernen uber- 
sedschen- Länder getr^. Sie alle werden durch die Diktatur 
des Proletariats befrdt, — und nur durch sie allem Ebenso 
wie die russische Sowjetregierun^ sich ftir j«ie Ablehnung der 
Kolonialpolitik erklärte und ihren Standpunkt durch die lat 
bekräftigt hat, z. B. in bezug auf Persien, - so wird auch die 
Arbeiterklasse Europas, nachdem sie die Herrschaft der Ban- 
kiers gestürzt haben wird, den unterdrückten und ausgebeuteten 
Klassen die volte Freiheit langen. Aus (ücsem Grunde ist eben 
das Programm unserer Partei, das Progranmi der internaüonakn 
Revolution, zugleich auch das Programm der voUstandigen Be- 
Ireiung aller Schwachen und Unterdrückten. Die grosse Klasse 
— dl^ Arbeiter — stellt sich auch grosse Aufgaben. Und sie 
stellt sich nicht nur diese Aufgaben, sondern sie lost sie auch im 
blutigen, qualvollen, heroischen Kan^fe. 

Sehkiss. 

{Warum nennen wir uns Kommunisten^) 
Unsere Partd hiess.bis zu ihrem letzten Kongress die sozial- 
demokratische Partei. In der ganzen Welt trug die Partei der 
Arbeiterklasse diesen Namen. Aber der Krieg nef eine noch 
nie dagewesene Spaltung in den sozialdemokratischen Partcieo 
hervor! Und da stellten sich die drei Grundstromung«i inner- 
halb dieser Parteien heraus : der äussere rechte Flügel, das Zen- 
trum und der äussere linke Flügel. • i. i 
iDie rechtsstehenden Sozialdemokraten entpuppten sich als 
die wahren Verräter der Arbeiterklasse. Sie leckten (»f^jf^en 
bis jetzt noch) die mit Arbeiterblut bedeckten Stiefd der Ge- 
neräle. Sie unterstützten die grössten Niederträchtigkeiten und 
Verbrechen ihrer Regierungen. Man braucht sich nur daran zu 
erinnern, dass der deutsche Sozialdemokrat Scheidemann die 
Ukraina-Politik der deutschen Generäle unterstutzt hat Ebenso 
Renaudel, der Führer der franzosischen, Henderscmder aigli- 
schen, Bissolati der italienischen Sozialdemokratie. Das sind die 
direkten Henker der Arbeiterrevolution. ' 

Wenn die deutschen Arbeiter gesiegt haben werden, werden 
sie gut tun, Scheidemann am selben Galgen mit^ Wilhelm aufzu- 
hängen. Soldie Herren gibt es auch in Menge m Frankreich, in 
England und in den anderen Ländern. Gerade sie b^rugen die 
Arbeiter durch Phrasen von der Vateriandsverteidigung (des 
Vaterlandes der Bourgeoisie, Wilhems H), ersticken dieArheiteT' 
rev(*itioa bei skh zu Hause und morden sie in Russland mit den 



93 



Bajonetten ihrer Regienuigea imi 4«4ti6^ 4aB& sif^#eie>S«r 
gierungen unterstützen. 

Die zweite Richtung ist das Parteizentrum. Die übt an sei- 
ner Regierung Kritik, ist aber zu keinem revolutionären Kampfe 
fähig. Es kann sich nicht entschliessen; die Arbeiter auf die 
Strasse zu rufen. Es fürchtet sich vor dem bewaffneten Auf- 
stande, der aUetn die Frage zu lösen vermag. Die Führer dieser 
Richtung in Deutschland sind tiaase und Kautsky, >n Frank- 
reich — Longuet, in Italien — Turati, in England — Macdonald. 

Die dritte Strömung ist schliesslich die äussere Linke: in 
Deutschland — Liebknecht und seine Gesinnungsgenossen, in 
Frankreich — Loriot, in Italien — Surati, in England — Mc- 
Lean. Das ^nd die westeuropäischen Bolschewiki. Ihre Taktik, 
ihre Ansichten sind die Ansichten der Bolschewiki. 

Nun schaue man an, welch eine Verwirrung entsteht, wenn 
man alle diese Gruppen mit demselben Namen nennt. Der So- 
zialdemokrat Liebknecht und der Sozialdemokrat Scheidemann! 
Was haben sie gemeinsam? Ein Henker der Revolution, ein 
schmutziger Vortiter, — und der tapfere Vorkämpfer der Ar* 
beiterklasse, — kann man sich denn noch einen gröss«-en Unter- 
schied denken?! 

In Russland, wo der revolutionäre Kampf und der Werde- 
gang der Revolution die Frage des Sozialismus und des Sturzes 
der Macht der Bourgeoisie auf die Spüse getrieben hatten, wurde 
der Streit zwischen den Verrätern am Sozialismus und den An- 
hängern des Sozialismus mit der Waffe in der Hand ausgefoch- 
ten. Auf der einen Seite der Barrikade waren die Rechts-Sozial- 
revolutionäre und die Menschewiki mit der ganzen gegenrevolu- 
tionären Brut; auf der anderen waren die Bolschewiki, gemein- 
sam mit den Arbeitern und den Soldaten. Das Blut hat einen 
Strich zwischen uns gezogen. Und das lässt sich nicht yeif^sen 
und wird auch nicht in Vergessenheit geraten. 

Aus diesem Grunde müssen wir unserer Partei einen anderen 
Namen beilegen, der uns von den Verrätern am Sozialismus un- 
terscheiden soll. Zu gross ist der Abstand zwischen ihnen und 
uns. Zu verschieden sind imsere Bahnen und Wege. 

In bezug auf deti bürgerlichen Staat kennen wir, Kommu- 
nisten, nur eine einzige Pflicht — ihn zu sprengen, diesen räube- 
rischen Bund zu zerstören. Die Sozialdemokraten predigen, un- 
ter dem Mäntelchen der Vaterlandsverteidigung, eine Verteidi- 
gung dieses Unternehmer- Verbandes. 

Dafür aber sind W^, nach dem Sieg der Arbeiterklasse, in 
bezug auf die Rater^erung für deren Si^utz und Trulz ^gegen 

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unsere erbitterten Feinde, die Imperialisten, der ganzen Welt. 
Sie aber, die echten Verräter an den Intepessen der Arbeiter, 
stellen sich zur Aufgabe, die Arbdterregierui« zu stürzen und 
die Sowjets zu sprengen. Und im Bestreben, diese Aufgabe zu 
erfüllen, marschieren sie in gleichem Schritt mit der ganzen 

Bourgeoisie. , , o u • • 

Wir, Kommunisten, streben vorwärts, welche Schwierig- 
keiten das auch kosten mag, wir schreiten dem Kommunismus 
entgegen, durch die Diktatur des Proletariats. Aehnlich wie die 
boshaften Bourgeois hassen jene PseudoSozialisten von ganzem 
Herzen diese Diktatur, beschimpfen sie auf allen Ecken und 
Enden und stellen die Parole auf: „Zurück zum Kapitalismus!" 

Wir, Kommunisten, sagen der Arbeiterklasse: „Euer Weg 
ist domenreich, aber geht tmentw^ vorwärts, immer vorwärts. 
Die grosse Revolution, die die alte Welt auf den Kopf steUt, 
kann nicht glatt verlaufen, man kann sie nicht in wdssen Glacee- 
handschuhen machen: sie wird unter Qualen geboren. Diese 
Qualen müssen ertragen, erduldet werden, man muss durch ihr 
Feuer gehen, damit man sich endlich aus der eisernen Umklam- 
merung der kapitalistischen Sklaverei befreie." 

Aber die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre und die So- 
zialdemokraten schauen von der Seite zu, fangen alle unsere 
Fehler und unsere Missgriffe auf und ziehen darauf den Schluss : 
Zurück! Geben wir der Bourgeoisie alles wieder, wir wollen ge- 
nügsam im Stall des Kapitaiismus bescheidene Portionen ver- 
lange! — 

Aber nein! Ihr Weg ist nkht unser W^ ! Diese Unglück- 
lichen schreckt der Bürgerkrieg. Aber es gibt keine Revolutkm 
ohne Bürgerkrieg. Oder glauben sie etwa, dass in den anderen, 
fortgeschritteren Ländern die Revolution ohne Bürgerkrieg ver- 
laulen werde ? Die Erfahrung Finnlands hat uns das Gegenteil 
gezeigt. Die Tausende füsilierter f innländischer Genossen liefern 
den besten Bewds dafür, dass in d«i fortgeschritteneren kapita- 
listischen Ländern der Bürgerkrieg noch efiattertw, .»och Wü- 
tiger, noch grausamer sein wird. Man kann voraussehen, dass 
in Deutschland zum Beispiel der Klassenkampf ausserordentlich 
scharf sein wird. Schon jetzt knallen bei dem leisesten Versuch 
der Empörung die deutschen Offiziere ihre Soldaten und Ma- 
trosen zu Hunderten nieder. Nur durch den Bürgerkrieg und 
die eiserne Diktatur des Proletariats hindurch kann man zum 
Sozialismus gelangen, kann man die kommunistische, geseU- 
ßchaftliche Produktion erreichen. 

Verteidigung des bürgerlichen Staates^ und kein Schritt 

95 



vorwärts zum Kommunismus! — das ist das Programm der 
jetzigen Sozialdemokraten! 

Sprengung des bürgerlichen Staates, Arbeiterdiktatur, Ent- 
eignui^ der Kapitalisten, Organisaticm der Produktion durch die 
Arbeiterklasse, der breite Weg zum Kommunisnltts — <fats ist 
das Programm der kommunistischen Partei. 

Wenn wir uns Kommunisten nennen, ziehen wir nicht nur 
den Trennungsstrich zwischen uns und den Sozialverrätern : 
den Menschewiki, den Sozialrevolutionären, den Scheide- 
männem und dm übrigen Agenten der Bourgeoisie. Wir keh« 
rien zu der alten Benennung der revdutionaren Partei zurüdc, 
an deren Spitze Karl Marx gestanden hat. Das war die KofH" 
munistische Partei. Und als Evangelium der Revolution er- 
scheint auch heute noch das von Marx und Engels verfasste 
„Kommunistische Manifest''. Der alte Engels protestierte noch 
anderthalb Jahre vor seinem Tode g^^en den Namen ,»Sozial- 
demokrat". Ein ganz unpassender Name meinte er — für eine 
Partei, die den Kommunismus anstrebt, der ja letzten Endes 
jeden Staat, darunter auch den demokratischen, vernichtet. — 
Was hätten die grossen Alten, die voller Hass gegen die bürger- 
liche Staatsmaschinerie waren, gesagt, wenn man ihnen solche 
Sozialdemokraten gezeigt hätte wie Dan, Z^etelli oder Scheide- 
mann? Sie 'hätten sie mit Veradittmg gestempelt, wie sie stets 
jene „Demokraten" stempelten, die in den "kritischen, schweren 
Augenblicken der Revolution den Revolverlauf gegen die Ar- 
beiterklasse richtetetn ... 

Vide Hindernisse stehen im Wege. Und viel Unrechtes 
gibt es momentan in unseren eigenen Reihen,, denn viel fremde 
Elemente sind zu uns gestosseu, die für Gdd käuflich^ sind 
und im Trüben zu fischen suchen. Die Arbeiterklasse ist jung 
und unerfahren. Und von allen Seiten ist die junge Sowjet- 
republik von Feinden umgeben. Doch wir, Kommunisten, wissen 
wohl, dass die Arbeiterklasse an ihren eigenen Irrtümern lernt. 
Wir wissen, dass sie ihre Reihen von allen Schlacken, die sich 
ihr beigemengt haben, säubern wird; wir wissen, dass der treue 
und ersehnte Verbändcte sich zu ihr gesellen wird: das interna- 
tionale Proletariat ! Und unsere Partei wird sich durch kein 
Altweibergeflenne und durch kein hysterisches Geschrei irrefüh- 
ren lassen. Denn sie hat auf ihr Banner die goldenen Worte ge- 
setzt, die Marx im „Kommunistischen Manifest'' geschriebra hat : 

„Mögen die herrschenden Klassen vor einer Kommunistin 
sehen Revolution Bittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu 
verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. 
Proletarier aller Limder, vereinigt EuchT 

Mai 1918.